TTNG: “Macht euch mehr Gedanken darüber, was euer Handeln für soziale Folgen hat.”

Zwischen denn vielen tollen Acts am Bergmal Festival habe ich eine Viertelstunde Zeit gefunden, um mit den Brüdern Chris und Tim Collis von TTNG zu plaudern. Wie sich die Mathrocker neben der Musik finanzieren und was sie zum bedingungslosen Grundeinkommen denken, kannst du im folgenden Interview herausfinden:

Ist es euer erstes Konzert in der Schweiz?
Chris: Wir haben schon in der Schweiz gespielt, aber nie in Zürich.

Heute spielt ihr am Bergmal Festival, dem ersten Postrock Festival der Schweiz. Postrock ist oft nur instrumental. Ist es für euch komisch, als Band mit Gesang aufzutreten?
Chris: Das ist eigentlich egal. Es ist cool hier. Wir spielen für die Leute und solange es ein Mikrofon hat, passt uns das.

Denkt ihr, die Leute hören hier speziell auf die Gitarre und Schlagzeug?
Chris: Ähm, nein eigentlich nicht. Ich denke, vor allem die Gitarre und der Gesang sind essentiell.
Tim: Eigentlich ist bei uns alles ziemlich gleich wichtig. Ich glaube man kann in jedem von unseren Instrumenten abtauchen.

Wie wichtig sind denn die Texte bei euch?
Chris: Überhaupt nicht (lacht). Wir haben uns überlegt ohne einen Sänger zu spielen. Beide lachen

Habt ihr wirklich darüber nachgedacht?
(Beide lachen)
Tim: Nein, hör nicht auf ihn. (lacht)
Chris: Wir sind ganz zufrieden mit Henry.
Tim: Wir sind ein gutes Team. Henry schreibt alle Lyrics und Gesangsmelodien und macht eine tolle Arbeit.

Also gehörte Gesang vom Anfang an zu eurem Sound?
Chris: Ja, wir sind beide Fans von Gesang.

Was ist denn der Gesang bei euch in der Band. Ein zusätzliches Instrument oder ein von der Musik begleitetes Gedicht?
Tim: Oh, Ein bisschen beides.
Chris: Bei den meisten Singer Songwriter Bands steht der Gesang im Vordergrund. Ich denke, bei uns ist ziemlich alles auf dem gleichen Level.
Tim: Es kommt ein wenig drauf an, wie man Musik hört. Ich höre meistens kaum auf die Lyrics. Aber es kommt auf die Person drauf an. Ein Sänger kann eine Geschichte erzählen oder eine Stimmung erzeugen, ohne dass es abstrakt ist. Instrumentale Musik kann das gleiche, einfach eben abstrakt, was natürlich auch ziemlich toll sein kann bei Postrock und so. Aber es ist teilweise gut, einen Sänger zu haben, der die Leute durch die Musik führt. Ausser wenn er sinnlose, abstrakte Texte schreibt. Das bringt dem Zuhörer dann auch nichts.

Ihr habt dieses Jahr euer Album „Dissapointment Island“ rausgebracht. Ihr seit mittlerweile 13 Jahre zusammen, stimmt das?
Chris: Oh ja (nachdenklich), unglücklicherweise. 2005 bin ich eingestiegen. Also 12 Jahre für mich und du hast 2002 oder 2003 angefangen?
Tim: Ja irgendwann dann.

Was hat sich im Geist der Band verändert in dieser Zeit?
Tim: Die Umstände haben sich einfach geändert, wie wir die Projekte angehen. Wir haben andere Möglichkeiten, zeitlich und finanziell. Auch unsere Verpflichtungen, die wir nebenbei haben, prägen unsere Band.
Chris: Wir können ja nicht von der Musik leben. Wir arbeiten alle Vollzeit nebenbei und leben in verschiedenen Städten. Man wird älter und unterschiedliche Aspekte des Lebens fliessen in das Bandleben ein.
Tim: Ja, es war auch nie ein Ziel, professionell nur von der Musik zu leben. Wir haben auch nie genug Geld mit der Musik gemacht, um  solche Überlegungen anzustellen. Ich denke, wir würden unsere Musik auch hassen, wenn wir davon leben müssten und ständig auf Tour wären. So ist die Musik eine gute Balance für unser Leben. Wir sind nicht zu irgend etwas gezwungen und stehen nicht unter Druck, Neues zu machen und zu touren.

Oh jetzt sind wir beim Geld. Da nimmt es mich natürlich wunder. Ihr habt grossen Erfolg und spielt rund um die Welt. Finanziellen Erfolg habt ihr trotzdem nicht?
Chris: Ja es zahlt halt die Miete nicht.
Tim: Wenn man uns mit anderen Bands vergleicht, sind wir vielleicht relativ erfolgreich. Aber es ist immer noch eine Illusion, finanziell erfolgreich zu sein anhand einiger Facebook-Likes. Ja, es ist ein bisschen ein Zuschuss und kann die Band finanzieren.

Habt ihr als Jungendliche nicht davon geträumt, Rockstars zu werden?
Chris: Nein, das war der Grund, wieso wir wahrscheinlich schon so lange zusammenhalten. Es hat nichts zu tun mit Musik, äh mit Geld (die beiden lachen)Nein, aber unsere Musik hat nichts zu tun mit Geld. Wir mögen es, zusammen zu spielen und Lieder zu schreiben. Unser bescheidener Erfolg ist ein Nebenprodukt davon.
Tim: Das schöne am Erfolg sind die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Ich bin in den letzten 13 Jahren recht in der Welt herumgekommen, wenn man das als Erfolg ansehen kann.

