Album Review: Sorority Noise – You’re Not As _____ As You Think

Die alte Leier von Schicksalsschlägen als Katalysator für die Erschaffung von Kunst. Doch bei „You’re Not As _____ As You Think“, dem neusten Sorority Noise-Album, lässt sich die Musik kaum ohne Kontext besprechen, ähnlich wie zum Beispiel bei Touché Amorés „Stage Four“. Und wie bei jenem Beispiel warf auch hier der Tod einen Schatten über den Texter der Band.

Als Ventil für die Emotionen, die sich scheinbar angestaut haben, wählte Sänger/Lyricist Cameron Boucher die direkte Konfrontation. Hier wird nicht abstrahiert, umschrieben, allegorisiert und auch nur wenig analysiert. Was Boucher hier lyrisch bietet ist mehr ein unmittelbares Abbild der Gedanken, die in deinem Kopf herumgeistern, wenn dich schon wieder eine nahestehende Person auf immer verlässt. Und herumgegeistert wird auch gleich im Opener und Vorabsingle „No Halo“. Boucher besucht das Haus eines verstorbenen Freundes und sieht in seiner eigenen Reflektion den Verstorbenen. Boucher trauert nicht nur, er fragt sich auch immer wieder, ob er nicht auch auf der anderen Seite sein sollte.

Denn nach dem eröffnenden „No Halo“ gibt er zu: „I’ve been feeling suicidal“ und „I was thinking about how great it would be if I could make the tightness in my chest go away“. Nach der energiegeladenen Emo-Power-Pop-Attacke der ersten beiden Songs schlägt „First Letter from St. Jean“ erstmals ruhigere Töne an. Ein Brand New-artiger Slowburner mit Modest Mouse’schem Gitarrenbending und zurückhaltender Perkussion mit schimmernden, flächigen Becken. Thematisch geht es aber im gleichen Stil weiter, Boucher erzählt von der Einsamkeit, die eintritt, wenn Freund nach Freund stirbt, bis niemand mehr zum Reden da ist. Im pop-punkigen „Disappearing“ spricht er von einem ganzen Basketball Team, das er an den Himmel verloren habe. Und wir sprechen hier nicht von Mark Kozelek, sondern einem 23-Jährigen. Und dann, in „Where Are You“, stellt er sich selbst die Frage, die allen Hörern schon seit sechs Songs auf der Zunge brennt: „Is everything okay?“. Und Boucher antwortet gleich selbst: „Not right now, but it will be“, und im Refrain „I’ve got friends who’ve died, but everything’s going to be alright. And they’re with me everytime that I bite off more than I can chew.“ Und da sind wir wieder bei den Geistern.

Boucher wandelt als Geist zwischen Geistern, und hofft nur, dass es besser wird. Und dass er besser wird. Es gibt kein Gegenmittel, keine Moral der Geschichte, keine Lösung des Rätsels von Leben und Tod, nur den Versuch, jeden Tag aufzustehen und ein besserer Mensch zu sein. Musikalisch fungiert „Leave the Fan On“ aber durchaus als eine Art Schlusspunkt, indem darin die ganze dynamische Reichweite der vorangehenden Songs aufgegriffen wird. Nämlich 90er-Indie, Emo und Power-Pop mit dynamischem Auf und Ab bis zum grossen Finale. Danach lädt nur noch das zweiminütige Lo-Fi-Akustikstück „New Room“ zum Reflektieren ein, den eigentlichen Abschluss bildet aber das erwähnte „Leave the Fan On“, das zugleich eine Kulmination des ganzen Sorority Noise-Katalogs ist und vielleicht ihre bis jetzt beste Komposition.

„You’re Not As _____ As You Think“ dürfte die Erwartungen der meisten Fans der Band erfüllen oder übertreffen. Die trotz schwerer Thematik sehr erfrischenden, mitreissenden und eingängigen Songs dienen aber auch gut als Einstiegsdroge für Neulinge mit Interesse an dynamischem, emotionalem Rock. Betrachtet man dazu noch das zarte Alter der Bandmitglieder und die steile Entwicklung ihres Sounds, verhärtet sich der Verdacht, dass wir hier einer neuen Über-Band beim Blühen zusehen.

VÖ: 17.03.2017 / Big Scary Monsters / AL!VE

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