EP-Review: Useless – „Neglect“

Winterthur ist bekannt für seine Musikszene und ein kleiner Baustein dieser Szene bildet Useless. 2015 erschien die erste Self-Titled EP und mit dieser zeigten die vier Musiker, wie verzweifeltes Gitarrengeklimper klingen muss. Feinster melancholischer Grunge. Wer dieses Meisterwerk noch nicht gehört hat, hat Glück. Denn nun gibt es gleich noch die Fortsetzung dazu.

Getauft wurde „Neglect“ schon am 21. Oktober. Auf die wilde, digitale Welt wurde es aber erst gestern losgelassen. Ich hab mir die analoge Scheibe schon mal reingezogen und bin erstaunt, wie die vernachlässigte Musik dieser Nutzlosen klingt.

Der Anfang macht der Track “Madcap”. Für mich ein eher spannungsloser Rocksong mit Geschrei. Aber man soll das Buch nicht nach dem Einband beurteilen, mit dem halb vollen Teller auf dem Cover macht diese EP sowieso nicht an.

Aber was sich aber dahinter versteckt ist wahres Gold. “Dreamer” baut langsam auf. Der Postrock Song mit Fuzz versteckt in allen Ecken neue wunderschöne Kleinigkeiten, die es zu entdecken gibt. Die Melancholie von der ersten EP kommt damit zurück. Sie ist in den letzten zwei Jahren reifer geworden, aber leidenschaftlich geblieben.

Das der Begriff Post-Grunge schon für Three Days Grace, Nickelback und andere Radio Rocker benutzt wurde, ist eine Schande, denn der Begriff würde am besten das Genre von „Neglect“ bezeichnen. Die Songs sind aufbauend, lange und facettenreich. Vom typischen Grunge Schema “leise Strophen, laute Refrains” ist nichts mehr übrig geblieben. Dafür erinnert der Gesang umso mehr an die 90er. Wut, Verzweiflung und Leidenschaft mixt Sänger Nik authentisch wie kaum ein anderer Sänger. Aber gesungen wird nur die halbe Zeit. Die anderen 50 Prozent verliert man sich in instrumentalen Passagen. Mich begeistern die fetten Gitarrensounds, die mit feinsten Reverbs und Delays das Klangerlebnis von meiner Definition von Post-Grunge ausmachen.

Wer trotzdem noch Useless von 2015 haben möchte, findet dies im zweiten Teil von „Neglect“. “GFY” und “‘Jesse’, she said” sind genau solche Songs. Mich reisst vor allem “GFY” mit. Es ist schön zu hören, dass die Energie vom Grunge noch da ist. Aber die heutigen Musiker, welche immernoch in den stürmerischen Zeiten der 90er leben, sind wesentlich klangbewusster worden. Grunge und die modernen Gitarrenklänge verbinden sich bestens zu etwas Neuem. Vielleicht Post-Grunge. Vielleicht etwas Anderes.

Dramaturgisch enttäuscht die zweite EP von Useless. Es ist kein Partyalbum und der Einstieg ist langatmig. Aber Useless ist auch keine Saufband. Anstatt ein Werk zu erzeugen, das radiotauglich und nur aus Mitsinghymnen besteht, erschafft „Neglect“ eine Welt, in die man immer wieder eintauchen kann, und je mehr man diese Platte hört, desto besser wird sie. Es sind die feinen Facetten, die man in der nutzlosen Melancholie wahrnimmt, welche einem in eine neue, faszinierende Klangwelt führen. Passt auf, das ihr euch nicht zu fest in „Neglect“ verliert, auch wenn die Platte wunderschön klingt.

Das nächste Konzert von Useles ist am 27. Januar am Strange Noise Vol. 3 im Bücheler-Hus Kloten. Das Album findet ihr zum Anhören und Downloaden hier.

Neglect:
1. Madcap
2. Dreamer
3. Cerebral Coma
4. GFY
5. „Jesse“, She Said