Jack Broadbent: „Wenn du Blues spielen möchtest, sing bitte nicht über Züge“

Jack Broadbent ist unbestritten einer der ganz grossen jungen Blues-Musiker unserer Zeit. Der „Master der Slide-Gitarre“ hat mich bereits vor Jahren in seinen Bann gezogen. „Roh, echt, direkt.“: Diese Worte treffen sowohl auf seine Musik wie auch auf den Menschen Jack zu.

Das weiss ich nun, weil ich den Bluesman nicht nur endlich mal live sehen, sondern gerade auch noch mit ihm „abhängen“ durfte – wie’s sich in Blues-Kreisen so gehört mit viel Bier und Whisky bis in die frühen Morgenstunden. Also glaubt mir, trinkfest ist er (ich natürlich auch) – und so wunderbar unkompliziert! Gut für ihn (und mich, als höchst seriöse Journalistin): Wir hatten das Interview bevor’s zu freundschaftlich wurde – man soll ja professionell sein, oder? Hier im Interview also die (zu dem Zeitpunkt noch) seriöse Unterhaltung, die wir hatten – über Jacks Karriere, Strassenmusik und natürlich Blues:

Wie läuft die Tour?
Jack Broadbent: Die läuft super. Ich war jetzt schon in fünf Ländern: In den USA, Kanada, den Niederlanden, Spanien, und jetzt natürlich der Schweiz. Einige Gigs waren wie immer etwas besser als andere und das Rumreisen war ziemlich intensiv, aber alles in allem hab ich’s bis jetzt sehr genossen.

Wie hast du den Sprung vom Strassenmusiker auf die grossen Bühnen dieser Welt geschafft?
Also eigentlich spiel ich ja schon auf Bühnen, seit ich 13 bin. Meine Geschichte ist also nicht ganz der märchenhafte Aufstieg durch YouTube, an den alle zu glauben scheinen. Aber natürlich sahen viele Leute meine Videos… Ich bin einfach unglaublich glücklich, dass ich jetzt endlich ausnahmslos richtige Gigs spielen kann. Und ganz ehrlich, ich liebe Strassenmusik. Ich mag’s einfach, Leute glücklich zu machen. Strassenmusik ist da genau das Richtige. Ausserdem war es zu einem früheren Zeitpunkt in meiner Karriere – bevor ich via Booker coole Gigs kriegte – ganz einfach der beste Weg, mit meiner Musik Geld zu verdienen. Ich ging jeweils lieber für ein paar Stunden auf die Strasse, als einen ganzen Abend lang im Pub zu spielen – und hab dabei sogar mehr Geld gemacht.

Wie bist du zum Blues gekommen? Hatte da dein Vater, der ja selbst Musiker ist, einen Einfluss?
Bevor ich überhaupt auf die Welt kam, war mein Vater schon überall in den USA auf Tour mit verschiedenen Rock’n’Roll Bands. Als ich geboren wurde, lebte er dann aber wieder in Lincolnshire, wo ich herkomme. Viele der lokalen Bands dort spielten nunmal Blues, wie es an vielen Orten der Fall ist. Es scheint fast schon eine Pub- oder Bar-Tradition zu sein. Deswegen bin ich schon als kleiner Junge immer an Blueskonzerte gegangen und hab dort die Gitarristen und Schlagzeuger (ich spielte Schlagzeug, bevor ich zur Gitarre wechselte) vergöttert. Blues hat diesen Groove, der mich einfach mitgerissen hat. Und ich hab jeden Tag „Blues Brothers“ geschaut, kannte also John Lee Hooker, Cab Calloway und wie sie alle heissen.

Die ersten paar Jahre schrieb ich dann aber hauptsächlich Folk-Songs. Ich mochte das wirklich sehr; Folk, und wenn Jazz auf Rock trifft. Aber, und jetzt komm ich wieder zurück zur Strassenmusik, da war einfach was, wenn ich Blues spielte. Sobald ich auf der Strasse anfing, Bluesriffs zu spielen, waren die Leute einfach begeistert. Ich glaube, es ist die Simplizität, das Herz, das dahintersteckt. Und ich hab schon lange vor ich Slide-Gitarre spielte Blues gemacht. Zunächst waren’s normale Blues-Gigs und ja, eines Tages bin ich dann sozusagen über die Slide-Gitarre gestolpert und hab mir nur gedacht: „Huuuuu, das ist cooool!“.

