Basti von Callejon: «FANDIGO ist das Album, das wir schon immer schreiben wollten»

Wir haben Sänger Basti von Callejon am Nachmittag vor ihrem Auftritt am Greenfield Festival getroffen und ihn mit Fragen gelöchert: Zum Beispiel über ihre neue Platte, die in den Startlöchern steht (Release: 28.07.2017) und was „FANDIGO“ wirklich bedeutet. Aber lest doch selbst:

Wie war eure Anreise nach Interlaken?
Basti: Gut, also ich habe eigentlich die meiste Zeit geschlafen. Wir sind irgendwann spätnachts um 2 Uhr losgefahren, da wir vorher noch die neuen Songs geprobt haben.

Wie schnell und gut hast du dich von deinem Sturz von der Bühne während eurer ersten Headliner Tour im Dezember 2015 im Dynamo Zürich erholt?
Das sah auf jeden Fall krass aus, also auch später noch. Habt ihr das gesehen?

Ja, ich stand mit meinen Freunden in der ersten Reihe, du bist uns also quasi fast in die Arme gefallen, also eben nicht ganz.
Ich hatte aber zum Glück nur krasse Prellungen. Wir hatten am nächsten Tag ja noch eine Show, aber das ging problemlos. Das war heftig, ich habe in dem Moment, wo ich gefallen bin, gedacht: „Ich sterbe, jetzt bin ich tot! Oh nein, ich falle wirklich, das darf nicht wahr sein“, und dann lag ich da.

Momentan ist die Lage teilweise ja sehr kritisch und angespannt und die Veranstalter sitzen auf heissen Kohlen. Rock Am Ring musste ja vor kurzem wegen Terrorverdacht unterbrochen werden. Wie geht man als Band damit um? Nimmt man die Anspannung ebenfalls wahr, oder will man sich davon gar nicht zu sehr beeinflussen lassen?
Ich denke mir, wenn’s wie bei Rock Am Ring einen starken Verdachtsfall gibt, dann muss man das unterbrechen, ganz einfach. Weil, stellt euch vor, da passiert dann etwas. Aber ansonsten würde ich sagen, da muss man halt damit umgehen, man darf jetzt nicht anfangen, total verängstigt zu sein. Ich habe aber das Gefühl, dass das bei den Leuten insofern gut funktioniert, dass man sich jetzt nicht abhalten lässt, Spass zu haben. Als Band ist es uns bewusst, dass irgendwas passieren kann, aber mir ist als Mensch auch bewusst, dass mir ja auch etwas passieren kann, wenn ich über die Strasse gehe. Ich sage jetzt mal, dass die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, rein statistisch gesehen ja eigentlich relativ gering ist. Angst sollte man auf keinen Fall haben. Das tut keinem gut, Angst macht alles kaputt. Das ist ja auch genau das, was die Leute bezwecken wollen. Das ist wie bei allem: Wenn man nicht mitmacht, geht das Spiel nicht weiter, es braucht immer zwei Gegner.

Habt ihr irgendwelche Rituale die ihr jeweils vor der Show praktiziert?
Es hat sich tatsächlich ein, wir nennen das „Gin o’clock“, eingebürgert. Unser Bassist Thorsten kam damit an. Es steht sogar auf unserem Timesheet. Wir haben immer so eine Liste, wo alles draufsteht, was wann ist: Interview, Abfahrt, Einpacken etc. und vor der Show, um „Gin o’clock“ ist dann eben Zeit für gmeinsames Gin-Saufen. Das ist unser Ritual, uns etwas Mut anzusaufen, kurz bevor es auf die Bühne geht.

Am 30. Mai 2017 habt ihr eure neue Single „UTOPIA“ released. Wie war das Feedback darauf?
Ich würde mal sagen, im Nachhinein ist der Schwerpunkt nicht da drauf, ob es bei den Leuten gut angekommen ist. Es gibt natürlich am Anfang ziemlich viele Hater, aber das war uns klar. Wir machen was Neues, wir haben den Sound ein bisschen verändert. Neues ist immer am Anfang eher befremdlich, man muss da den Leuten auch erst ein bisschen Zeit geben, sich darauf einzulassen. Das war uns einfach klar, dass es nicht von Anfang an heisst „Geil, perfekt, nochmal das Gleiche.“ Ich habe nicht alles gelesen, sollte man auch nicht, denn ein schlechter Kommentar, egal wie reflektiert oder unreflektiert er ist, wiegt sich dann immer stärker ab als zehn gute Kommentare. Man muss einfach zu dem stehen, was man macht und machen will. Natürlich ist es mir nicht egal, was andere darüber denken, aber es ist halt einfach anders und wird auch anders aufgenommen. Ich hätte nicht gedacht, dass es dann teilweise so kontrovers diskutiert wird, aber eigentlich finde ich das cool und spannend. Es gibt nichts, was mich mehr langweilt als immer die gleichen Sachen. Wenn ich immer dazu gezwungen wäre, das Gleiche zu machen, dann würde ich wahrscheinlich aufhören wollen, weil es mir einfach keinen Spass mehr machen würde.

