Von Tattoos und Terror – Frank Carter im Interview

Nach einem grandiosen Auftritt am Greenfield Festival um Zwei Uhr nachmittags mit mehreren unterschiedlich grossen Circlepits, hatten wir das Vergnügen, mit Frank Carter von Frank Carter & the Rattlesnakes zu plaudern. Nach kleiner Verspätung und kurzer Suche nach einem ruhigen Plätzchen, konnten wir endlich anfangen. Die Fragen und Antworten reichen von Familie, Tätowieren und Terrorattacken über Bilder-Hacking bis hin zu Tim und Struppi.

Wie geht es dir?
Frank Carter: Mir geht’s gut, aber ich bin müde. Wir hatten eine lange Fahrt und dann die Hitze. Ich werde mich nie an die Hitze gewöhnen können. Ich versuche mein Bestes, aber ich bin erschöpft.

Hattet ihr eine schöne Fahrt ans Greenfield Festival oder einfach eine müde?
Nein, es war eine einfache. Wir haben dieses Mal einen Bus gemietet, weil wir morgen noch in Frankreich spielen, genauer gesagt in Südfrankreich. Letztes Wochenende waren wir am Rock am Ring und wir hatten nur einen kleinen Van – es war schrecklich, 15 Stunden in einem Van zu sitzen. Und wir versuchen, neue Songs zu schreiben, deshalb haben wir einen Bus genommen. Gestern sassen Dean und ich vorne in der Lounge und haben den ganzen Tag geschrieben. Das war ziemlich nett und hat das Tempo ein bisschen verändert. Dann bin ich in die hintere Lounge gegangen und alle haben Tim und Struppi geguckt. Ich dann so: „Man Jungs, wir sind doch Rockstars und ihr seht euch diesen Scheiss an.“

Vielleicht machen das Rockstars so?
Ja, scheinbar. Gestern war’s genau, was Rockstars so machen. Darum, ja.

Ihr habt Anfang des Jahres eine neue Scheibe veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen?
Es war unglaublich. Ja, richtig gut. In den UK waren wir in den Top Ten, auf Platz 7. Und überall auf der Welt macht sich „Modern Ruin“ richtig gut. Die Leute scheinen es zu mögen und es fühlt sich an als ob es einen Nerv bei den Zuhörern getroffen hat. Und alle waren sehr respektvoll gegenüber dem Fakt, dass wir verglichen zu altem Material, etwas Anderes machen wollten. Ich schätze mich sehr glücklich, dass die Leute so begeistert sind und sie sein lassen, was es ist.

Und wie waren die Reaktionen auf dein selbst gestochenes Tattoo?
Es war aufregend. Meine Frau sieht es jeden Tag und ist so: „Was zum Teufel tust du eigentlich?“ – aber ich war betrunken. Das ist die Gefahr, wenn man Tätowierer ist und sich betrinkt. Manchmal fällt man schlechte Entscheidungen. Aber wenigstens ist’s an mir, da stört es ja keinen.

Ich habe gesehen, dass du manchmal vor den Shows tätowierst. Sind diese Tätowierungen anders als „normale“ Tätowierungen/Kunden?
Na, ich versuchs einfach… Also ich habe angefangen, viel auf Tour zu tätowieren – selten an Festivals, weil das Setup einfach sehr schwierig ist. Aber wenn wir auf unserer eigenen Tour sind, finden wir normalerweise genug Platz, um einen Tattooshop zu suchen. Weisst du, es ist gar nicht so ein Unterschied, es ist einfach ein anderer Prozess. Manchmal bringe ich die Leute in unsere Umkleidekabine, um sie zu tätowieren, und das kann dann sehr intensiv für sie sein. Und für meine Band auch – die muss dann den ganzen Tag zuhören wie ich tätowiere. Aber es bedeutet, dass ich zwei Jobs gleichzeitig machen kann. Dann arbeite ich so viel wie möglich, um zuhause mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen zu können. Ich liebe sie sehr und sehe sie viel zu wenig.

Ich habe das Gefühl, da sind unglaublich viele Emotionen in deinen Songs. Wie wichtig sind für dich die Emotionen in der Musik?
Als Künstler hat man eine Verantwortung, weil wir eine Plattform kriegen. Und die müssen wir gut nutzen. Es ist wichtig, über Dinge zu singen, die du lebst. Dann ist es real und ehrlich. Und so ist es für mich. Die Musik, die ich liebte, als ich aufwuchs, war sehr emotional. Ich liebte Grunge, Metal und Punk. Und all diese Genres kommen von diesen emotionalen Orten und sie stellen Fragen. Und wenn das so ist, suchen die Leute auch nach Antworten zu ihren Fragen. Und das ist alles, was ich mache. Der Grund, dass es so viele berührt, ist, dass ich über Probleme singe, die jeder hat. Jeder hat schon Mal jemanden verloren, jeder hatte schon mal Probleme in der Beziehung, jeder wird verletzt von den Dingen, welche in der Welt abgehen. Ich denke, es ist unglaublich wichtig, über Sachen zu singen, an die du glaubst. Und wenn du das tust, ist es einfach, emotional zu sein.

