Ben von Neck Deep: «Es ist okay, nicht okay zu sein»

Vor dem Konzert im Volkshaus, Zürich, trafen wir uns mit Sänger Ben Barlow von Neck Deep und führten ein langes und sehr interessantes Gespräch mit ihm.

Wie geht es dir heute?
Mir geht es gut soweit. Es ist ein bisschen kalt und ich bin müde, aber motiviert.

Wie war die Reise in die Schweiz?
Gut, ich habe viel geschlafen. Ich bin wie eine Eule und meistens immer der Letzte, der am Abend ins Bett geht. Deshalb habe ich auf dem Weg noch ein bisschen geschlafen.

Das letzte Mal habe ich Fil und Matt Interviewt. Damals habt ihr kurz vorher euer Album “Life Is Not Out To Get You” veröffentlicht. Ich finde die Platte immer noch der absolute Hammer und habe das Gefühl, dass viele Leute auch jetzt noch das Album entdecken und cool finden. Wie erlebst du das so?
Vielen Dank, das ist toll. Es ist cool zu wissen, dass das Album immer noch aktuell ist und die Leute es mögen. Da es schon etwas länger draussen ist, ist es immer wieder cool wenn uns Fans irgendwie sagen, dass sie sich seit 6 Monaten wieder einmal das Album angehört haben und es immer noch feiern. Wir spielen schon seit Jahren Songs vom Album auf den Tours. Daher ist es wirklich schön zu wissen, dass wir eine Platte geschrieben haben, die immer noch vielen Leuten gefällt und sie nicht schon nach vier Monaten auf den Sack geht.

Jeremy von A Day To Remember hat euer Album produziert, richtig? Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Es war sehr angenehm. Er war nie zu aufdringlich oder penetrant. Aber wenn er wirklich das Gefühl hatte, dass etwas einen Song besser machen würde, hat er einfach gesagt, wir sollen es zumindest ausprobieren. Und es geschah wirklich viel, dass seine Ideen die Song schlussendlich besser machten. Manchmal wurde nur ein Chord oder ein kleiner Vocal-Part geändert. Bei ein paar Songs hat er nicht wirklich viel gemacht, weil sie schon so gut wie fertig waren. Doch bei einigen Liedern hatten wir ein bisschen Mühe und dort hat er uns dann sehr geholfen. Wie zum Beispiel “Rock Bottom”; wir mochten den Song nicht wirklich und konnten uns nicht wirklich damit anfreunden. Doch er hat immer gesagt, wir sollen ihm vertrauen, es sei einer seiner Lieblingssongs vom Album. Wir haben ihm vertraut und am Schluss entpuppte er sich als einen der Fanlieblinge. Bei “December” haben wir vor allem am Chorus zusammen gearbeitet, wie auch das Ende von “Kali Ma”. Er wollte ein Zitat vom Film reinhauen am Schluss. Wir haben es mit meiner Stimme versucht, dann mit der von Laura Whiteside. Das hat aber auch nicht funktioniert mit dem Boy- und Girl-Ding. Wir haben dann gesagt, dass er es geschrieben hat und es demnach auch nach ihm klingt. Als er es dann aufgenommen hatte, passte es einfach perfekt. Es war sehr cool, mit ihm zu arbeiten. Wir konnten unseren Sound ausleben, aber wenn wir in einem Loch waren, hat er uns sehr geholfen.

Am Anfang von “Citizens Of Earth” hört man euch reden. Wie ist dieses Gespräch entstanden?
Fil wollte eigentlich einfach in ein Mikrofon furzen. Das ist eigentlich alles (lacht). Du kannst es nicht wirklich hören, aber am Ende hört man es ein kleines bisschen. Wir haben einfach alle gelacht und im Hintergrund hat noch ein Hund angefangen zu bellen. Wir dachten, es wäre ein cooler Opener. Dann weiss man gleich, dass es nicht zu seriös wird (lacht).

Ich habe gesehen, dass ihr “Hope For The Day”-Karten/Sticker an eurem Merch-Tisch habt. Kannst du uns ein bisschen von “Hope For The Day” erzählen?
Ja klar! “Hope For The Day” ist eine Selbstmord-Präventions-Organisation. Es ist Non-Profit und wird von meinem Kollegen Jonny Boucher geführt. Wir haben uns auf der Warped Tour kennengelernt und haben uns auf anhieb sehr gut verstanden. Es hatte nicht einmal mit der Organisation zu tun. Wir haben dann einmal darüber gesprochen und ich finde einfach, was er macht, ist sehr wichtig. Auch speziell in unserer Szene. Es geht auch um die mentale Gesundheit wie zum Beispiel Depressionen. Es ist ein sehr wichtiges Problem, das man angehen muss. Ich habe es erlebt, Leute im meinem Umfeld haben damit gelebt und ich glaube jeder kennt jemanden, der davon betroffen ist. Unsere Musik teilt eine ähnliche Message wie diese Organisation. Das Leben wird besser und ist nicht die Hölle. Vielleicht scheint es im Moment so, aber wir versuchen ein bisschen positive Stimmung zu verbreiten und probieren, über unsere Songs für jemanden da zu sein. Bei mir und Jonny hat es einfach geklickt und wie gesagt, wir verbreiten die selbe Message. Deshalb haben wir angefangen, zusammen zu arbeiten. Sie sagen “It’s ok not to be ok” was so viel heisst wie “Es ist okay, nicht okay zu sein” und wir sagen “Life Is Not Out To Get You”.