Euer neues Album „FANDIGO“ steht ja bereits in den Startlöchern (Release am 28.07.2017) was dürfen die Fans vom Album erwarten? Geht es allgemein eher in die alte Richtung oder wird’s mehr wie „Utopia“ klingen?
Was heisst alte Richtung? Für mich ist es halt die konsequente Weiterentwicklung nach „Wir sind Angst“, weil „Wir sind Angst“ war ja meiner Meinung nach noch viel härter als „Blitzkreuz“, weil es auch damals zu unserer Grundstimmung gepasst hat. Wir waren da sehr wütend. Wir sind immer noch wütend, aber nicht mehr so aktiv in dem Sinne, sondern eher ernüchtert und nachdenklicher. „FANDIGO“ spiegelt die momentane Situation sehr gut wieder. Es gibt einige ruhige Songs, aber auf jeden Fall auch Nummern, die abgehen. Ich habe meinen Schreianteil reduziert aus dem Grund, dass es mich halt wirklich langsam gelangweilt hat. Als wir Callejon 2002 gegründet haben, da war ich 17 und das absolute Hardcore-Kid und da war das genau das Ding, was ich machen wollte. Auf dem neuen Album gibt es jetzt natürlich immer noch viele Screams und es ist immer noch ein ganz normal hartes Album, aber ich werde jetzt 34 Jahre alt und für mich ist es wichtig, dass wenn ich schreie, es auch wirklich emotional ist und nicht nur ein Effekt. Für mich ist es ganz wichtig, dass es „true“ ist. Das heisst, auf jeden Fall momentan, mehr zu singen und das ist auch das, was für mich sehr wichtig ist, dass ich für mich glaubwürdig bin.

Kannst du das Album „FANDIGO“ in drei Worten oder kurzen Sätzen beschreiben?
„FANDGIO“ ist das Album, das ich immer schreiben wollte. Alle Einflüsse aus meiner gesamten musikalischen Laufbahn, auch als Fan, finden da Platz und es ist das emotionalste Album von Callejon.

Was bedeutet „FANDIGO“ (gespr. Fendigou)?
Das ist ein sogenannter Neologismus, eine Neuwortschöpfung. Es ist eine Mischung aus dem Wort „Fan“ und „Wendigo“. Wendigo ist ein alter Indianer Mythos, kennt ihr Wendigo?

Ja, vom „Game Until Dawn“! (lacht)
Es ist ein ähnlicher Mythos wie der vom Werwolf: Wenn du das Fleisch eines anderen Mannes isst, dann nimmst du auf der einen Seite seine Stärke auf, bist aber auf der anderen Seite immer mehr besessen und musst immer mehr Fleisch essen. Die Wechselwirkung von „Fan“ und dem Begriff „Wendigo“ im Wechselspiel fanden wir sehr interessant. Es ist abgeleitet vom Song „Fendigo Umami“, der auch auf der Platte drauf ist, das ist ein Kanibalen-Song.

Welcher Song fordert euch live am meisten raus?
Neue Songs sind natürlich immer schwierig, weil die eigene Erwartungshaltung immer hoch ist, dass man sie halt geil und perfekt rüberbringen will. Da fehlt noch die Routine, man merkt dann erst, wie genau die Linien funktionieren. Die Gitarristen müssen allgemein wohl mehr rackern. Für mich gehts eigentlich, für mich ist eher die Frage, wie viele Shows wir gerade am Stück hatten. Nach drei, vier Tagen ist die Stimme sehr beansprucht. Es kommt aber auch sehr auf die Tonlage des Songs drauf an. „Kind im Nebel“ kann ich selbst dann, wenn meine Stimme komplett am Arsch ist, immer noch singen, weil der genau in meiner Tonlage liegt. Das haben wir auch bei anderen Tracks geändert und sie auf meine Stimmlage angepasst. Das war so aus dieser Asking Alexandria-Zeit, wo die Stimmen so hoch waren, dass ich gar nicht begriffen hatte, dass das jetzt gerade ein Typ singt, weil das ein Typ ja eigentlich auch gar nicht singen kann. Also manche können’s, aber die wenigsten.

Seid ihr auf einen Song besonders stolz?
Bei dem neuen Album wird sich zeigen, welches Lied ganz besonders ist. Allgemein bin ich immer noch extrem stolz auf „Kind im Nebel“, weil es bis zu dem Album mein absoluter Lieblingstrack war, weil da einfach so viel gestimmt hat. Vom neuen Album ist einer meiner Favoritensongs „Das gelebte Nichts“, der ist einfach mega geil.

Spielt ihr den heute?
Nein, den spielen wir heute nicht, der ist etwas ruhiger. Spannend beim neuen Album ist auch die Wechselwirkung von Songs. Ein Lied funktioniert nur  genau so gut, weil vorher gerade ein anderes, bestimmtes Lied kam. Der Vibe vom neuen Album ist viel mehr so, wie aus der Zeit, wo ich angefangen habe Musik zu machen. Es ist mega aufregend gewesen für uns, frei zu sein und ganz neue Sachen auszuprobieren. Callejon hat ja auf Regeln eh immer so ein bisschen geschissen, aber diesmal haben wir wirklich komplett frei von allem wer wir sind und was wir sonst gemacht haben, gearbeitet. Wir haben gesagt, wir wollen das Album schreiben, was wir schon immer schreiben wollten und das war wichtig im Kopf, sich klar zu machen, dass es scheissegal ist, ob wir eine extrem harte Band sind oder nicht. Wir können alles machen, was wir wollen, wir sind Künstler! Klar, man muss Platten verkaufen und wenn etwas funktioniert, dann wird es gemolken und wiederholt, bis es keinen mehr interessiert. Natürlich, um möglich viel Profit daraus zu schöpfen, aber das ist nicht unser Weg.

Nach diesem ausführlichen Gespräch mit einem netten Interviewpartner war ich sehr gespannt auf die bevorstehende Show, die sich durchwegs sehen und hören lassen konnte. Die Band fasziniert mich immer wieder aufs Neue auf der Bühne, auch wenn leider der Sound teilweise nicht gut abgemischt war, wie bei vielen anderen Shows auf der Eiger-Stage.

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