The Picturebooks: “Wir sind so ein bisschen wie Neandertaler”

Die Picturebooks touren gerade wie wild durch ganz Europa. Wieder mal. Das neue Album „Home Is A Heartache“ will ja auch entsprechend vorgestellt werden.

Wir wollten es uns nicht entgehen lassen, mit den deutschen Rockern Fynn (Gitarre/Gesang) und Philipp (Schlagzeug) zu quatschen. Was dabei rauskam, könnt ihr im Interview nachlesen:

Ihr seid ja oft mit dem Motorrad auf Tour. Auch jetzt?
Fynn: Nein, jetzt ist für uns Saisonende. Die Sommertour mit den ganzen Festivals haben wir mit den Bikes gemacht. Jetzt geht das aber von der Route her und mit dem unberechenbaren Herbstwetter nicht mehr so gut. Das wäre auch den Zuschauern gegenüber nicht fair. Die Shows würden wahrscheinlich extrem darunter leiden.

Euer neues Album “Home Is A Heartache” ist jetzt auf dem Markt. Inwiefern unterscheidet es sich vom Debüt-Album “Imaginary Horse”?
Fynn: Es gehört auf jeden Fall zu “Imaginary Horse” dazu, das geht sozusagen weiter. Die Idee war nicht, uns komplett zu verändern. Wir wollten den alten Sound weiterentwickeln. Einen grossen Unterschied gibt es jedoch: Beim ersten Album haben wir die Songs vorher nie live gespielt. Es wurde zuerst alles aufgenommen und danach sind wir dann auf Tour gegangen. Bei der neuen Platte haben wir vorher ausprobieren können, was gut auf der Bühne funktioniert. Das hat uns immens geholfen beim Songwriting. Da hat man dann gemerkt, was fehlt oder was noch verändert werden muss. Damals bei „Imaginary Horse“ haben wir, nachdem das Album raus war, noch ganz viele Sachen umgeschrieben. Deswegen sind einige der Songs auf dem Album ganz anders als auf der Bühne.

Wie sieht es produktionstechnisch bei euch aus? Wer ist das Team rund um die „Picturebooks“ und eure Musik?
Fynn: Das sind eigentlich nur ich, Philipp und mein Vater. Papa macht alle Aufnahmen und Videos, alle Fotos, ist Vater, und unser Freund. Er war in den 80ern Profi-Skateboarder, hat dann als Sänger in den USA Karriere gemacht und danach als Produzent gearbeitet. Wir haben uns zu Hause in Gütersloh ein Studio gebaut. Für alle, die nichts über Gütersloh wissen: Das ist tot. Genau deswegen mussten wir da was erschaffen und das war das Beste für uns. Denn nur so entsteht Kreativität: In dem einem was fehlt – Kunst entsteht aus Leid.

Kreativität ist natürlich ein wichtiger Punkt in allem, was wir machen. Philipp und ich sind ja nicht professionelle Musiker. Ich kann bis heute keinen Akkord spielen. Wir haben uns das alles selbst ausgedacht. So ein bisschen wie ein Neandertaler, dem kalt wurde, der dann das Feuer erfunden hat. So haben wir unsere Musik erfunden.

Wenn wir mit dem Neandertaler schon bei der Geschichte angekommen sind… Wie habt ihr beide euch kennengelernt?
Fynn: Das wissen wir noch ganz genau. Das war im Skatepark in Gütersloh vor circa 14 Jahren. Damals waren wir beide sehr anders als alle anderen Jungs da. Keiner hörte unsere Musik, keiner sah aus wie wir. Alle anderen mochten Limp Bizkit. Wir aber liebten David Bowie, The Cure, Black Flag, Iggy Pop und so weiter. Das hat keiner verstanden und so haben wir uns aber dann zusammengefunden.

