Alternative oder alternativ? Die Antilopen Gang im Interview

rawk.ch – alternative music… Was bedeutet das jetzt genau? Also alternativ im Sinne von nicht-Mainstream? Oder Alternative, wie das Musikgenre, das eigentlich nichts wirklich bezeichnet? Weiss ich ehrlich gesagt nicht so genau, heute geht es aber um Hip-Hop, genauer gesagt die Antilopen Gang, die wir nämlich am 24. Februar 2017 anlässlich ihres ausverkauften Konzerts im Dynamo getroffen haben. Wie mich Panik Panzer, Danger Dan und Koljah sonst noch in meiner Unwissenheit vorgeführt haben, das folgt sogleich.

Hallo zusammen! Ihr habt ja heute Tourauftakt, seid ihr nervös oder läuft da eh alles gut?
Koljah: Wir hatten vor zwei Tagen öffentliche Generalprobe, daher ist die Nervosität jetzt weg, weil ich weiss, dass es theoretisch und praktisch funktionieren kann, was wir vorhaben. Jetzt freu ich mich einfach.

Grad so bezüglich Tour und so: Mittlerweile kifft ihr ja laut euren Texten nicht mehr so, wie aber steht’s denn mit Alkohol? Macht ihr gross Party auf Tour? Ihr habt ja auch einen Song – wenn man so ein bisschen assoziativ denkt – mit Monchi von Feine Sahne Fischfilet und die zelebrieren ja bekanntlich den Alkoholkonsum ziemlich…
Dan: Das ist natürlich die Frage, ob das, was die da machen eine Party ist und ob Party immer etwas mit Alkohol und Drogen zu tun hat.
Kol: Wir waren ja auch schon mit FSF unterwegs, da haben wir sogenannte Aftershowpartys gehabt. Das ist dann eine ganz komische Definition von Party, da geht’s darum, möglichst viel zu saufen und möglichst blöd rumzugröhlen. Aber es gibt ja auch angenehmere, schönere Formen von Partys. Wir machen auf jeden Fall irgendeine Form von Party, aber wir haben uns auch vorgenommen, nicht mehr so exzessiv durchzupowern, wie wir das mal gemacht haben. (Panik Panzer: Das stimmt nicht) Also zum Teil haben wir uns das vorgenommen.
Panik Panzer: Also ich möcht’ auf jeden Fall jede Nacht sturzbetrunken ins Bett fallen auf Tour, aber ich möchte nicht mehr sturzbetrunken auf die Bühne gehen. Weil mir das zuletzt auch selber einfach keinen Spass mehr gemacht hat, so besoffen auf der Bühne. Aber alles was nach der Show passiert – da kann ich für nichts garantieren.

Ihr habt ja jetzt ein Nr.1-Album, seid gross auf Tour; ist die Antilopen Gang Vollzeitbeschäftigung? Macht ihr daneben noch etwas anderes?
Panzer: Wir verbringen viel Zeit damit, uns zu streiten und, ähm, alles zu hassen, was wir tun und daneben tun wir das, was wir tun.
Dan: Ich sammel’ und bastel’ Modellflugzeuge aus Balsaholz. Jetzt hab ich ‘ne Cessna gebaut mit so ‘nem Gummimotor, wo man vorne den Propeller drehen kann. Die fliegt dann auch, es hat aber sehr lange gedauert, weil das viel filigrane Arbeit ist. Das nimmt meine meiste Zeit in Anspruch.

Geld zum leben verdient ihr aber als Antilopen?
Dan: Hie und da fällt auch etwas vom Laster, aber das Meiste kommt von der Antilopen Gang-Kasse.

Sprechen wir ein bisschen über das neue Album „Anarchie und Alltag”: Ihr wollt ja eine Atombombe auf Deutschland werfen, was passiert dann mit der Schweiz?
Dan: Der deutschsprechende Teil muss weg, der französischsprache hat die Möglichkeit, zu kooperieren. Wir beobachten den Abend heute nochmal kritisch, eventuell muss die Schweiz dann auch komplett weg. Es geht da nicht nur um die Sprache, die Nähe zu Deutschland, zum „Deutschen“, ist ja da. Wir sehen darum keine so grossen Chancen. Aber wir beobachten, wie gesagt, noch heute.

Und das Trojanische Pferd, wann kommt ihr denn da heraus schlussendlich?
Kol: Die einen sagen so, die anderen so. Manche behaupten, wir wären schon raus und es wäre nur eine Metapher dafür, dass wir den Mainstream erobern. Ich fühl mich aber so als wäre ich mehr denn je im Pferd gefangen und bin mir da gar nicht so sicher, ob ich da jemals rauskomme oder ob dieser ganze Plan doch nach hinten losgegangen ist ist. Weil der beinhaltet hat, dass man aus dem Pferd rausgeht, um irgendwas kaputt zu machen. Aber was ist, wenn man gar nicht rausgeht? Dann ist es nur ein x-beliebiges Haus.
Dan: Kauf Album!
Kol: Und wenn wir rauskommen, holen wir uns Bandscheibenvorfälle (lacht). Weil das Trojanische Pferd ist auch sehr hoch und ich bin mir nicht sicher, ob wir eine Leiter oder sowas haben. Wir sind auch alle schon über 30.

