Album Review: Lingua Nada / PAAN – Split

Die grundsätzlich kurzweilige Form des Split-Releases gibt’s jetzt auch in ultra-kurzweilig – dank Lingua Nada und PAAN. Eine halbstündige Reise im Zeitraffer, auf der wild von Genre zu Genre gesprungen wird. Alles ohne Zwischenhalt, dafür mit einigen linken Haken der beiden launischen Reiseleiter.

Den Anfang machen Lingua Nada – übrigens wie auch PAAN aus Leipzig stammend – mit ihren fünf Songs. Schon nach dem Opener „Plastic“ ist klar, dass man vom Rest ihrer Seite nur das Unerwartete erwarten kann. Begrüsst wird man von verzerrten Stimmen, darauf folgt ein holpriger Beat. Im Mittelteil wird dann die Punk-Energie freigelassen, inklusive Sci-Fi-Solo. Bang. Der noisige Viererpack lässt jedoch kaum Zeit durchzuatmen. Es gibt durchaus ruhigere Teile, und auch Passagen, die an gemässigtere 90s-inspirierte Indie-Bands wie Cymbals Eat Guitars oder Cloud Nothings erinnern. Doch wenn zum Beispiel in „Corgan“ ein solcher Teil kommt, wird er bald abgelöst von Surf-Rock Melodien im Math-Gewand, im Schlussteil reisst ein mächtiges Post-Hardcore Riff die Macht an sich.

Sowohl Instrumente als auch Stimmen werden von Lingua Nada grosszügig und ohne Ausnahme durch den Effekt-Fleischwolf gedreht. Die Produktion ist bei aller Klarheit durchaus kantig, verzerrt, verknittert und passt zur unbändigen Energie der Band. Dass dabei trotzdem immer wieder eingängige Melodien den Weg ins Ohr finden, verhindert Ermüdungserscheinungen. Spätestens nach dem abschliessenden Horror-Industrial Mindfuck „The Disasterist“ guckt man aber definitiv zuerst mal dumm aus der Wäsche. Die wilden Genre-Sprünge, die zappeligen Songstrukturen und der viele verzerrte Krach sorgen für ein denkwürdiges Hörerlebnis – im positivsten Sinne: solch kurzweiliger, innovativer und frecher Rock ist auf jeden Fall sehr erfrischend. Daumen hoch!

Fertig ist aber nicht, es warten schliesslich noch die drei Songs der PAAN-Seite. Und diese klingen geradezu konventionell, wobei konventionell relativ ist. Es ist aber keinesfalls so, dass PAAN belanglos oder langweilig wären. Konventionell bezieht sich rein auf die Produktion und die Fülle an Effekten. PAAN halten sich aber ebenso wenig wie ihre Kollegen an festgefahrene Strukturmuster und recyceln kaum jemals einen Part, die Songs bewegen sich nur nach vorne. Das Hauptmerk liegt aber nicht auf futuristischer Produktion, sondern auf Übermittlung von rohen Emotionen. In bester Screamo-Manier schreit sich jeder der ein Mikrophon hat die Seele aus dem Leib.

Es ist ein klarer Hang zu dynamischen Spannungsbögen zu vermerken. Will heissen: weniger Chaos à la Orchid und mehr Atmosphäre und Melodie, wie es die europäische Schule (La Quiete, Suis La Lune…) zelebriert. Sowohl „Grossteig“ als auch „Yamaha“ pendeln sich irgendwann in ruhige Passagen ein, die dann in euphorische Crescendi münden. Die Songs kriegen genug Luft – und Zeit – um sich zu etwas wahrlich Grossem zu entfalten. Gleichzeitig werden dabei glücklicherweise zu lineare Steigerungen vermieden und mittels kleinen Eigenheiten und unerwarteten Verschrobenheiten wird die Spannung gehalten. Beispiele dafür sind das kurze rock’n’rollige „Gitarrensolo“ mitten in „Yamaha“ oder die letzten 30 Sekunden von „Grossteig“, die einem zum Schmunzeln bringen – was eine Seltenheit ist in diesem Genre. Schön, all die Melancholie auch mal mit einem Augenzwinkern aufzulockern.

Mit dem vorliegenden Split haben sich beide Bands direkt in mein Herz gespielt. Besonders die PAAN-Songs haben es mir angetan, was aber eher eine Frage des präferierten Genres ist. Lingua Nada überzeugen mit schierer Experimentierfreudigkeit auf ganzer Linie. Was beide Bands nebst der Heimatstadt verbindet, ist ein Sinn für das Unvorhersehbare, das Progressive, die Ecken und Kanten. Wer Bands mit diesen Attributen sucht, wird auf diesem Split sicher fündig.

VÖ: 17.03.2017 / Kapitän Platte / Lala Schallplatten

Das Album gibt es hier und hier zu kaufen.