So war die Plattentaufe von Useless’ neuer EP “Neglect”

Useless haben am 21. Oktober ihre zweite EP im Albani Winterthur getauft. Wenn sich eine Band als Grunge bezeichnet, dann bin ich immer neugierig, ob es sich dabei um eine schlechte Nirvana-Coverband handelt oder eventuell doch ein Funken von den 90ern überlebt hat. Gespannt reise ich nach Winterthur in eine Location, in der ich noch nie war, um drei Bands zu hören, welche ich noch nie gehört habe.

Das Albani Winterthur ist keine klassische Konzerthalle. Die Bar, die Konzerte und Partys veranstaltet, ist ziemlich verwinkelt. Um in den Hauptraum zu gelangen, läuft man rund um die Bühne, auf welcher bei meiner Ankunft schon The Least Evil in die Saiten hauen. Es ist ein voller Crunchsound, der da aus dem Bassamp dröhnt. Ein Bass ist aber nicht zu finden, denn das Duo besteht aus Gitarre und Drums. Es ist ihr zweites Konzert, bei welchem sie mit einer starken Stimme und einem minimalistischen Materialaufwand verträumte Grunge-Songs spielen.

Schon in der Umbaupause richteten sich viele Augen zur zweiten Band Arrows of Love aus England. Der Kleidungstil zeigt, dass es sich dabei nicht um fünf  “Zürihipsters” handelt. Frontmann Nima Teranchi sieht aus wie eine Kombination aus Dr. Brown von Back to the Future und Severus Snape aus Harry Potter. Die meisten Blicke bekommt aber Bassistin Nuha Ruby Ra zugeworfen. Mit ihren intensiven blauen Haaren, einem schwarzen Hosenanzug und einem knallroten Bass absorbiert sie die Aufmerksamkeit des ganzen Publikums. Die vielen Pedals, welche die halbe Bühne füllen, machen mir Hoffnung auf ein spannendes Konzert und das ist es auch. Mich trifft dieser Noise-Rock ziemlich unerwartet. Die Songs sind ein stetiger Wechsel von kreischenden Gitarren und ambientem Storytelling. Noch unerwarteter ist die Performance, die geboten wird. Sänger Nima springt wie wild geworden ins Publikum, drückt sich ohne Rücksicht durch das ziemlich volle Albani, klettert auf den Rücken von Zuschauern und rollt auf dem Boden umher. Auch die Bassistin steht irgendwann auf der Bar und schreit auf das Publikum hinunter. Nach dem Konzert bin ich ziemlich sprachlos. Ein solches Konzert hätte ich mehr in einem schäbigen, unterirdischen Klub um drei Uhr morgens erwartet als im Albani Winterthur.

Im Abschluss präsentieren Useless ihre neuste Scheibe. Ohne grosses Theater stehen die vier Musiker auf die Bühne, nehmen ihre Instrumente und werfen einem zurück in die 90er. Der Charakter des Grunge scheint perfekt. Ein gut gefülltes Lokal, ein Leadsänger, wessen Gesicht durch eine Wand aus Haaren verdeckt bleibt, und eine misanthropische Klangwand katapultieren einem weg aus dem sauberen Winterthur. Useless zeigen auf der Bühne ihren Hass auf das Rockstartum. Anstelle einer egozentrischen Bühnenperformance gibt sich das Quartett bescheiden und demütig. Leadsänger Nik steht nicht in der Mitte sondern rechts aussen. Diese Bühnenpräsenz verkörpert mir das Gefühl von Grunge und dabei wirkt Useless auch sehr authentisch. Der Sound ist geprägt von Cobain und co. Man spürt aber auch die Faszination an Post- und Stonerrock, welcher in Sound einfliesst. Es sind keine melancholischen Rockhymnen zum mitsingen. Useless bauen in ihren Arrangements gekonnt eine schwermütige Klangwelt auf. Das Publikum nickt in den ruhigen Passagen besonnen mit bis der Sound wuchtiger wird, wo dann wild gemosht wird.

Useless haben mit einem würdigen Konzert ihre neue EP “Neglect” getauft. Ein toller Abend, an welchem das Feuer der 90er in Form einer kleinen Flamme wieder zu brennen angefangen hat. Hier gibt es übrigens ein Video anzuschauen.

Arrows of Love spielen am 25. Oktober im Taptab in Schaffhausen eine weitere Schweizer Show ihrer “Product Album Tour”. Auch Useless werden an diesem Abend dabei sein.

Foto: © Dylan / Useless