Album Review: The Early November – Fifteen Years

Bei der Warped Tour dabei vor der ersten Veröffentlichung, ein Dreifach-Album, ein Hiatus, eine Reunion – in 15 Jahren haben The Early November so einiges erlebt und (durch-)gemacht. Anstelle eines langweiligen Best Of-Albums haben sich die Herren etwas ganz Schönes zur Jubiläumsfeier ausgedacht: Auf „Fifteen Years“ wird die Bandgeschichte auf eine Stunde komprimiert, und zwar in Form von akustischen Versionen ihrer Songs.

Was passierte denn in diesen letzten Fifteen Years? The Early November wurden mit der Emo-Pop-Welle anfangs 2000er Jahre an Land gespült, zusammen mit Taking Back Sunday, The Movielife, Finch und den Tausenden anderen Bands, die im Fahrwasser von The Get Up Kids, Saves The Day und natürlich Jimmy Eat World den Schulterschluss von Emo und Pop Punk zelebrierten. Die ersten EPs und Alben erschienen natürlich auf Drive-Thru Records – wo sonst. Mit einem ambitionierten Triple-Konzeptalbum im Jahr 2006 legte die Band ihre Genre- und Szene-Fesseln ab, brach aber bald darauf auseinander. 2012 kamen die Herren mit „In Currents“ zurück, das wie „Imbue“ (2015) auf Rise Records veröffentlicht wurde und die beide einen rockigeren Sound präsentierten.

Beim Hören des diesjährigen retrospektiven Albums fällt auf, was über die ganzen turbulenten Jahre der rote Faden der Band war: Sänger und Gitarrist Ace Enders hat ein unglaubliches Händchen für Melodien und eine Stimme, die direkt ins Herz geht. Mit vereinheitlichter Produktion und homogenem Akustik-Setting erkennt man deutlicher denn je, dass dies immer der Kern der Band war. So ganz auf das Wesentliche heruntergebrochen wäre es ohne Vorwissen sehr schwierig, die Songs in der Timeline der Band zu platzieren. Daraus kann nicht nur die Konstanz von Enders Songwriting gelesen werden, sondern auch, dass es sich hier um ein stimmiges, kohärentes Album handelt.

Wer nun trotzdem denkt, akustische Versionen bekannter Songs seien doch langweilig, kennt anscheinend Ace Enders oder gar The Early November nicht. Und wer die nicht kennt sollte dies sowieso längst nachholen – zumindest wenn einem auch nur eine der oben erwähnten Bands lieb ist. Starten würde ich schon mit einem regulären Studioalbum. Doch die, die diese schon in- und auswendig kennen und lieben, dürften an „Fifteen Years“ ihre wahre Freude haben. Songs von allen Veröffentlichungen, inklusive der „For All Of This“ EP? Check. Nicht nur grosse Singles, sondern auch Fan-Favourites? Jawohl. Ungestörtes Fokussieren auf die grandiosen Melodien und Harmonien? Jep. Und kaum zu glauben, aber Enders Stimme ist noch weiter gewachsen. Die erdrückende Emotion von „Call Off The Bells“ ist noch ausgeprägter als beim Original, im Refrain von „I Don’t Care“ kommt das kratzige Halbschreien richtig zur Geltung und „Outside“ hat sich zu einem neuen Lieblingslied gemausert.

Eine gelungene Winterplatte, die die graziöse Melancholie dieser grossen Band auf eine Stunde Spielzeit runterbricht. Da verliebt man sich doch grad neu in The Early November will gleich die alten Platten und CDs wieder hervorkramen – und hoffen, dass Fifteen Years kein Abschiedsgeschenk ist, sondern nur eine gelungene Überbrückung bis zum nächsten Album.

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VÖ: 20.01.2017 / Bad Timing Records

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