Ist Grossbritannien also eine „disappointment Island“ für Musiker?
Tim: Hmm, das ist gerade ein wenig harsch gesagt. Wenn wir nur auf Shows und Ansehen fixiert wären, dann vielleicht ja. Wir sind nicht so bekannt in unserer Heimat, aber es ist kein Problem, irgendwo aufzutreten wenn’s nur um den Spass geht. Die UK ist aus anderen Gründen eine „disappontment Island“, ich würds nicht spezifisch auf die Musik fixieren.

Was ist den enttäuschend an der UK?
Tim: Wahrscheinlich das gleiche wie überall.
Chris: Das wir die EU verlassen haben, ist ein grosser Frust.
Tim: Die Regierung und Politik. Aber es könnte ja auch so schlimm sein wie bei euch in der Schweiz. (lachen) Nein, die Schweiz ist toll.

Nach all diesen Touren, gäbe es da ein anderes Land, wo ihr euch vorstellen könntet zu leben?
Chris: Wir sind ziemlich glücklich in England.
Tim: Leider haben wir immer nur einen sehr touristischen Blick auf die Länder, in welchen wir touren. Unsere Aufenthalte sind immer sehr kurz.
Chris: Aber ich könnte mir vorstellen in Kanada zu wohnen.
Tim: Ich finde Japan sehr spannend. Aber dann müsste ich die Sprache lernen und die Japaner arbeiten viel zu viel. Ich glaube, das wäre nichts für mich.

Was arbeitet denn ihr?
Chris: Ich arbeite in einer Bibliothek.
Tim: Ich bin Primarlehrer.

Habt ihr in euren 13 Jahren als Musiker nie den Wunsch gehabt, eure Musik komplett zu ändern? Dubstep wie Korn oder so?
Chris: Ja natürlich, ich versuche schon seit langem Dubstep Basslines einzubringen (lacht). Es ist aber nie passiert.

Also seid ihr immer zufrieden mit eurem Sound?
Chris: Der Sound ist einfach das, was passiert, wenn wir drei zusammen spielen.
Tim: Das ist irgendwie gar keine so bewusste Entscheidung.
Chris: Vielleicht kommt ja etwas Neues bei unserem nächsten Album. Unsere Interessen erweitern sich immer.

Also gibt es schon Pläne für ein neues Album?
Chris: Es gibt immer Pläne für ein weiteres Album.
Tim: Es wird einfach niemals passieren (lacht). Es sind alle so beschäftigt.

Wenn ihr einen Tag im Leben eines anderen Musikers leben könntet, wen würdet ihr da auswählen?
Chris: Billy Corgan von Smashing Pumpkins.
Tim: Ich würde mich sofort für Björk entscheiden.

Oh ja, Björk wäre echt eine gute Wahl. An meiner Stelle würde ich Snoop Dog nehmen, das wäre mal etwas komplett anderes.
(Beide Lachen)
Chris:
Oh ja, einen ganzen Tag lang nur Party machen.

Da ihr ja heute in Zürich spielt, noch eine Schweiz-spezifische Frage: Wir hatten vor einem Jahr die Abstimmung über das Bedingungslose Grundeinkommen. Es wurde mit 77% abgelehnt. Was haltet ihr davon?
Tim: Ah ja, davon haben wir gehört. Also wie ist das genau?

Jeder hat das gleiche Grundeinkommen und man kann zusätzlich arbeiten gehen für mehr Geld.
Tim: Existiert das nicht in anderen Ländern? Belgien oder so?
Chris: Hmm, von dem hab ich noch nichts gehört. In der Theorie eine gute Idee. Es setzt jeden auf ein gleiches Level. Ich hoffe aber, das wäre nicht so konstruiert, dass man fürs Nichtsmachen Geld bekommt. Oder dass man dann einfach viele Kinder auf die Welt setzten kann, um damit zusätzliche Gelder zu erhalten.
Tim: Aber für Künstler und Selbständige wäre es sicher eine gute Idee. Die würden nicht so unter Druck stehen und wären etwas mutiger, sich selber zu verwirklichen.
Chris: Es ist sicher gut, dass der Staat für das Wohl aller sorgt. Dass jeder Essen und ein Zuhause finanzieren kann. Wir haben ein grosses Problem mit Obdachlosen. Hier gibt es sicher Ansätze, ich müsste aber genauer wissen, wie das funktioniert
Tim: Aber ob hier das Bedingungslose Grundeinkommen wirklich diese Problematik löst, ist eine andere Frage. Ob ein Obdachloser dann dieses Geld wirklich für eine Wohnung brauchen würde anstatt für anderes, das ist ja nicht gesagt.
Chris: Da müsste man mit anderen Ansätzen dahinter.

Letzte Frage für heute: Chris, du als Lehrer, was würdest du den Schweizer Musikern für einen Ratschlag auf den Weg geben?
Chris:  Überlegt euch gut, was ihr mit eurem bedingungslosen Grundeinkommen kauft. (lacht) Nein, vielleicht aber, dass die Jungendlichen sich mehr Gedanken darüber machen, was ihr Handeln für soziale Folgen hat. Viele Junge haben gute Ideen, die man später in die Tat umsetzten könnte, wenn man dann mal Geld verdient.

Tim, du als Bibliothekar, was für ein Buch würdest du uns empfehlen?
Tim: Nicht nur für Musiker: Lest etwas von Alan Watts.

Hört euch hier das neuste Album “Disappointment Island” an.