Was beeinflusst eure Musik?
Mittlerweile sind das vor allem Geschichten und Gefühle. In den Jahren 2013 und 2014 haben wir keine Musik gehört – also wirklich zwei Jahre lang gar nichts. Wir wollten damals auf den Kern kommen und wirklich rausfinden, wo wir sind, was wir sind und was für Musik wir eigentlich machen. Die Musik, die man hört, bringt man immer in seine eigene Kunst ein. Das hat uns genervt. Wir konnten dann immer raushören „Ah, das hast du von da und das hast du von hier.“. Deswegen haben wir angefangen, uns von ganz anderen Sachen inspirieren zu lassen. Von Filmen zum Beispiel oder von Dingen, die im Leben passieren: Motorradfahren, Skateboardfahren, und so weiter. Wir arbeiten nicht nach einem Schema. Oft sprechen wir auch von visuellen Dingen, bevor wir etwas schreiben. Da heisst es dann: “Es muss sich so anfühlen wie eine Autofahrt bei Nacht.” Jammen tun wir nie. Wir spielen einander Ideen vor und machen dann Stück für Stück einen Song daraus.

Ihr habt einen starken USA-Bezug. Wo kommt der her?
Fynn: Wegen meinem Vater lebe ich seit ich zehn Jahre alt bin halb in Kalifornien und halb in Deutschland. Angefangen mit der Musik haben Philipp und ich aber ganz klar hier in Europa. Hier sind wir sieben Jahre lang rumgekrebst. Wir haben immer versucht, international anerkannt zu werden. Die Leute waren auch interessiert an unserer Musik, aber sobald wir erwähnten, dass wir aus Deutschland kommen, war das Interesse sofort verflogen. Deshalb haben wir dann einfach versucht, uns durch viele Gigs einen Namen zu erspielen. Hier und auch in Amerika. Mit mässigem Erfolg. Eines Tages hat uns dann komplett aus dem Nichts Cedric Bixler-Zavala, der Sänger von The Mars Volta, über Instagram kontaktiert. Er fragte, ob wir in LA spielen wollen, weil er da ein Konzert organisiere. Wir so: „Ja natürlich!“. Ohne gross zu überlegen sind wir dann schnell in die USA geflogen. Mit all unserem Equipment und nur einem Touristenvisum, versteht sich. Nach einer vierstündigen Befragung im Hinterzimmer der Zollstelle durften wir dann auch tatsächlich ins Land einreisen.

Und dann passierte der beste Tag unseres Lebens. Nach sieben oder acht Jahren, in denen wirklich keiner ausserhalb Deutschland, Österreich und der Schweiz von uns hören wollte, haben wir dieses eine geniale Konzert auf dem Hollywood Boulevard gespielt und „Boom!“: Nach dieser Nacht hatten wir ein internationales Label, eine internationale Booking-Agentur, und waren danach zwei Monate auf Tour in den USA. Seither sind wir in den Staaten wie auch hier in Europa konstant unterwegs.

Das ist unser USA-Bezug. Aber nicht nur die „Industry“-Kontakte haben wir dort, auch viele unserer Freunde leben in LA. Gütersloh bleibt aber nichtsdestotrotz ein wichtiger, zweiter Hafen für uns. Wir haben das Studio da. Gottseidank eigentlich, weil dort sind wir nicht so abgelenkt. Dort können wir uns viel besser auf die Arbeit konzentrieren.

Was habt ihr lieber? Die USA oder Deutschland?
Philipp: Es hat beides seine schlimmen und guten Seiten. Wir hassen Deutschland ja genau so wie wir Amerika gern hassen können. Aber genau so lieben wir auch beide Länder. Es ist immer wieder schön, hier zu sein. Je länger man aber wieder zurück in der Heimat ist, desto mehr will man auch wieder weg. Wir haben ja das Glück, reisen zu können.

Das Album heisst deswegen „Home Is A Heartache“. Wir haben drei „homes“: Die Strasse, Gütersloh, und Kalifornien. Bist du in Kalifornien, vermisst du das. Bist du auf der Strasse auf Tour, vermisst du das. Bist du in Gütersloh, vermisst du das. Man kommt irgendwie nie zu Hause an.