Die Leiter hättet ihr ja selber einplanen müssen…
Kol: Wenn wir Glück haben, steht unser Tourmanager unten mit einer Leiter.
Dan: Der Tourleiter. Der Tourleiter mit der Tourleiter (alle lachen). Wir improvisieren dann so. Es wird viel Blut geben, aber auch Tofu, für Vegetarier, keine Sorge, wir haben für alle gesorgt.
Kol: Wenn wir unten sind, können wir die Leiter auch auseinanderbauen, zu Schlagstöcken umfunktionieren und erstmal sinnlos in die Menge hauen, die wahrscheinlich da stehen wird.
Dan: Friede, Freude, Eierkuchen.

Was uns so als Alternative Music – Magazin interessieret, ist diese Punkrock-Bonus-CD „Atombombe auf Deutschland“ zum neuen Album. Wie seid ihr da an die ganzen Leute herangekommen?
Kol: Ich würd’ gern kurz eine Gegenfrage stellen: Diesen Alternative-Begriff verstehe ich nicht, weil das meint ja eigentlich einfach Rockmusik – also Nirvana oder werden da immer darunter eingeordnet. Wovon ist das eigentlich die Alternative? Also ich verstehe den Begriff einfach nicht…

Nennt man halt mangels besserer Alternativen so…
Kol: Aber in dem Fall ist das eine musikalische Frage? Oder geht’s um Indie-Labels? Weil eigentlich ist ja das, was Alternative heisst, total Mainstream. Also wäre eigentlich Schlager wirklich alternativ. Aber das nur mal so am Rande, auf deine Frage: Wir haben einfach ein paar Leute kennengelernt. Als wir mit dem letzten Album auf Tour waren, kam Bela B in Hamburg ans Konzert, oder MC Motherfucker von der Terrorgruppe haben wir kennengelernt, weil er Tourmanager von KIZ ist. So sind Kontakte entstanden und die haben wir angefragt und die hatten auch Bock drauf und so war der Zeitpunkt da. Und die Leute, die wir noch nicht kannten, haben wir auch gefragt und die hatten auch Bock

Abgesagt hat niemand?
Kol: Nee.
Panzer: Doch, aber das können wir nicht verraten, wir müssen diese Personen schützen.
Kol: Zwei Anfragen wurden nichts, eine hat abgesagt, die andere wurde nicht beantwortet (lacht). Und dann haben uns noch Leute gefragt, denen wir abgesagt haben…(lacht). Weil wir nicht mehr Songs machen wollten.
Dan: Es sind auch Arschlöcher.
Panik: Wir sagen nicht, wer.

Bleibt das eine einmalige Sache? Oder gibt’s das nochmals?
Dan: Wir wissen es nicht, wir können nicht kontrollieren, was bei uns passiert. Wir sind ein einziges Zufallsprodukt. Wir nehmen uns Sachen vor, aber halten uns nicht daran.
Panik: Es wird da wahrscheinlich auch unterschiedliche Ansichten geben dazu. Aber wir spielen jetzt erstmal die Tour, ziehen mit dem Album umher und schauen dann.

Allgemein macht ihr eh nicht so Pläne in dem Fall?
Kol: Man beredet auf der Tour, was alles theoretisch ginge, aber das funktioniert bei uns eben nicht so. Es passiert einfach irgendwann irgendetwas, wir können das aber nicht absehen.
Dan: Wir müssen ja auch erstmal das perfektionieren, was wir jetzt machen. Es ist ja der erste Tourtag und da gibt’s noch ein bisschen Arbeit. Wenn das abgeschlossen ist, wird der Kopf frei für neue Ideen. Könnte dann so in Richtung Gabber gehen, wenn du mich fragst.
Panik: Wenn du mich fragst, nicht.
Dan: Wir diskutieren noch.

Früher hattet ihr ja immer eine recht starke Anti-Haltung – eigentlich ja immer noch – aber du, Koljah, hast ja letzthin in einer Schweizer Tageszeitung (Blick Am Abend, hier gibt’s das Interview) sowas gesagt wie „es sei nunmal so, dass man im Mainstream ankommt und da müsse man sich nicht grossartig drüber aufregen oder so“. Wie fest identifiziert ihr euch noch mit euren älteren Texten?
Kol: Ich seh da gar nicht so einen Bruch, dass sich da jetzt inhaltlich was verändert hätte. Es hat sich eher verändert, in welchem Rahmen wir das präsentieren und dass sich das mehr Leute anhören. Ich hab aber das Gefühl, dass ich seit 15 Jahren das Gleiche erzähle und das auch immer noch gut finde.
Dan: Ich seh’ den Bruch auch nicht… ausserdem, diese Tageszeitung, die möcht’ ich auch erstmal sehen. Ich halte das, was du hier gerade erzählst für eine bodenlose Unterstellung. Wenn du uns auf Zitate festnageln willst, dann musst du diese schon auch mitbringen.

