22.10.2017 – Kraftklub im Z7: Keine Nacht für Pratteln

Am Sonntag, 22. Oktober war es endlich soweit: Im Z7 in Pratteln fand das ausverkaufte Konzert von Kraftklub statt. Ich war voller Elan unterwegs, die SBB dagegen leider nicht. Und so verpasste ich den Anschlusszug und durfte eine halbe Stunde vor mich hin dümpeln. Es ist eben nicht ganz einfach, von Luzern bis nach Pratteln zu kommen. Und in einer Minute das Gleis zu wechseln, war für eine übernächtigte und vom Probeweekend geschundene Vera einfach zu viel. Am Ende schaffte ich es bis zum Z7 und fand mich vor einer langen Schlange an wartenden Leuten wieder. Spätestens da ist mir aufgefallen, wie selten ich an wirklich grossen Konzerten anzutreffen bin. Relativ schnell gelangten wir jedoch ins Areal und konnten noch die letzten Paar Songs von Gurr erhaschen.

Gurr ist eine Band aus Berlin, die nach eigenen Angaben First Wave Gurrlcore spielen. Die zwei Frontfrauen hatten ordentlich Energie, welche sie direkt auf das Publikum übertragen haben. Mit ihrem Garage Rock Punk – ich bin relativ schlecht im Genrenamen finden – überzeugten sie definitiv die anwesenden Leute. Mich ein bisschen weniger. Aber ich war wohl auch zu müde, um mich wirklich mit ihnen auseinander zu setzten. Aber, und das muss ich sagen, obwohl ich normalerweise Frauenstimmen nicht sonderlich mag, fand ich sie bei Gurr richtig gut. Schön laut, dreckig und emotional. Wer eine ordentliche Dosis Energie braucht, sollte sich Gurr definitiv zu Gemüte führen. Weil ich zu spät da war, war auch das erste Set sehr schnell zu Ende. Und ich ein bisschen überrumpelt, dass es nur eine Vorband gab. Das bin ich mir auch nicht mehr gewohnt, vor lauter kleinen und lokalen Konzerten. Auch die vielen Leute machten mir ein bisschen zu schaffen. Ich glaube, ich war vorher erst an einem ausverkauften Konzert. Und ich weiss jetzt auch wieso. Zu wenig Platz für zu viele Menschen.

Nach einer relativ kurzen Umbaupause wurde es dunkel und Kraftklub stürmten die Bühne. Das Publikum war quasi schon vor dem ersten Song mit Herz und Seele dabei. Das Set bestand aus vielen neuen, aber auch ein paar älteren Liedern. Ganz getreu dem Albumtitel „Keine Nacht für Niemand“ fühlte ich mich in den hinteren Reihen. Ich hätte im Stehen einschlafen können. Das einzige, was mir noch Energie und Motivation gab, waren die fünf Nasen auf der Bühne. Alle anderen sahen das anders und gaben Vollgas. In den vorderen Reihen wurde getanzt und gepogt, was das Zeug hielt.

Nach ein paar Songs wurde ein Glücksrad auf die Bühne gerollt und eine Zuschauerin wurde gebeten, einmal kräftig daran zu drehen. Glücklicherweise traf es nicht das Feld „Zigarettenpause“, das wäre sicherlich ein bisschen langweilig geworden. Und hier fing die Publikumsinteraktion erst an. Es wurde im Takt geklatscht, zusammen gerappt, gerudert und Sänger Felix nahm ein ausgiebiges Bad in der Menge. Und als er uns bat, kurz auf den Boden zu hocken, wurde dieser Wunsch bis in die hinterletzte Reihe erfüllt. Sowas hatte ich bis anhin noch nie gesehen. Normalerweise gibt’s immer die “ich bin zu cool für das”-Leute, aber hier herrschte Einheit. Und am Ende wurde dann kollektiv das Shirt ausgezogen und zu „Songs für Liam“ über dem Kopf geschwungen. Das Publikum hatte schliesslich Felix das ganze Set hindurch dazu aufgefordert, sich auszuziehen. Und da wurde natürlich solidarisch mitgemacht, damit er sich auch getraute. Mit einem improvisierten, langsamen Gedichtgesang klang der Abend danach endgültig aus. Ich ging ziemlich glücklich, aber auch komplett im Eimer nach Hause und schwor mir: Das nächste Mal an einem Kraftklubkonzert werde ich komplett ausgeschlafen erscheinen und alles nachholen, was ich am Sonntag nicht mitgemacht habe.