Swiss: “Es ist schwierig in einem System wie dem Kapitalismus zu sagen: Ich mach da nicht mit”

Letzten Samstag, dem 14. Oktober, war es endlich soweit: Das Antiracupfestival im Dachstock in Bern stand an. Und wie sich das an einer antirassistischen Veranstaltung gehört, wurden auch keine Genregrenzen gezogen. So spielten Hermanos Perdidos, B.I.B, The Prosecution, Captain Gips, Johnny Mauser und Swiss & die Andern auf zwei Bühnen verteilt, ohne Punkt und Komma.

Disastar musste leider absagen. Ich war aber nicht nur ziemlich erfreut, dass ich es endlich mal in den Dachstock geschafft hatte, sondern war auch ziemlich hyped, dass ich mit Swiss (von Swiss & die Andern) ein Interview führen durfte. Nach drei Bier und um halb elf am Abend. Wie ich mich geschlagen habe und was für philosophische Antworten zu dieser Stunde noch gegeben wurden, erfährst du hier:

Ihr habt dieses Jahr „Wir Gegen Die“ rausgebracht. Wie ist das angekommen?
Das ist sehr gut angekommen. Vor allem „Wir Gegen Die“ mit Slime und „Zickzackkind“. Ich spreche nur von meiner Wahrnehmung, aber es kam sehr gut an. Für uns war es vor allem wichtig, dass der Sound bei dem Ding noch besser wird als vorher. Wir waren zuvor immer ein bisschen unzufrieden mit dem Sound an sich. Das Schlagzeug klingt besser, es ist besser produziert. Insofern war das auch ein wichtiger Schritt bei diesem Album.

Du hast ursprünglich mit Rap angefangen. Woher kam der Genrewechsel zum Punk?
Für mich war es einfach so, dass mich diese Hip-Hop-Geschichte schlicht abgeturnt hat. Hip-Hop war für mich irgendwann mal so ein Protestding und jetzt geht es nur noch um den finanziellen Aufstieg. Der Weg von “Ich hab nix” zu “Ich bin reich”. Die machen irgendwie das ganze Kapitalistending mit, das ich nicht verabscheue, aber… ich bin halt nicht so der Typ der sich ein dickes Auto holt. Ich fahr gerne Fahrrad oder ein Auto, das irgendwie fährt. Verstehst du? Das Statusding hat mir nicht gefallen.

Beim Punk ist es viel wichtiger, dass du auch eine Message hast. Die Leute wissen es auch mehr zu schätzen, wenn du was zu sagen hast, das dir gesellschaftlich etwas bedeutet. Nicht nur: “Ey, lass uns reich werden.” Ich hab mich auch irgendwie gelangweilt. Meine Liveshows haben mir nicht gefallen und nur mit DJ war mir irgendwie zu trocken. Das ist jetzt mit der Band was ganz anderes.

Ihr seid politisch eingestellt und zeigt das. Hast du das Gefühl, dass du manchmal eine Haltung einnehmen musst, weil das von dir erwartet wird?
Es ist lustig, wir haben gerade darüber geredet. Ich bin links gross geworden, alle meine Freunde sind links-denkende Menschen. Aber es gab auch Konflikte. Zum Beispiel: Wir ziehen uns oft das Shirt aus und dann gab’s deswegen eine Sexismusdebatte. Die ich aus logischer Sicht nicht nachvollziehbar fand. Wir sind nicht die Band, die versucht, einer Rolle gerecht zu werden, die eine gewisse Szene von uns erwartet.

Ich muss niemandem beweisen, dass ich links bin. Ich bin in St. Pauli gross geworden, wir sind eine links-denkende Band, wir müssen aber auch nicht jede Mode mitmachen. Wenn wir uns auf der Bühne ausziehen wollen und uns dabei wohlfühlen, dann ist das auch in Ordnung. Wer das nicht gut findet, soll nicht zu unseren Shows kommen.

Hast du denn das Gefühl, Kunst muss irgendwie politisch sein?
Na ja, ich glaube, Kunst muss zuerst gesellschaftlich relevant sein. Sie muss der Gesellschaft etwas bedeuten, sich daran reiben. Ich finde, die beste Kunst ist immer provokant, weil sie den Leuten Anstoss gibt, sich mit etwas auseinanderzusetzen. Wenn sie nur belehrend ist, ist das anstrengend. Ich bin auch so: Wenn mich jemand nur belehren will, dann schalt ich direkt ab. Mein Anti-Autoritätsgen quasi. Kunst muss auf eine geschickte Art und Weise die Leute dazu bringen, sich mit etwas auseinanderzusetzen.

Dann gibt’s da noch die Aufnahme, in der du sagst, Kunst soll nicht an Geld gemessen werden. Trotzdem verdienst du selbst Geld mit der Kunst, die du machst…
Das ist wieder so ein Thema: Du verurteilst den Kapitalismus, aber verdienst Geld mit deiner Musik und Merchandise. Es ist schwierig in einem System wie dem Kapitalismus zu sagen: Ich mach da nicht mit. Aber deswegen finde ich es wichtig, dagegen zu kämpfen und das anzukreiden.

