Zeal & Ardor: «Kirchen sagen, wir machen Teufelsmusik»

Am B-Sides, auf dem Sonnenberg in Luzern, hatte ich das Vergnügen, ein bisschen mit Manuel Gagneux von Zeal&Ardor zu plaudern. Wie aus einem Spassprojekt ein erfolgreicher Schweizer Exportschlager wurde und wieso es nun mindestens einen Satanisten mehr auf dieser Welt gibt, könnt ihr hier nachlesen.

Höflichkeiten zuerst: Geht’s gut?
Sehr gut, danke.

Der Sonnenberg gefällt dir? Und das B-Sides?
Ja, sehr sogar. Was hier alles für Liebe drin steckt ist unglaublich. Total herzerwärmend.

Was war dein erster Gedanke, als Zeal & Ardor so durchstarteten?
Ähm, Überforderung, glaub ich, trifft es am besten. Es war ja alles nicht so geplant, und ja, nachholen war irgendwie so ein bisschen die Idee. So kommt man halt zum Nachholen, was man alles so machen kann.

Es war ja erst nicht als ernstes Projekt angedacht, eher als Spassprojekt..
Ja, genau.

Wärst du anders an die Sache gegangen, wenn du von Anfang an ein ernstes Projekt geplant hättest?
Ja, sicher, aber ich glaube das wäre nicht gut geworden. Ich habe schon ein paar Mal probiert, ernsthaft Musik zu machen, aber ich glaube, wenn man sich zu viel Gedanken mach, lässt man sich selber zu wenig Raum für die eigene Kreativität. Und das tötet die Musik, habe ich das Gefühl.

Hattest du deswegen mehr Freiheiten, weil es eher ein lockeres Projekt war?
Ja, definitiv. Wenn man sich nicht so in eine Ecke stellt, darf man auch alles. Das ist ein bisschen wie Narrenfreiheit. (lacht)

Du provozierst ja auch mit der „Devil Is Fine“…
Ja, aber das ist eher ein Nebeneffekt. Das war jetzt nicht geplant oder kalkuliert. Ich finde es ziemlich lustig und geniesse es, aber es ist nicht die erste Absicht, welche ich damit verfolgt habe.

Ich dachte jetzt nur wegen dem Black Metal. Das ist ja schon eine ziemlich, sagen wir mal, sture Musikrichtung. Hast du da schon aus dem Reiz heraus gedacht, diese unantastbare Musikrichtung mit etwas anderem zu mischen? Und alles zu versuchen, was dir Spass macht?
Ja, stimmt schon, Black Metal ist ziemlich engstirnig. Ich fand es halt schon ziemlich lustig, eine solche Affront auf diese Trve Black Metal-Szene zu machen. Ja, das war es schon irgendwie. Das machte auch den Reiz aus.

Kannst du nun beim weiteren Schreiben der Musik immer noch so frei herangehen, oder bist fühlst du dich nun eingeschränkter?
Ich rede mir ein, dass ich es kann. (lacht) Aber es ist eine Tatsache, dass ich weiss, dass es die Leute hören werden. Und das ändert natürlich alles. Aber ich probiere so fest wie möglich in diesem Headspace zu bleiben. Dass gewährt ist, möglichst frei zu arbeiten.

Du hast ja jetzt auch eine Liveband zusammengestellt. Ziehst du sie mit ein, in das Schreiben von neuer Musik, oder machst du das alleine?
Die Lieder schreibe ich immer noch alleine. Ich bin nicht so ein guter Co-Writer. Ich bin nicht so gut im Musikteilen, da bin ich wohl richtig schlecht. (lacht)

Dieses Projekt war eine Antwort auf eine Frage auf Reddit. Warum hast du die Frage überhaupt gestellt?
Ich hatte ja ein eigenes Musikprojekt, und mit dem war ich musikalisch gesehen irgendwie ein bisschen frustriert. Es ging in eine Ecke und da dachte ich mir, wenn ein oder zwei Faktoren nicht in meiner Hand liegen, dann zwingt es mich in eine neue und interessante Richtung. Zeal&Ardor war auch einfach eine musikalische Antwort auf diese Frage. Gemacht habe ich ungefähr 50. Und die klangen alle ziemlich schlecht. Also wirklich, ziemlich schrecklich.

