Album Review: Nathan Gray – “Feral Hymns”

Mit der Bekanntheit ist es so eine Sache. Der Name Nathan Gray war mir nämlich kein Begriff, was mir ehrlich gesagt ziemlich peinlich ist, denn der Mann ist unter anderem Frontmann der US-amerikanischen Post-Hardcore Band Boysetsfire. Das Gute an meiner kläglichen Unwissenheit ist aber, dass ich die folgende Review über sein Solo-Album “Feral Hymns” geschrieben habe, bevor mich Wikipedia und ein paar tausend andere Seiten mit Berichten über seine Identität aufklären konnten. Meine Eindrücke sind also genau so ehrlich, wie ich selbst bei dieser peinlichen Einleitung.

Der Eröffnungssong “As The Waves Crash Down” wäre eine grosse, kräftige Rockhymne und ein Stadion-Rocksong, wie ihn die Foo Fighters nicht besser hätten schreiben können. Wäre. Denn was Nathan Gray aus diesem pompösen Rocksong macht, ist sowohl ungewohnt, als auch beeindruckend. Er verzichtet nämlich darauf, die grossen Gesten mit einem fetten Schlagzeug und fünf übereinandergelegten Gitarren zu pushen und untermalt seine fast schon übertrieben plakativen Lyrics – “Raise your fist, stay proud” – lediglich mit einer angezerrten Rhythmusgitarre und einem E-Bow-Effekt auf der zweiten Gitarre. “Reduce to the max” ist also das Motto, das den Song und das ganze Album zu einer Besonderheit macht.

Während bei heutigen Produktionen immer die Frage auftaucht, was dem Song noch fehlt und wo man mit welchem Instrument oder technischem Schnickschnack noch etwas herauskitzeln kann, ist es bei Nathan Gray irgendwie genau das Gegenteil. Als würde er sich überlegen, was er alles streichen kann, bis der Song auf die Grundmauern abgebaut ist, aber trotzdem noch funktioniert. Zu seinen vielseitigen und ausdrucksstarken Vocals ist mal eine Gitarre, ein Klavier, eine Backgroundstimme oder mal auch rein gar nichts zu hören. Den Rest, insbesondere das Schlagzeug, überlässt er unserer Fantasie. Dieses Weglassen finde ich schon recht sexy. Es verleiht den Songs eine schöne Intimität, aber über das ganze Album betrachtet fehlt mir dann doch ab und zu mal der Reiz eines echten Beats oder eine instrumental anspruchsvollere Passage.

Bei einer derart minimalistischen Grundlage ist Nathan Grays Stimme umso mehr im Vordergrund und muss praktisch das ganze Album tragen. Das funktioniert recht lange sehr gut und insbesondere in düsteren und traurigen Passagen begeistert mich die Melancholie in seiner Stimme, die dort sehr an Michael Stipe von REM erinnert. Trotzdem fällt es mir schwer, das ganze Album konzentriert und am Stück durchzuhören. Dafür ist es dann doch etwas zu eintönig und mit zwölf Songs auch zu langfädig.

Wer Singer/Songwriter grundsätzlich gut findet, aber der Meinung ist, dass alle irgendwie gleich klingen, der sollte unbedingt in das Album “Feral Hymns” reinhören. Falls man es zwischendurch etwas härter braucht, kann man ja einfach die soften “12 Shades Of Gray” unterbrechen und sich zum Beispiel Boysetsfire reinziehen.

VÖ: 19.01.2018 / End Hits Records 

1. As The Waves Crash Down
2. Echoes
3. Walk
4. Burn Away
5. Wayward Ghosts
6. Light & Love
7. Alone
8. Quixote’s Last Ride
9. Across Five Years
10. Ebbing Of The Tide
11. Damascus
12. Blue Hearts & Shades Of Grey