Album Review: Kettcar – “Ich vs. Wir”

Als ich im Jahre 2008 als DJ in der Birreria in St. Gallen angefangen habe zu arbeiten, kaufte ich anfänglich ganz viele Sampler, damit ich einfachheitshalber so viele Songs gebrauchen konnte, ohne gross Alben zu kaufen. Auf einem Sampler namens DAT-20 Sampler waren Songs meiner Helden von Boysetsfire, Blink-182 oder Raised Fist zu finden. Jedoch gab es den Song Nr. 8 auf der CD1, der mich einfach immer wieder packte und praktisch zu meinem fixen Repertoire gehörte. Es war “Deiche” von Kettcar. Damals hatte ich zum ersten Mal von dieser wunderbaren Band gehört und nun kommt mit “Ich vs. Wir” das fünfte Studioalbum der Hamburger.

Das Album startet mit dem Track “Ankunftshalle”, welcher mit den Worten “Es war einer dieser Zyankali Tage, an denen wir uns mal wieder umbringen wollten, weil die Menschen überhaupt keinen Sinn ergaben…” ziemlich deprimierend beginnt. Der Song fängt in einer Art Ballade an, eher dann die Melodie an Fahrt aufnimmt. Er spielt in einer Ankunftshalle eines Flughafens und man kann sich mit einer Portion Kopfkino den Song 1:1 Live erleben.  Vergessen sind die Anfangsdepressionen dieses Tracks! Man merkt von hier an schon, um was es beim Album gehen soll, dazu aber später mehr.

In “Wagenburg” erzählt die Band, wie individueller Egoismus in einer Gruppe zusammengeführt zu einer Massenansammlung von Menschen kommt, welche Angst und Hass für sich beansprucht. Mit “Benzin und Kartoffelchips” kommt die Platte ziemlich in Schwung, obwohl der Beat mich jetzt nicht überrascht und sich in die übliche Sparte des Indie-Rocks eingliedern lässt. Dennoch wippt mein Kopf im Takt mit. Als vierter Track kommt die vorab veröffentlichte Single “Sommer 89”, wo es um einen Flüchtlingshelfer geht, welcher kurz vor Ende der DDR in Ungarn Menschen zur Flucht verhalf. In den Textpassagen wurde hier ein sehr einfacher Stil gewählt, da es bei dem Song sehr um die Geschichte und deren Ereignisse geht. Ein wenig hat man das Gefühl, dass hier vom Intro direkt in den Refrain gewechselt wird und wieder zurück, was den Song jedoch gerade deswegen speziell macht. Der Refrain ist eingängig und leicht mitzusingen, was mir gefällt.

Zunehmend poppiger wird die Platte ab “Auf den billigen Plätzen” und mit dem anschliessenden “Trostbrücke Süd” zeigen Kettcar, dass sie sich auch hier weiterentwickelt haben. Es ist eine sehr schöne Wave-Pop Ballade, die ich stundenlang anhören könnte. Mit “Mannschaftsaufstellung” geht es schon langsam zum Ende von “Ich vs. Wir”. Der punkige Track dreht sich um eine Nationalmannschaft Deutschlands die eines ist: deutsch und national. Auch wenn mir die Aufstellung dieser deutschen Elf ebenfalls nicht gefallen würde, umso besser gefällt mir die melodiöse Abwechslung dieses Songs! Track 9, “Das Gegenteil der Angst”, ist nochmals ein eher ruhigerer Song, ehe dann mit “Mit der Stimme eines Irren” ein Mix aus 80er-Jahre-Indierock und -Punk aufeinanderprallen. Den Abschluss von “Ich vs. Wir” macht “Den Revolver entsichern”, ein Song, der dem Hörer etwas auf den Weg mitgeben möchte: Dass man niemals klein bei geben und statt den Kopf in den Sand zu stecken, sich zu erheben und seine Menschlichkeit bewahren sollte.

Tracklist

Ankunftshalle
Wagenburg
Benzin und Kartoffelchips
Sommer ’89
Die Strassen unseres Viertels
Auf den billigen Plätzen
Trostbrücke Süd
Mannschaftsaufstellung
Das Gegenteil der Angst
Mit der Stimme eines Irren
Den Revolver entsichern

Mein Fazit zu “Ich vs. Wir”
Die Platte ist für mich musikalisch nicht viel anders, wie bei anderen deutschen Bands, welche sich derzeit im Indie-Poprock befinden. Was man jedoch bei Kettcar und vor allem jetzt bei “Ich vs. Wir” nicht abstreiten kann ist die Kunst, mit Songtexten den Hörer in eine Traumwelt einzuladen. Man kann getrost für einmal den TV ausschalten, seiner Fantasie freien Lauf und “Ich vs. Wir” auf sich wirken lassen. Darüber hinaus gibt es sehr viele gesellschaftskritische Dinge, über die das Album spricht, welcher direkt auf den Zahn der heutigen Zeit fühlt! Für mich ist das Album mehr als gelungen und knüpft hoffentlich an den Erfolg seiner Vorgänger an.

“Ich vs. Wir” gibt es ab 13. Oktober 2017 auf Grand Hotel van Cleef.

Live gibt es Kettcar an folgenden Daten in der Schweiz:

22. Januar 2018: Kammgarn, Schaffhausen

23. Januar 2018: Bierhübeli, Bern