Album Review: Captain, We’re Sinking – The King Of No Man

So gedrungen ihre Musik teils klingt – Captain, We’re Sinking lassen sich seit jeher Zeit, wenn es um die Veröffentlichung von neuem Material geht. Nicht weniger als vier Jahre sind nun schon vergangen seit ihrem letzten Album „The Future Is Cancelled“. Nun steht mit „The King of No Man“ ein Nachfolger da, dem man durchaus anhört, dass sich in der Zwischenzeit einiges getan haben muss.

Während Vorabsingle und Albumopener „Trying Year“ noch mit jugendlichem Elan aus der Box stürmt, nimmt das darauffolgende „Books“ schon vorweg, dass Captain, We’re Sinking auf der neuen Scheibe vermehrt auf ruhigere Passagen setzen. Es bleiben die Ecken und Kanten, wie die oft leicht vertrackten und sich wandelnden Rhythmen, doch Sänger/Gitarrist Bobby Barnett scheint die Zuhörerschaft zu adressieren als er im Refrain von „Books“ singt: „Don’t remember me the way I used to be“. Songs wie „Cannonless“, „Crow (Little Wounds)“ oder das fantastische „Hunting Trip“ emanzipieren sich dabei fast völlig vom Punk-Begriff, der dem Quartett aus Philadelphia üblicherweise anhaftet. Insbesondere diese Songs schielen doch sehr deutlich in Richtung Indie Rock und 90er Emo. Die eingängigen Melodien sorgen für die zusätzliche Prise Pop, ohne dabei auf bombastische oder überzuckerte Klischees zurückzugreifen. Unterstützt wird dieser Eindruck von der Produktion, die das ziemliche Gegenteil ist von dem, was man gemeinhin als „fett“ bezeichnen würde. Natürlich geht dadurch Intensität verloren. Der Sound spiegelt aber auf diese Weise das Songwriting, indem im Vergleich zum Vorgänger weite Teile des Albums luftiger und weniger brachial sind. Captain, We’re Sinking trauen sich, nicht nur noch rot zu sehen und schwarz zu malen, sondern auch einfach mal tief durchzuatmen.

Fans der direkteren Captain, We’re Sinking mögen diesen Vorstoss in ruhigere Gewässer womöglich nicht goutieren, doch nach einigen Durchläufen sollte auch die Mehrzahl der zurückhaltenderen Songs zünden. Und sonst gibt es immer noch die aggressiveren Momente, die zumindest in Bezug auf den Energielevel an die letzte Platte erinnern. Das furiose „Don’t Show Bill“ erinnert mit seinen noisigen Eruptionen an Brand New in der Daisy-Ära oder auch einfach an Nirvana. „The Future Is Cancelled Pt. II“ bezieht sich nicht nur mit seinem Titel auf den Vorgänger, es ist durch dissonante Akkorde, gequälte Screams und interessante Start/Stopp-Rhythmik auch eines der intensivsten Lieder auf „The King of No Man“. Dieser Stilmix resultiert zwar in Abwechslung, sorgt aber gerade in der ersten Albumhälfte für einen etwas stockenden und zunächst auch verwirrenden Flow. Die punkigeren/vertrackteren und die emotionaleren/ruhigeren Songs wechseln sich ziemlich konsequent ab. Ob man das nun Varietät oder Unentschiedenheit nennt, und ob eine andere Anordnung der Tracklist für mehr Kohärenz oder für Monotonie gesorgt hätte, das ist eine ewige Diskussion und schlussendlich auch vom Geschmack des Hörenden abhängig. Während ich Abwechslung in Tempo und Intensität schätze, resultiert daraus in diesem Falle beinah das Gefühl, man höre ein Mixtape statt eines konzeptionell durchdachten Albums. Während die meisten Songs individuell zünden und gefallen, könnte man „The King of No Man“ meines Erachtens genauso gut im Shuffle-Modus hören (wobei Opener und Closer gut gewählt sind).

Captain, We’re Sinking ist mit „The King of No Man” ein sehr solides, wenn auch nicht überragendes Album gelungen. Es ist fast durch das Band gut, und es bleiben auch immer wieder Gesangs- oder Gitarrenpassagen hängen, die ganz grossen Momente (wie etwa in „Montreal” oder „A Bitter Divorce” von „The Future Is Cancelled”) fehlen aber. Aufgrund der abwechslungsreichen Songstrukturen und der Einflüsse aus verschiedensten Genres wie Punk, Emo, Indie oder Post-Hardcore zahlt sich mehrmaliges Hören aus. Es gibt auf „The King of No Man” vieles zu entdecken und Fans der erwähnten Genres sollten sicher ein Ohr riskieren.

VÖ: 23.6.2017 / Run For Cover Records