Jetzt wo du mit deiner Musik durch die USA gereist bist, würdest du sagen, dass die Staaten noch immer das Land des Blues sind?
Historisch gesehen natürlich, ja. Aber ich denke, dass es überall auf der Welt mittlerweile Leute gibt, die sehr interessante Dinge in dem Bereich machen. Das Musikbusiness hat sich ja durchs Internet und dadurch, dass man nicht mehr zwingend einen Plattenvertrag und so weiter braucht, stark verändert. Ich war schon an so vielen Festivals überall auf der Welt und die haben allesamt immer wieder neue, wirklich gute internationale Acts. Ich mag das sehr und ich denke, dass auch viele amerikanische Bluesfans und -Musiker das sehr schätzen. Das Genre hat sich also definitiv über die Staaten hinaus verbreitet.

Hast du irgendwelche bestimmten Ziele für die Zukunft?
Jap, ich werde bald mal ein Comedy-Album veröffentlichen. Hab dafür schon einige Songs bereit. Nur so um das Blues-Zeugs etwas aufzulockern (lacht). Neeein nein, ernsthaft? Ich weiss es nicht. Ich will einfach weiterhin Menschen glücklich machen. Und ich möchte meinen Drang, etwas zu hören, das ich gemacht habe und mir darüber zu denken „Verdammt, ist das gut“, weiterhin befriedigen. Ich denke, so lang ich das so mache, habe ich eine Karriere. Meiner Meinung nach muss es so gemacht werden. Sobald man nur noch die Musik macht, die andere Leute hören möchten, grenzt man sich nur selbst als Künstler ein.

Ich denke, mein ganz persönliches Ziel ist es auch, diese verrückte Karriere-Leiter weiter und weiter zu erklimmen ohne einen Plattenvertrag zu unterschreiben. Weiterhin alles eigenmächtig zu machen und ein wenig „underground“ zu sein. Zurzeit arbeite ich auch an einigen Folknummern. Ich versuche, das Ganze irgendwie zusammenzubringen – auch, dass ich nicht immer nur als Bluesmusiker betitelt werde.

Gut, Blues und Folk sind ja ziemlich eng miteinander verbunden…
Absolut. Und wenn die beiden dann auf Rock’n’Roll treffen wird’s richtig geil.

Was ist dein Karriere-Highlight bis jetzt?
Ich hab da so einige: Eins davon ist sogar ein Schweizer Highlight: Mein Auftritt am Montreux Jazz Festival letztes Jahr war wahrscheinlich der beste Moment meines Lebens. Die Professionalität und das Prestige dieses Anlasses sind einfach unglaublich. Es hat sich einfach so besonders angefühlt. Ich hab auch meinen Vater mitgenommen und er hat mit mir zusammen auf der Bühne gespielt. Das machen zu können ist einfach irre. Dann ebenfalls letztes Jahr die Tour mit Lynyrd Skynyrd, das war natürlich auch sehr sehr cool.

Hast du irgendwelche Tipps für vielleicht noch unbekannte Kollegen im Blues-Business, oder auch für Strassenmusiker?
Ganz einfach: Wenn du’s machen willst, mach’s! Aber, wenn du Blues spielen möchtest, sing bitte nicht über Züge. Das wurde bereits gemacht. Sing über deine eigenen Erfahrungen, über dein Leben.

Zur Strassenmusik: Hab keine Angst und geh direkt in die Mitte der grössten Gruppe Menschen, die du finden kannst. Und dann mach genau dein Ding. Du wirst definitiv Geld damit machen, wenn du das denn willst.

Also ich find Jack ja super, ob nun als genialer Musiker auf der Bühne, strengst seriös im Interview, oder etwas weniger seriös beim Whisky trinken um 3:00 Uhr morgens.