Denkst du, die Emotionen müssen deine sein? Oder kannst du auch über die Geschichte von jemand anderem singen?
Das kannst du, aber mir ist es wichtig, dass ich es trotzdem aus meiner Perspektive singe. Ich kann über die Schmerzen von anderen Leuten schreiben, aber es muss meine Vorstellung von ihrem Schmerz sein. Ich kann nicht für sie schreiben, weil das wäre dann nicht echt. Da sind mehrere Songs auf der neuen Scheibe über den Krieg im nahen Osten, die ich komplett als Zuschauer geschrieben habe. Über das, was passiert. Das ist alles, was ich tun kann. Aber ich fühlte etwas, ich konnte den Schmerz spüren und was da passierte. Aber für mich – ich kann nicht für sie sprechen.

Wegen den Emotionen: Ihr wart am Rock am Ring. Was denkst du über die Terrorwarnungen und Attacken?
Es ist erschreckend und wirklich aufrüttelnd. Und ich weiss ehrlich nicht, was ich sagen soll. Es ist unglaublich frustrierend für mich. Ich versuche, Antworten für die Leute zu finden, aber bin mir vollends bewusst, dass ich zu allererst ein Musiker bin – und dadurch an erster Stelle auch Unterhalter. Weisst du, es ist so frustrierend, wenn dein Job ist, die Leute zu unterhalten, und solche Geschehnisse nehmen dann ein Teil von dir und anderen Leuten weg. Aber ich bin mir bewusst, dass die Welt momentan echt verschissen ist. Es ist ein schrecklicher Zustand und ich habe Mitleid mit diesen Leuten. Ich weiss nicht, was in ihrem Leben abgehen muss, dass sie sich entschliessen, eine Knarre mit an ein Konzert zu nehmen. Es ist verschissen, es ist richtig traurig. Es ist für uns auch schwierig, weil wir von unserer Familie weg sind. Meine Frau, denke ich, hat ziemlich Schwierigkeiten damit. Ich habe jetzt eine Tochter und sie weiss noch nicht, was in der Welt abgeht. Sie ist komplett unschuldig gegenüber dem ganzen Scheiss. Aber es macht mich richtig nervös, an jedem Konzert bin ich nervös.

Hast du einen Tipp für uns Zuschauer?
Nein, kommt einfach und geniesst es. Das ist wirklich alles, was du tun kannst und natürlich hoffen, dass das nicht der Tag ist, an dem etwas passiert. Ich weiss echt nicht, wie ich diese Frage beantworten kann. Es ist so eine schräge Situation. Wir sind den ganzen Weg zum Rock am Ring gefahren und wir sollten am Folgetag spielen. Meine Frau bat mich, nicht zu spielen. Sie sagte, wir können nicht spielen, aber ich fand, wenn wir nicht spielen – wegen denen – wann spielen wir dann? Wir würden nie mehr spielen, aber wir müssen weiter spielen. Letzen Endes geht es darum, raus zu gehen und dein Leben zu leben, für all die Leute, welche an Konzerte gingen, diese geniessen wollten, aber nie die Chance hatten, wieder nach Hause zu gehen. Das schulden wir ihnen, rauszugehen, und die anderen nicht gewinnen zu lassen.

Themawechsel. Warst du beim Artwork des Albums dabei?
Ja, aber Dean hat es gemacht. Ich habe das ganze Artwork für Blossom gemacht und dachte dann eine Sekunde lang: „Ich mach kein scheiss Artwork mehr, ich male nichts mehr.“ Dean war ziemlich unnachgiebig, er wollte unbedingt ein Gemälde. Er denkt nämlich, er könne nicht malen und somit findet er, es gäbe eine Art Magie, die er – seine Worte – nicht hat. Aber ich meinte bloss: „Scheiss drauf, wir nehmen Fotos. Du musst die Magie in den Fotos finden.“ Und das hat er. Er hat Fotos genommen und die digitalen Bilder in Text Files umgewandelt. Dann hat er unsere Lyrics und Songtitel reingehackt und sie dann zurück in ein Foto umgewandelt. Darum siehst du diese verschobenen Elemente. Also hatten wir eine Serie von Fotos, die ich mit meinem Telefon zuhause aufgenommen hatte, von meiner Familie und meinem Hund. Ich habe sie ihm geschickt und er hat daran herumgespielt. Er hat den Kern genommen, die Seele, und hat sie verändert und es kam schöner zurück als es vorher war. Das ist irgendwie auch, was wir mit dieser Platte aussagen wollten. Sie handelt von menschlichen Beziehungen und Interaktionen. Wie etwas perfekt sein kann und dann die Menschen kommen, und es entweder schöner oder hässlicher machen als zuvor. Es geht auf die eine oder die andere Seite.

Und die Farben?
Die waren auch komplett zufällig. Wir machten irgendwas mit dem File und dann konnten wir es nicht mehr zurück in die Ursprungsform bringen. Es ging nie zurück, nur nach vorne. Er hatte dann kein Original mehr. Wenn es zu Text konvertiert wurde, war es das – es war zerstört. Es war wirklich komisch und Dean hatte ziemliche Probleme herauszufinden, wie er es sichern konnte. Aber es funktionierte nicht. Wir hatten ca. 50 gute und 150 ziemlich verschissene Bilder. Es hat uns viel Zeit gekostet, zu verstehen, wie es funktioniert. Und dann hatte er endlich ein Muster gefunden, und dann kam wieder eins komplett zerstört zurück. Wenn du ein Bild in Text umwandelst, hast du gut 40’000 Zeichen. Ein Roman, ein 300 Seiten Buch. Du sitzt da und scrollst und scrollst. Ich war froh, dass ich das nicht machen musste!