In Flames-Sänger Anders im Interview: «Ich habe noch viele Lieder in mir!»

Es werden nicht viele widersprechen, wenn wir den Auftritt von In Flames als einen Höhepunkt des diesjährigen Greenfield Festivals bezeichnen. Und am 28. November spielen die Melodic-Death-Helden schon wieder in der Schweiz, zusammen mit Five Finger Death Punch und Of Mice & Men im Hallenstadion. Beim Lesen des Interviews mit Anders Fridén, das vor dem Greenfieldauftritt entstanden ist, kannst du also sowohl in Erinnerung schwelgen als auch Vorfreude geniessen!

In Flames exisiteren bereits seit über 25 Jahren. Wie hat sich die Metalszene seit den 1990er-Jahren verändert?
Anders:
Es gibt mehr Subgenres aller Art und wir haben noch ohne Internet begonnen. Das Internet hat es sowohl einfacher als auch schwieriger gemacht. Einerseits ist es für Bands schwieriger geworden, gehört zu werden, da ständig so viel zugänglich ist. Andererseits ist es einfacher, Musik zu veröffentlichen, da Labels dafür keine Notwendigkeit mehr sind. Die Metalszene entwickelt sich weiter und ich glaube, das ist gesund. Sie hat sich immer entwickelt, auch vor den 90ern.

In Flames gelten als Begründer eines ganzen Genres, des Melodic Death-Metals oder Gothenburg-Metals. Macht dich das stolz?
Ja, natürlich macht es mich stolz, wenn du mich so fragst. Ich denke aber nicht ständig: “Hey, ich bin der Erfinder von etwas.” Es war grossartig damals, es waren viele Bands die zusammen begannen, wir hatten keinen Plan, was wir taten und schlussendlich ist etwas daraus geworden was die Medien als “Gothenburg-Metal” bezeichneten. Wir kommen aus Göteborg, diese Bezeichnung ist also nicht unpassend aber wir haben diesen Sound weit über die Grenzen von Göteborg hinweg getragen. Am Ende der Karriere, wenn ich zurückblicken werde, wird das schon toll sein, aber ich fühle mich deswegen nicht besser. Es war aber eine grossartige Zeit und wir waren alle neugierig – es war eine wirklich coole Szene.

Hast du damals erwartet, jemals von der Musik leben zu können?
Nein, nein, das war bloss ein Traum. Wir haben aber wirklich hart gearbeitet und offensichtlich hatten wir ein bisschen Glück, wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Es wäre langweilig gewesen, damals schon zu wissen wie alles rauskommen wird. Wenn du Erfolg hast, dann ist das fantastisch aber du machst weiter. Jetzt bin ich in einer Blase, in der ich ständig arbeite und ich komme nicht wirklich dazu nachzudenken, wo wir sind. Wenn mir jemand eine Frage stellt wie eure erste, dann beginne ich zu realisieren, wo wir eigentlich stehen. Aber an einem normalen Tag wache ich nicht auf und denke zuallererst “Yeah”.

Tust du dennoch etwas um zu fassen, was du erreicht hast?
Ich bin noch nicht zufrieden, ich bin hungrig und habe immer noch Lieder in mir, die ich schreiben will. Ich habe alle meine Träume und Ziele übertroffen. Wenn also In Flames für mich heute zu Ende wäre – was ich nicht möchte – wäre ich mehr als glücklich. Ich denke aber, du gehst nicht in die richtige Richtung wenn du beginnst über deine Situation nachzudenken, es sollte immer Lust da sein nach etwas Neuem, vorwärts zu gehen und für deine Fans zu spielen.

Ihr habt letztes Jahr euer zwölftes Studioalbum veröffentlicht. Hast du ein persönliches Lieblingsalbum?
Langweilige Antwort: Natürlich mag ich alle. Jedes Album ist wie ein Foto davon, wie wir waren zu jenem Zeitpunkt in unseren Leben. “The Jester Race” liegt mir am meisten am Herzen, weil es mein erstes Album war mit In Flames. Ich kam 1995 dazu, das Album erschien 1996, das ist schon speziell für mich. Ich bin aber stolz auf jedes Album und alle sind gleich wichtig. Wenn du ein paar Alben entfernen würdest, würde “Battles” (das aktuelle Album, Anm. d. Red.) nicht so tönen wie es tönt. Die Alben sind eine Abfolge und jedes Album ist eine Reaktion auf die anderen, sie sind also alle gleich wichtig. Es ist wie mit dem Wählen zwischen deinen Kindern, du kannst nicht eines aussuchen.

Wie ist es für dich, alte Lieder wie “Only for the Weak” zu spielen? Kannst du dich mit diesen noch identifizieren?
Natürlich, das sind meine Liedtexte und unsere Musik. Ich höre sie aber nicht, es kommt nicht vor, dass ich nach Hause gehe und “Clayman” hören möchte. Wenn wir sie live spielen, sind sie manchmal die besten Lieder des Abends, manchmal auch die langweiligsten, das hängt ab von der Interaktion zwischen der Band und dem Publikum. Ein neues Lied kann das schlechteste das Abends sein und ein altes das beste und umgekehrt. Es macht aber schon Spass, die alten Lieder zu spielen und zu sehen, wie Leute im Publikum zu lächeln beginnen.