Wenn du dir ein Tattoo von deinen Songtexten stechen lassen müsstest, welche Zeile würde es sein?
Damn! Wenn ich mir Band Tattoos stechen lasse, mache ich es meistens nicht zu offensichtlich. Das heisst, ich lass mir nicht gleich ihr Logo tätowieren. Vielleicht würde ich einfach die Anfangsbuchstaben von unserem Albumtitel tätowieren lassen oder ein Kali Ma-Kopf. Wenn ich jetzt aber wirklich Lyrics wählen müsste, würde ich vielleicht “Smooth seas don’t make good sailors” oder “I’ve been moving mountains that I once had to climb”.

Ich habe gehört, ihr habt ein neues Bandmitglied. Kannst du unseren Lesern erzählen, wer Carl ist und wo ihr ihn gefunden habt?
(lach) Er sitzt dort. (Anm. der Red.: Carl, eine männliche Puppe sitzt gegenüber auf einem Sitz) Also, wir waren in Berlin und die anderen gingen zu einem Markt, der in der Nähe war und haben ihn irgendwie dort gefunden. Er war nackt, hatte ein Tuch auf dem Kopf und wir dachten, es wäre lustig, wenn wir ihn kaufen würden. Er kostete uns 80 Euro. Ich muss zugeben, vielleicht haben wir zu viel für so eine Puppe bezahlt, aber du kannst ihm keinen Preis anhängen. Also ja, wir haben ihn gerettet. Es ist fast so als hätten wir einen Hund adoptiert aber anstelle eines Hundes, ist es eine Puppe. Er hat eine Zunge, Zähne etc. Es ist komisch, wie echt er aussieht. Es wird langsam komisch, weil wir angefangen haben, ihn ein bisschen wie eine echte Person zu behandeln.
Tour Manager: Ihr habt ihm den Autogurt angezogen.
Ja, das ist wahr (lacht). Wenn wir in den Raum kommen und er auf dem Sofa sitzt, erschrecke ich mich immer und er starrt dich einfach mit seinen kalten, toten Augen an. Aber es ist lustig und ein Weg, Zeit auf Tour totzuschlagen.

Er hat sein eigenen Twitter Account richtig?
Ja, wir haben den aber nicht gemacht. Fünf Minuten, nachdem wir es gepostet haben, tauchte ein Account auf. Er ist ein cooler Dude. Doch wir vermuten, er hatte eine harte Vergangenheit. Wir tendieren dazu, ihm auf der Bühne Fragen zu stellen und so. Aber er ist ein bisschen fucked up.

Was würdest du jungen Bands mitgeben?
Seid nicht so darauf fixiert, die grösste Band zu werden. Du solltest nicht nur deswegen Musik machen. So klischeehaft wie es klingt, du solltest es machen um Spass zu haben und Musik zu spielen. Die Welt ist kein lieber Ort. Ich glaube, bei uns waren es verrückte Umstände. Es passiert nicht bei jedem so schnell wie bei uns. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Hier sind ein paar Tipps für Bands die gerade anfangen:

1. Eure Musik muss gut sein. Du solltest dein Instrument im Griff haben und fähig sein, Songs zu schreiben. Sei nicht fokussiert darauf, gross zu werden, bevor du das Songwriting nicht verstanden hast. Alle werden für eine Weile schlecht sein. Das ist bei jedem so am Anfang, ob es Zeichnen, Musik, Sport oder sonst etwas ist. Wenn du langsam  besser wirst, ist es an der Zeit, Songs zu schreiben.

2. Wenn du am Punkt bist, wo du dich langsam wohl fühlst mit deinem Instrument und du Songs hast, die dir gefallen, spiel Shows. Lokale Shows, aber nicht nur. Versuch so hart es geht, ausserhalb deiner lokalen Umgebung zu spielen. Wir haben keine lokalen Shows gespielt am Anfang. Du willst möglichst viele neue Leute dazugewinnen. Es ist wichtig, dass man dich in der lokalen Szene kennt, aber es ist auch wichtig, neue Leute an Bord zu holen. Was auch sehr sehr sehr wichtig ist, ist das jemand von der Band oder jemand den du kennst, weiss, wie man Songs aufnimmt. Auch wenn es auf einem Basic Level ist. Es wird dir sehr viel Geld sparen und du kannst viel kreativer sein. Mein Bruder hat sehr lange unsere Sachen aufgenommen. Am Anfang auch praktisch gratis. Jede Band sollte sich ein bisschen in dem Bereich auskennen.

3. Sei professionell. Du solltest ein bisschen lernen, wie Bands funktionieren. Nicht nur die Band aber ihr Management, Presse, Label und all das. Heutzutage musst du professionell sein um diese Leute kennenzulernen etc. Also wenn du einen Manager willst, musst du eine E-Mail-Adresse haben. Schreib den Leuten nicht einfach eine Facebook-Nachricht. Lerne ein bisschen etwas über die Industrie und was hinter den Bands alles läuft – das ist ein wichtiger Punkt.

Findest du, dass die Musik Szene sich verändert hat, im Vergleich als ihr durchstartetet?
Nein, nicht wirklich. Klar, der Sound der Genres entwickelt sich weiter. Ich sehe 13-Jährige Kids an Shows, die mich an mich erinnern, als ich in ihrem Alter war. Ich glaube nicht, dass die Szene, Attitüde und der Lifestyle sich ändern; vielleicht in kleinen Schritten. Wie zum Beispiel, dass das Internet nun eine grosse Rolle spielt, Genres verändern sich, es gibt neue Trends. Aber der Hauptstamm ist immer noch derselbe und das finde ich persönlich sehr cool.

Natürlich waren wir auch an der Show der Engländer präsent. Wie ich’s gefunden habe, gibt’s hier zu lesen.