Album Review: Fjørt – „Couleur“

Im Februar 2012 wurde in der deutschen Stadt Aachen eine Post-Hardcore Band mit dem Namen Fjørt gegründet. Seit Beginn weg wird die Band als ein Geheimtipp des Deutschen Hardcores gehandelt. Ich selber habe es bisher leider immer versäumt, mir die Band anzuhören. Ein Grund dafür ist, dass ich, aus unerklärlichen Gründen, in gewissen Musik-Genres Hemmungen habe, mich mit einer Band auseinanderzusetzen, wenn die Texte nicht in Englisch gesungen sind. Dies hat sich bereits mehrfach als Fehler entpuppt und so war es auch bei Fjørt.

Die Songs von Fjørt sind gefühlvoll, ehrlich und unbequem – einfach perfekt für regnerische Herbsttage. “Couleur” bildet hier keine Ausnahme. Während viele Bands mit jedem neuen Release glatter und massentauglicher werden, gibt sich das neuste Werk des Aachener Trios noch genau so kantig wie ihre erste Demo “Demontage” oder ihre Debüt-LP “D’Accord”. Klar, die Produktion hat sich verändert und der Sound ist fetter geworden, doch rauscht und kratzt “Couleur” in den Ohrmuscheln. Es tut gut, die Scheibe anzuhören. Ist doch heute so vieles im Tonstudio überproduziert und so glatt poliert, wie die Chromfelgen von Drakes Bentley.

Textlich gehen Fjørt in eine politischere Richtung als noch in ihren vorigen Werken. Meinungsfreiheit und der Wunsch nach mehr Kommunikation scheint Fjørt am Herzen zu liegen. Gerade im Titelsong zeigen sie auf, dass es wichtig ist, mit einander zu diskutieren. Besonders heben sie hervor, dass man nicht nur mit seinen Freunden reden soll sondern auch mit Menschen, welche eine andere Meinung vertreten und dass man sich mit deren Einstellung auseinander setzen soll. Reden ist wichtig und die Zeit zu handeln ist jetzt. Ob die Ergebnisse der Bundestagswahlen 2017 Fjørt zu solchen Texten motiviert haben? Gut möglich.

Neben den politisch motivierten Texten finden sich auf “Couleur” aber auch wieder dunkle Songs aus dem zwischenmenschlichen Blickwinkel. Hat man zum Beispiel beim Song “Windschief” zu Beginn noch das Gefühl, dass es sich um ein Liebeslied handelt, merkt man doch schnell, dass es sich um einen Song über depressive Phasen handelt: “Es gibt keine wie dich, der einzige zu dem du sprichst bin ich”, “Was dir fehlt, schneide ich aus mir heraus, ich habe alle Zeit und kann alles sein, dass du brauchst”, “Wie eh und je durch alle Register, aus allen rohren, mit aller Gewalt, komplett und ganz – du holst das Beste aus mir raus”, “Du bist nicht echt, nur Gedankenpest”. Solche Worte gehen unter die Haut und regen zum Denken an. Auch beim Abschluss des Albums, im Song “Karat” ist klar, dass mit “Es geht immer südwärts, südwärts!” nicht die Reise in ein warmes Land gemeint ist.

Fjørt haben mit “Couleur” in weniger als einem Jahr ein Album geschrieben, das Neuhörer wie mich absolut in ihren Bann zieht. Dank der Unberechenbarkeit der Kompositionen, die seit ihren ersten Veröffentlichungen geblieben ist, bin ich überzeugt, dass bestehende Fans sich noch mehr in Fjørt verlieben werden. Fans von emotionalem Hardcore kommen mit “Couleur” absolut auf ihre Kosten. Besonders hörenswert sind meiner Meinung nach die Songs “Eden”, “Windschief”, “Magnifique” und “Karat”.

Vö: 17.11.2017 / Grand Hotel van Cleef

Südwärts
Couleur
Eden
Mitnichten
Raison
Windschief
Fingerbreit
Magnifique
Bastion
Zutage
Karat