Du wirst also nicht müde, diese Lieder zu spielen?
Nein, nein. Wie ihr gesagt habt bin ich schon lange in dieser Band und natürlich kommt es vor, dass ich müde davon bin oder einen schlechten Tag habe, wie es jede(r) kennt. Aber grösstenteils ist es der beste Job, den man haben kann. An 98 von 100 Abenden bist du glücklich mit jedem einzelnen Lied und manchmal hätte es auch besser sein können, das ist normal.

Inwiefern kann das Publikums euer Bühnenverhalten beeinflussen?
Je mehr sie geben, desto mehr geben wir. Und umgekehrt. Es ist eine Interaktion zwischen uns und ihnen. Wir haben immer viel Geld in unsere Shows investiert um einen guten Abend und ein Erlebnis zu bieten, das sich abhebt vom Hören unserer Musik ab einer Stereoanlage zu Hause. Aber wir können uns nicht einfach darauf verlassen, es braucht auch harte Arbeit von uns als Menschen. Und wenn wir das tun, werden die Leute hoffentlich eine gute Zeit haben. Es ist nun mal so: Ohne Leute, die unsere Musik hören und kaufen und unsere Konzerte besuchen, würde dieses ganze Projekt verschwinden. Wir könnten auch zu Hause sitzen und Musik für uns selber schreiben, aber das würde nicht so viel Spass machen. Die Live-Auftritte sind enorm wichtig.

Gehst du an andere Konzerte wenn du auf einem Festival spielst?
Ich habe gerade Kreator gesehen, von denen ich schon lange ein Fan bin. Sie spielten am Schluss “Pleasure to Kill”, das war fantastisch! Und Mille (Sänger von Kreator, Anm. d. Red.) war einer derjenigen, die mich inspiriert haben so zu singen wie ich es zu Beginn getan habe. Unter anderem dank ihm bin ich da, wo ich heute bin.

Was für Musik hörst du aktuell abgesehen von Metal?
Gute Musik! Dinge die mich bewegen, mich im Herzen berühren, das kann wirklich alles Mögliche sein.

Viele Leute erwarten auf grossen Konzerten Feuerwerk…
…dann werden sie heute enttäuscht. Wir haben kein Feuerwerk.

Aber was hältst du von Feuerwerk und grossen Lichtshows? Lenken sie von der Musik und der Band aber oder unterstützen sie die Wirkung der Musik?
Man muss es auf jeden Fall synchronisieren und mit dem Licht zusammenarbeiten. In der Vergangenheit haben wir so viel Pyros gebraucht, egal wie viel wir dazugaben, es hatte keine zusätzliche Wirkung mehr. Jetzt gehen wir ein paar Schritte zurück, so dass wir dann wieder damit anfangen können. Das macht mehr Sinn. Aber wir haben eine gute Lichtshow! Und wir haben unsere Lieder, die niemand sonst hat!

Das ist genau was ich meinte: Die Musik sollte doch das Wichtigste sein.
Ja, aber es ist eine Show. Die Leute bezahlen Geld um hier zu sein, also solltest du ihnen etwas geben. Etwas Zusätzliches.

Was erwartest du vom heutigen Konzert?
Ein gutes Konzert. Wir werden sehen. Wir spielen lange, ungefähr eineinahlb Stunden, also viele Lieder. Und hoffentlich gehen die Leute danach glücklich zu ihren Zelten zurück.

Fühlt sich deine Band immer noch wie eine Gruppe von Freunden an oder eher wie eine Firma?
Wir sind Freunde! Einige Mitglieder haben uns verlassen, denn man muss schon hart arbeiten. Wir haben alle Familien und müssen uns zu 100% der Band widmen. Wenn du weg bist, dann bist du weg, du arbeistest wirklich hart und es verlangt dir alles ab. Wenn du unglücklich bist mit deiner Situtation ist es vielleicht besser, eine andere Richtung einzuschlagen. Aber wir sind Freunde.

Joe Rickard ersetzt den bisherigen Schlagzeuger Daniel Svensson. Wie ist deine Beziehung zu ihm?
Es ist eine neue Beziehung, aber eine wirklich gute. Wir trafen ihn im Studio,  als wir aufnahmen. Wir hatten keinen Schlagzeuger und wollten noch kein Probespielen. Es ist wirklich langweilig da zu sitzen und hunderten von Schlagzeugern zuzuhören, das braucht Energie. Also haben wir uns gedacht, zuerst aufzunehmen und nachher einen Ersatz zu suchen. Aber er war da im Studio und arbeitete wirklich gut. Also sagten wir ihm: “Jetzt hast du die Lieder aufgenommen, möchtest du Teil der Band sein?” und er sagte zu. Das lief sehr einfach und er arbeitet echt gut.

Cool! Vielen Dank für das Interview, wir freuen uns auf euer Konzert!
Danke fürs Zuhören!