Album Review: Them Fleurs – Run

Them Fleurs liefern mit ihrem zweiten Album „Run“ schnörkellosen Indie Rock made in Switzerland. Entgegen der Erwartung, die der Albumtitel weckt, wird nie zum Vollsprint angesetzt. Die neun Lieder nehmen sich Zeit und Raum zur Entfaltung und bilden zusammen ein zur Jahreszeit passendes, melancholisches Winteralbum.

Der Opener „Lie in Wait“ zeigt, wohin die Reise geht. Zarte Gitarren mit Delay-Effekt vor treibendem, straightem Beat von Schlagzeug und Bass, im Hintergrund dezente Klangteppiche aus Synthies oder weiteren Gitarrenspuren. Gemächlich, aber zielstrebig baut sich der Song auf, zieht das Tempo an, ohne aber jemals über die Stränge zu schlagen. Nach diesem Muster funktionieren viele Songs, die sich meist im Midtempo-Bereich ansiedeln. Them Fleurs verzichten dabei auf extreme Laut-Leise-Dynamiken, was dem Album einen sehr flüssigen, runden Gesamtklang gibt. Es wird mehr auf eine durchgezogene Stimmung als auf grosses Feuerwerk gesetzt. Abwechslung erreicht das Quintett durch leichte Verschiebungen: Vorabsingle „Run“ ist ein Pop-Rock-Ohrwurm in der Tradition von Jimmy Eat World und Konsorten, das darauffolgende „The End (Part One)“ kehrt dieser traditionelleren Struktur mit einer ausladenden Coda den Rücken.

Gerade im Vergleich zu Them Fleurs erster Platte „Back and So On“ punktet „Run“ mit einem roten Faden, der sich sowohl musikalisch als auch textlich durch das ganze Album zieht. Als so etwas wie einen Aussenseiter könnte man höchstens „All I Want“ bezeichnen. Genau in der Mitte des Albums platziert, setzt er auf etwas mehr Elektronik, flinkeren Gesang und einen glücklicheren Grundton. Danach kehrt das Album aber mit einem der Highlights, „No Walls“, zu seiner anfänglichen Melancholie zurück, die bittersüss statt verzweifelt ist. Denn weder die Musik noch Samuel Schnydrigs Texte geben sich den Schattenseiten des Lebens vollends hin. In jeder Situation gibt es einen Funken Hoffnung, explizit durch eine Textzeile ausgedrückt oder in Form einer plötzlich die Wolken durchbrechenden, erbaulichen Gitarrenfigur. In „On the Fly“ fragt Schnydrig einen Fremden, wo zur Hölle denn das Glück starte, und dieser antwortet lächelnd mit den drei einfachen Worten, die den Titel bilden.

Die Bewegung, das Getriebensein und Sich-Treiben-Lassen sind die zentralen Themen der ganzen Platte – die wohl nicht umsonst „Run“ getauft wurde. Wobei rennen nicht das treffendste Wort ist. Them Fleurs treten nicht Hals über Kopf die Flucht nach vorne an, sie stürmen auch musikalisch nicht davon. Sie bleiben konstant und überlegt, bleiben gleichzeitig aber nie stehen und erkennen an, dass an Ort und Stelle bleiben keine Option ist. Während die Protagonisten im ersten Song noch liegend auf Besserung warten, wird etwa in „No Walls“ Mut dazu gemacht, etwas zu ändern: „I see so many things that we should better try, these walls will never last“.

Mit „Run“ haben Them Fleurs ein konstantes, in sich geschlossenes Album geschaffen, das die Zuhörer bei der Hand und mit auf Reisen nimmt. Die melancholische aber nicht desolate Stimmung gefällt bei aktivem wie bei passivem Zuhören und bietet hoffentlich vielen Zuhörern den passenden Soundtrack für diesen Winter.

Live kann man sich vom Können der fünf Herren am besten gleich an der Plattentaufe überzeugen. Diesen Freitag, 8. Dezember, wird das neue Baby im Gaskessel Bern ordentlich gefeiert. Als Support mit dabei sind Cold Reading aus Luzern.

Türöffnung: 20:00
Beginn: 21:00
Eintritt: 20.-
Tickets: Petzitickets / Starticket

 

VÖ: 8. Dezember 2017 on Subversiv Records

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