Es ist ein bisschen wie Darwin: Du musst ja auch deinen Lebensraum haben und überleben. Die Leute, die dich kritisieren, dass du Geld damit verdienst, die frage ich ja auch nicht, was sie arbeiten und ob sie auch Teil des Systems sind. Das ist als würde jemand Ende Monat zu denen hingehen und ihren Lohn wegnehmen. Es will doch jeder mit dem, was er macht, am Ende auch seine Brötchen verdienen. Es ist schwer da einfach nicht mit zu machen. Aber ich finde es wichtig, dass man den Leuten auch irgendwie die Perversion dieses Systems zeigt.

Denkst du, dass Musik nicht als richtige Arbeit wahrgenommen wird?
Das habe ich allgemein schon das Gefühl. Ich kenne das von meiner Familie in der Schweiz, die alle ehrlichen Jobs nachgehen. (lacht)

Ich mach jetzt seit über 13 Jahren Musik. Und es war immer so: Wenn du davon nicht leben kannst, heisst es: Schön, dass du ein Hobby hast, träum mal weiter, aber wie wär’s, wenn du mal ehrliche Arbeit suchst? Auch in Deutschland habe ich das Gefühl, dass die Leute, die von Kunst leben, ausgelacht werden. “Was sind das für Träumer?” oder “Was sind das für Spinner?” und so. Denen wird auch immer Faulheit zugeschrieben… Ich kann nur für uns sprechen, wir sind sehr faul! (lacht laut, die Band ebenfalls)

Nein, wir geben seit Jahren extrem Gas. Der Erfolg ist nicht gekommen, weil wir gute Tänzer sind… Wir stecken sehr viel Arbeit rein. Gerade Musik zu machen ist anstrengend. Ich glaube, wenn du nur Musik machst, um Geld zu verdienen, dann wirst du’s auch nicht schaffen – die Frustration ist so hoch.

Ich glaube, ich habe das erste Mal Geld für meine Musik gesehen vor zwei oder drei Jahren. Vorher habe ich gearbeitet, irgendwas, um mich über Wasser zu halten und mich durchzuschlagen. Und als ich das erste Mal Geld für einen Auftritt bekommen habe, oder jemand ein Shirt gekauft hat, war das so: “Ist das unser Geld? Wirklich?” Und ich behaupte auch, dass jeder Künstler, also jeder grössere Künstler, der das seit Jahren erfolgreich macht, auch für die Kunst angefangen hat. Aber das ist ein Ausdruck des Kapitalismus: Sobald du nicht daran gemessen werden kannst, wie du das Bruttosozialprodukt steigerst oder einen Job ausübst, den die Menschen einordnen können, dann bist du schon ein unnützer Esser.

Ja, kommt mir bekannt vor mit meinem Kunststudium.
Ach schön, ich hab Germanistik studiert. Du kennst das ja…  Mach den Taxischein, empfehle ich dir. (lacht) Nein, Spass.

Anderes Thema: Ihr sprecht viel davon, was alles kaputt ist in der Welt. Was können wir dagegen tun?
Ich glaube, du kannst eigentlich nichts machen. Das ist auch der falsche Denkansatz. Missglückte Welt heisst: Wir feiern die perfekte Imperfektion. Wir sind Menschen, wir haben Fehler, wir haben Schwächen. Und das ist auch gut so, denn das ist menschlich. Und ich glaube in der Gesellschaft sind die Menschen unglücklich, weil sie denken, sie müssen perfekt sein.

Wenn du nicht die blonde Frau mit zwei blonden Kindern, dem Labradorwelpen in einem Eigenheim bist und einen schicken Karren fährst, dann ist dein Leben wie nicht gut oder normal. Wir sehen es eher so: Jeder ist irgendwie abgefuckt, jeder trägt seine Dämonen mit sich rum, kein Leben ist perfekt. Es geht eher darum, diese perfekte Imperfektion zu feiern. Bald geht die Welt unter und das haben wir irgendwie verdient. Hoffentlich wird die Erde uns los und es geht ohne uns weiter.

Dementsprechend hast du auch keine Utopievorstellung?
Na ja, Utopien sind immer gleich so absolut. Du stellst dir vor, wie was zu sein hat, und so muss es sein. Alles andere schliesst du aus. Ich glaube, das Leben ist eher eine Dystopie. Man muss das Leben einfach auf sich zukommen lassen und versuchen, damit umzugehen und der beste Mensch zu sein, denn man sein kann. Und wenn jeder das machen würde; wenn jeder einfach anfangen würde, ein anständiger Mensch zu sein, einander mal Danke und Bitte zu sagen, so einfache Dinge, kollegialer sich gegenüber zu sein, dann würden wir auch in einer korrekteren Welt leben.