Jeremy Bolm von Touché Amoré im Interview

Als ich die Worte Touché Amoré und Interview im gleichen Satz hörte, verformten sich meine Pupillen zu Herzchen, als wäre ich ein Emoji auf meinem Smartphone. Schon Wochen zuvor machte ich mir vor Nervosität fast in die Hose, denn endlich hatte ich einmal die Chance mit Sänger Jeremy Bolm zu plaudern. Vor ihrem Gig am Loudfest erzählte mir der Kalifornier von seiner Mutter und wie er seine Freundin ärgert…

First off, woher kommt eigentlich der Name Touché Amoré?
Phu…der hat eigentlich gar keine richtige Geschichte. Es ist eine Mischung aus Französisch und Italienisch und macht überhaupt keinen Sinn. Wir liessen uns schon immer von 90er-Jahre Screamo Bands beeinflussen und Touché Amoré hörte sich wie eine solche an, also haben wir uns relativ spontan dafür entschieden.

Heute startet ihr mit eurer Europa Tour. Seid ihr aufgeregt?
Ja, ich freue mich riesig. Ich muss aber zugeben, dass sich niemand von uns mental auf diese Tour vorbereitet hat. Wir sehen uns nicht wirklich oft, wenn wir zu Hause sind. Unser Gitarrist Clayton zum Beispiel verbrachte jetzt einige Monate in Pennsylvania bei seiner Freundin, während ich in Kalifornien lebe. Vor der Tour haben wir nur ein einziges Mal geprobt. Bevor wir ins Flugzeug gestiegen sind, haben wir uns alle angeschaut und gesagt: “Haben wir uns das gut genug überlegt? Kriegen wir diese Tour hin?” (lacht). Seid wir aber hier angekommen sind, sind alle total euphorisch und freuen sich wahnsinnig.

Wenn ihr euch so wenig seht, wie übt ihr dann überhaupt?
Naja, jetzt haben wir die Songs alle im Kopf, weil wir sie erst gerade aufgenommen haben. So eine richtige Bandprobe gibt es bei uns eigentlich gar nicht. Mit dem Spielen von Shows spielt man die Songs ja sowieso automatisch immer besser und geübter.

Worauf freust du dich auf der Tour am meisten?
Die Tour endet in Barcelona. Wir haben noch nie in Spanien gespielt und deshalb freue ich mich extremst auf die Show da. Wir spielen am Primavera Festival mit vielen Bands, die wir toll finden und sehen alte Freunde wieder.

Welches war die verrückteste, vielleicht ekligste Location, in der ihr je gespielt habt?
In Oklahoma City gibt es einen Secondhand Laden, der von einer älteren Frau geführt wird. In den Hinterräumen lässt sie Punk und Alternative Bands spielen. Das ist recht crazy, wenn man an ihr Alter und die Umgebung denkt. Auch der Name passt, denn der Shop heisst “Bad Grannies”.
Auf einer Kanada Tour haben wir mit Cancer Bats in einem China-Restaurant gespielt. Als wir da reinkamen dachten wir alle “What the fuck?”. Aber lustig wars trotzdem.
Am Anfang, wenn man noch alles D.I.Y. macht, spielt man auch oft in dreckigen Kellern, umgeben von Ratten und Schimmel. Wenn ich also mal eine Krebsdiagnose bekomme, weiss ich, woher ich ihn habe (lacht).

Ihr habt vor Kurzem euer neues Album “Is Survived By” released. Es scheint viel positiver, als die letzten zwei. Woran liegt das?
Ich bin in viel besserer Verfassung, als ich es vor ein paar Jahren war. Ich wollte nicht noch einmal das selbe machen, wie bei den zwei Alben zuvor. Also habe ich mich auf verschiedene andere Dinge konzentriert und die Negativität ein bisschen ausser Acht gelassen. Aber keine Angst, unser Set ist deshalb nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Wir werden immer noch die alten, düsteren Songs spielen (lacht).

Hast du einen Touché Amoré Lieblingssong?
Es gibt ein paar. Einer meiner absoluten Lieblinge ist aber “Gravity, Metaphorically”, der auf der Split mit Pianos Become The Teeth ist. Ich glaube ich kann sogar sagen, dass das der Lieblingssong der ganzen Band ist.

Toll, dann sind wir ja schon zwei. Ich liebe diesen Song.
Ihr habt ja mittlerweile ein paar Splits mit Bands wie La Dispute, Make Do And Mend oder wie vorher erwähnt, mit Pianos Become The Teeth aufgenommen. Gibt es jemanden, mit dem ihr gerne einmal etwas aufnehmen möchtet?
Mit vielen, aber die meisten von denen wollen nicht mit uns arbeiten (lacht). Ich bin ein riesen The National Fan, aber was wollen die schon mit uns? Wir machen komplett andere Musik. Wir haben uns mit Manchester Orchestra angefreundet, vielleicht gibts da was draus, wir werden sehen. Ich hoffe das klappt irgendwann einmal, nicht, dass wir wieder nur davon reden und es nie umsetzten.
Vor Kurzem haben wir Songs mit Self Defence Family aufgenommen. Im Studio standen zwei Drum Sets, fünf Gitarren und Patrick und ich haben beide gesungen. Daraus entstanden drei tolle Songs, die hoffentlich bald released werden können.

Kannst du den Gesichtsausdruck deiner Eltern beschreiben, als sie zum allerersten Mal einen Song von Touché Amoré gehört haben?
Meine Familie zeigte schon immer grossen Support, auch wenn sie wussten, dass wir nicht die Musik spielen werden, die sie jemals hören würden. Mein Bruder zum Beispiel liebt unsere Musik. Meine Eltern akzeptieren es, verstehen es aber nicht, was nichts macht, ich will sie ja nicht dazu zwingen, Touché Amoré zu hören.
Ich finde es total süss, dass meine Mutter immer zu Konzerten in der Nähe kommt. Sie steht dann vor der Bühne und schiesst schlechte Fotos, die völlig out of Focus sind. Aber schon nur die Tatsache, dass sie sich das mir zuliebe antut, schätze ich sehr.

Was denkt man als Band eigentlich über Fan Tattoos?
Ehrlich gesagt ist es eine grosse Ehre, wenn sich andere Menschen Songzeilen oder Logos stechen lassen. Ich selber bin nicht so der Tattoo Typ und habe nur eines. Was ich immer hoffe ist, dass die Tattoos nie bereut werden, weil man die Band plötzlich doch nicht mehr so toll findet oder so.

Und wie immer, zum Schluss meine “Silly Question”: Wenn ich deinen Kühlschrank aufmachen würde, was würde ich darin finden?
Grösstenteils wahrscheinlich Reste. Meine Freundin hasst es, Essen wegzuwerfen und packt ihre Leftovers immer in den Kühlschrank. Ich für meinen Teil esse auf oder werfe es weg. So mache ich sie manchmal sauer…