28.10.2017 – So war das bergmal Festival #2

Die bergmal-Crew hat das Dynamo Zürich am Samstag erneut in ein Post-Rock-Schlaraffenland verwandelt. Stundenlang und ohne Unterbruch konnte man sich die Hörgänge mit feinster Musik füllen. Die überaus tighte Struktur des Festivals – ganze 13 Bands an einem Abend auf drei Bühnen – und ein trotz Vielfalt klar erkennbarer roter Faden machen das bergmal zu einem einzigartigen Erlebnis in der Schweizer Event-Landschaft. Diese Erkenntnis hatte man schon nach der ersten Ausgabe letztes Jahr, und nun hat die zweite Runde dieses Urteil gefestigt.

Die Devise lautete dabei “Evolution statt Revolution”. Die Eckpfeiler wie Lokalität, Dauer, Anzahl Bands, Genres blieben erhalten, Feinheiten wurden verbessert und aus Erfahrungen vom letzten Jahr gelernt. Das Timetable zum Beispiel wurde klarer und übersichtlicher gestaltet: Eine Band spielt auf der grossen Roofstage, direkt im Anschluss konnte man sich zwischen zwei parallel laufenden Konzerten auf der Cellar und der Experimental Stage entscheiden, dann gings wieder direkt auf der Roofstage weiter etc. Von 16:45 bis nach Mitternacht konnte ohne eine Minute Pause Musik genossen werden. Das dürfte auch für den eingefleischsten Fanatiker und Nahrungsverweigerer aber nur hypothetisch gewesen sein.

Ist denn das nicht alles too much? Jein. Es spricht ja nur für die grossartige Arbeit der Booker, wenn man vor lauter super Bands nicht weiss, wann man bitte etwas essen oder einfach mal die Ohren durchlüften lassen soll. Ausserdem nenne ich das mal ein Luxusproblem, wenn man sich nicht entscheiden kann, welche der spielenden Bands man noch ein bisschen lieber als  andere sehen möchte. Ich persönlich fand ein Loophole, denn um 19.00 Uhr spielte mit The Ocean eine Band, mit der ich nicht viel anfangen kann (die aber allem Anschein nach viele Besucher ans bergmal gelockt haben). So konnte kurz ein veganer Wrap verspiesen werden, bevor es dann Schlag auf Schlag weiterging.

Die persönlichen Highlights folgten sich dann nämlich nahtlos. Zunächst begeisterten Rue des Cascades mit auf die Spitze getriebenen und gerade deshalb so erfolgreichen Kompositionen. Ja, Kompositionen, Werke oder Klanglandschaften, denn ‘Lieder’ waren das keine. Absolut hypnotisierend, desorientierend, faszinierend. So sehr, dass die danach auftretende Szenegrösse pg.lost geradezu handzahm wirkte und mich fast ein wenig enttäuschte. Kann auch daran gelegen haben, dass sich ihr Set sehr auf die neuste Scheibe konzentriert hat und ich mich ziemlich weit hinten im Raum platzierte. Lieber wieder in den Keller, und wow, was Kokomo da lieferten war einfach nur grosses Kino. Trotz kaputtem Hi-Hat und einer unstimmbaren Gitarre zogen einen die Duisburger kompromisslos in ihren Bann. Für mich waren ihre kraftvollen Drei-Gitarren-Attacken der Höhepunkt des Abends und konsequenterweise musste mein Portemonnaie anschliessend am Merchstand bluten.

Es folgten noch sleepmakeswaves und ttng. Erstere bespielten wie zuvor pg.lost wieder die grosse Roofstage, vermochten mich aber deutlich mehr zu packen. Ihre Energie war ansteckend und wirkte zugleich nicht aufgesetzt. Aufgesetzt ist auch das letzte Adjektiv, das ttng passend beschreiben könnte. Denn das Trio bewies, dass nicht nur ihr Math-/Indie-Rock ein gutes Stück weniger verkopft ist als andere Bands des Abends, sondern auch sie als (Bühnen-)Persönlichkeiten ganz nahbar, locker und humorvoll sind. Und ttng ans Ende des Timetables zu stellen, war wieder so ein Geniestreich. Denn nach einem ganzen Abend mit Bands, die lapidar ausgedrückt ein Stück weit versuchen, sich gegenseitig an Epos zu überbieten, war es ganz erfrischend, zu Emo-Gitarren und bittersüss-schrägem Gesang in die Nacht entlassen zu werden.

Ein ganz grosses Danke an das ganze bergmal-Team, das dieses Jahr noch mehr richtig gemacht hat und hunderten Besuchern ein reibungsloses, inspirierendes und unvergessliches Konzerterlebnis ermöglicht hat. Man sieht sich nächstes Jahr wieder im Post-Rock-Schlaraffenland.

Beitragsfoto (Kokomo) und Foto im Text (Rue de Cascades): Kathrin Hirzel