Was war die schwierigste Kombination?
Ich glaube Primitivismus und Witchhouse. Primitivismus ist eine neoklassische Richtung. Stravinski wäre zum Beispiel Primitivismus. Und Witchhouse ist wie Waporwave, eine kurze, gehypte Trendrichtung in der Elektronischen Musik. Und die gehen überhaupt nicht zusammen. Das kann ich bestätigen!

Hattest du denn auch Musikrichtungen, welche du selbst nicht spielen konntest?
Hmm, nein. Ich habe es immer probiert. Aber eben, zum Teil hat es richtig schlecht geklungen. (lacht) Und das lag dann nicht zuletzt auch an mir, aber probiert habe ich alles.

Ich vermute, dass du kein Teufelsanbeter bist. Was waren die lustigsten Reaktionen, die du auf deine Musik bekommen hast?
Es haben ein paar Kirchen geschrieben, dass sie es nicht so toll finden. Auf YouTube gab es einen Kommentar: „Ich bin jetzt Satanist“, das fand ich recht amüsant. Ah, und es gibt Leute, die interpretieren wirklich alles hinein. Ich habe auch ein paar Facebook-Messages bekommen, in der stand: „Ich weiss genau, worum es dir geht, Bruder. Wir sind genau auf der gleichen Wellenlänge.“ Und das war dann schon ein bisschen komisch.

Dann war es wirklich mehr der Spass, alles mögliche reinzumischen. Und nicht wirklich eine Aussage zu machen?
Doch, doch. Eine Aussage wollte ich schon machen. Es ging mir darum, dass das Christentum den Norwegern, wie auch den amerikanischen Sklaven aufgezwungen worden. Und ich fand es immer seltsam, dass in ihren Liedern – also in denen der amerikanischen Sklaven – immer noch Gott angebetet wird, obwohl das ihre eigene Musik war. Im modernen LaVeyen Satanismus ist Satan eigentlich das Ego. Und das zu verwirklichen und zu verfolgen ist etwas Lobenswertes, finde ich persönlich. Das ist so grob die Aussage, die ich machen wollte.

Waren die Reaktionen unterschiedlich in Europa und Amerika?
Nein, sie waren relativ ähnlich. Also von denen, welchen die Musik nicht gefällt – von denen höre ich ja auch relativ wenig. Die geben sich nicht die Mühe, das irgendwie auszudrücken. Ich find’s okay, das ich denen nicht beim Rummotzen zuhören muss.

Nach welchen Kriterien hast du denn deine Liveband zusammengestellt?
Zu allererst: Es sind alles gute Leute. Mit ihnen kann ich viel Zeit verbringen, auch auf kleinem Raum. Und dann sind sie auch gute Musiker. Es sind Leute, die ich kenne und gerne habe – schon vorher. Es hat sich einfach so brilliant ergeben.

Du hast ja auch ein gut durchdachtes Bühnenkonzept. Aus welchem Grund war dir das so wichtig?
Ich denke, die Musik passt sehr gut dazu und es bietet sich an. Es wäre irgendwie eine verpatzte Möglichkeit gewesen. Und wenn ich schon zum ersten Mal so etwas machen kann, dann muss ich es machen.

Und wegen des Artworks. Hast du das selbst gemacht, oder hast du es machen lassen?
Nein, das habe ich gemacht. Ich wollte nicht diese typischen Metalbilder, obwohl es ein Metal-Album ist. Ich wollte es farbig haben; das Symbol gab es ja schon. Ich würde sagen, so viel habe ich eigentlich gar nicht gemacht. Ein paar Photoshop-Filter draufgeknallt und dann ja, das Symbol darüber gelegt.

Sieht aber gut aus. Es gefällt mir sehr.
Oh, danke schön.

Nochmals zurück; es wundert mich schon sehr: Was haben denn die Kirchen dir geschrieben?
Ehm, also es war die Pfingstkirche in Amerika. Das sind die Leute, die generell auf Sachen hetzten und zwar aktiv. Sie fanden es sei Teufelsmusik, Sex und noch was… was war das noch mal? Also, es war auf jeden Fall relativ gut geschrieben. Sie haben meine Musik mit Art Brut verglichen, wir seien doch Dilettanten und auch behindert. Aber richtig ausführlich, mehrere Paragraphen und ja.. Ich kann’s dir gerne schicken, wenn du willst.

Ja gerne, das wäre sicher noch interessant.
Ja, das ist es. (lacht)