Hab ich leider aus Zeitgründen nicht geschafft und jetzt hab ich kein mobiles Internet…
Kol: Stimmt, ich hab das auch einfach so hingenommen, weil du das gesagt hast…
Dan: „Der Kollege hat jetzt kein Internet“, wir sind dir fast auf den Leim gegangen, mach so weiter, vielleicht wirst du unser Pressesprecher.

(peinlich, peinlich, aber whatever…) Nun hätte ich noch eine eher allgemeine Frage und zwar zur Ironie, die ja bei Euch so ab und an in verschiedenem Masse auch anzutreffen ist. Wo hört diese denn auf? Wo ist etwas nicht mehr lustig?
Dan: Also, ob Ironie eine Grenze hat?

Genau, oder auch, ob ihr selber immer wisst, wo bei Euch diese Grenze ist.
Kol: Ne, also ich merk’ manchmal auch, dass wir innerhalb der Gang Texte von uns jeweils unterschiedlich empfinden, und dann meint der eine etwas ernst und der andere meint’s ironisch. Es ist aber auch da so, dass wir nicht einen Plan verfolgen oder uns gross Gedanken darüber machen, sondern das entsteht irgendwie und manchmal kann man das auch selber schwer einschätzen.
Dan: Es ist auch von der Tagesform abhängig. Manchmal bin ich auf bestimmte Themen übelst viel stärker sensibilisiert als an anderen Tagen. Aber es wäre auch nicht in unserem Sinne, so ein Dogma aufzumachen, „das und das und das geht nicht“ und „das und das und das geht“, sondern wir sind da viel zu widersprüchlich und würden uns auch selbst ständig auf die Füsse treten, wenn wir uns solche Regeln auferlegen würden.
Panik: Also wenn man Ironie als Mittel einsetzt, muss man sich halt immer wieder Gedanken machen, wo man mit demjenigen, dem man einen ironischen Gag präsentiert, übereinstimmt, wo die Schnittpunkte sind und man sich versteht. Wenn klar ist, auf welcher Ebene man sich begegnet, dann hat Ironie keine Grenzen auf jeden Fall. Die Ironie, die ich zuhause mit meinen Freunden auspacke geht auf jeden Fall viel viel weiter als die, die ich auf der Bühne auspacke. Es ist was anderes, weil ich halt nicht weiss, wer da steht und wer was versteht.

Noch ein bisschen in die selbe Richtung: Grade bei Songs wie „Fick die Uni“ oder „Nie so wie ihr“: Hat Euch das genervt, dass eventuell die Leute es am meisten gefeiert haben, die damit angesprochen wurden?
Kol: Ich weiss nicht, ich finde das noch schwierig zu unterteilen in Leute, die sich angesprochen fühlen sollen und solche, die sich nicht angesprochen fühlen und dann zu sagen: “Die einen sind die richtigen Hörer und die anderen die falschen”. Ich wüsste gar nicht, wie das funktionieren soll. Ich freu mich über jeden, der Eintritt bezahlt. Mich nerven nur die, die sich irgendwie reinschmuggeln durch irgendwelche Klofenster, da haben wir nun wirklich gar nichts davon.
Panik: Ich bin da eigentlich relativ schmerzfrei, wäre aber irritiert, wenn jemand mit einem Thor Steinar-Shirt im Publikum stünde. Dann würd’ ich den bitten, lieber zu gehen.
Dan: Auf jeden Fall, aber… Bis jetzt hab’ ich niemanden entdeckt auf unseren Konzerten, bei dem ich gedacht habe „boah, geh bitte“. Ich bin ja sowieso sehr harmoniebedürftig und friedfertig und komme mit vielen Menschen zurecht.

In dem Fall kommen wir zur Abschlussfrage (Türöffnung und so und noch zwei weitere Interviewtermine…und keine Fragen mehr): Was gehört denn auf eine Pizza? Im Song sprecht ihr ja nur von Margherita…
Dan: Ein grosser Haufen Scheisse (lacht). Ein richtig fetter, stinkender Haufen brauner Kacke, da kann man sich auch richtig das Gesicht – weisst du, du musst das dann mit den Händen hinter dem Rücken essen, dann wird’s endgeil. Danger Dan ist der King!
Panik: Artischocken, Sucuk, Peperoni.
Kol: Ich kann dem nichts hinzufügen (lacht).