Swiss Music Awards

Am Freitag, 9. Februar, werden erneut die «Swiss Music Awards» live im TV auf SRF zwei, im Radio auf SRF 3 und online unter srf3.ch ausgestrahlt. Natürlich berichtet auch «Glanz & Gloria» live vom Roten Teppich. Gemäss der Webseite des SRF seien die «Swiss Music Awards» die wichtigste Musikpreisverleihung der Schweiz. Zum elften Mal werden nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler im Zürcher Hallenstadion geehrt und in über zehn Kategorien ausgezeichnet (10 national, 4 international).

Warum dieser Bericht?
Ich möchte versuchen, euch einen Überblick über den Ablauf der SMAs zu geben. Nicht, weil ich die ganze Veranstaltung “cool” finde, nein, aber weil ich mich damit auseinandersetzen wollte, wie das Ganze eigentlich zustande kommt. Womöglich sind die Infos zu langfädig, mit Sicherheit sind sie unvollständig (für Details lest ihr die Reglemente, das sprengt meinen Rahmen hier) und am Ende dieses Artikels versteht ihr wahrscheinlich Bahnhof. Mir raucht auf jeden Fall der Kopf.

Wer steckt hinter den SMAs?
Der Verein Press Play, bestehend aus der IFPI Schweiz, SUISA, SWISSPERFORM, SMPA sowie der SIG, ist offizieller Preisverleiher der Veranstaltung und somit für die Reglementierung und in Zusammenarbeit mit der GfK Entertainment AG für die Auswertung der Preisverleihung verantwortlich. Die Nominierung und die Ermittlung der Preisträgerinnen und Preisträger der Swiss Music Awards sind im offiziellen Reglement von Press Play geregelt.

Veranstalter ist die «Claim Event AG». Sie gehört  Oliver Rosa, der seinerseits Executive Producer (Direktor) der SMAs ist und seine rozbero GmbH gerade eben mit Gadget fusioniert hat. Neu ist die «Claim Event AG» mit dem langjährigen Medienpartner SRF zusätzlich auch eine Supporting Partnerschaft eingegangen. Weiss jemand, was das genau heisst?

Ja, und die Vegis und Veganer unter euch müssen jetzt stark sein: Zu den Partnern der SMAs gehören nebst Coop und der Bank Cler auch Schweizer Fleisch.

Wie kommen die Nominierungen und Sieger der SMAs eigentlich zustande?
Das ist leider in der Kürze nicht so einfach zu erklären. Ich versuche mal, euch einen kleinen Einblick zu gewähren. Wer sich intensiv damit auseinandersetzen möchte, der sollte das SMAs-Reglement und das Charts-Reglement in aller Ruhe studieren.

Um den Ablauf und die Nominierungen der SMAs zu verstehen, benötigt man erst ein paar Informationen, die auf der Website der SMAs nicht einfach so zu finden sind. Die Nominierungen des SMAs sind eigentlich eine Abbildung der Offiziellen Schweizer Hitparade. Aber nicht nur, wie wir sehen werden.

Initiant der Offiziellen Schweizer Hitparade ist IFPI Schweiz, der Verband der Labels in der Schweiz. IFPI steht für “International Federation of the Phonographic Industry”. Die Offizielle Schweizer Hitparade wird von der GfK Entertainment AG im Auftrag von IFPI Schweiz ermittelt. Die GfK Entertainment AG ist ein unabhängiges Marktforschungsinstitut. Übrigens ist das Hitparaden-Reglement erst seit dem Zeitpunkt öffentlich, wo sich die WEKO wegen Verstössen gegen das Wettbewerbsreglement eingeschaltet hat und das IFPI sowie die Phononet AG gebüsst wurden. Also erst seit 2012.

Welche Künstler in welcher Kategorie überhaupt berücksichtig werden können, das lest ihr am besten auch im SMAs-Reglement nach. Ein kleiner Fun Fact am Rande: Anna Rossinelli konnte sich 2017 darüber aufregen, dass sie nicht als Band sondern als “Best Female Solo Act” nominiert wurde(n). Das liegt daran, dass gemäss dem Reglement personifizierte Bandnamen nicht als Band, sondern als Einzelperson gelten. Und auch wichtig: Sie hätte die Nominierung nicht annehmen müssen. Jede Band und jeder Künstler muss sich mit dem Reglement einverstanden erklären und die Nominierung offiziell annehmen. Wenn das nicht passiert, rücken die nächsten Künstler auf der Charts-Leiter nach.

Anhand der Charts resp. der gemeldeten Verkäufe wird eine sogenannte Short-List von 5 Künstlern pro Kategorie erstellt – sofern die Verkäufe einen Einfluss auf die Nominierung haben. Weiter gibt es eine Academy mit 51 Personen, ein Public-Voting und weitere, spezielle Auswahlverfahren. Die Verkäufe, das Academy-Voting und das Public-Voting werden mit Punkten gewertet. Details dazu findet ihr im SMAs-Reglement. Alle Nominierungen könnt ihr hier einsehen. Die Künstler der Short-List konnte ich nicht finden, wir wissen also nicht, wer da noch vorne dabei war und wer evtl. eine Nominierung abgelehnt hat.

Bei den Kategorien “Best Female Solo Act“, “Best Male Solo Act“, “Best Group“, “Best Breaking Act“, “Best Solo Act International“, “Best Group International“, “Best Breaking Act International” gelten für die Nominierung das Ergebnis der Verkäufe und das Academy Voting. Die Verkäufe sowie die Academy werden mit unterschiedlichen Punktzahlen bewertet, wobei die Verkäufe hier etwas mehr Gewicht haben. Der jeweilige Sieger ergibt sich aus der Summe der Punkte der Verkäufe und des Public-Votings.

Bei den Kategorien “Best Album“, “Best Hit” und “Best Hit International” gelten nur die Verkaufszahlen für die drei Nominierungen. Das Ergebnis von Verkäufen und dem Public-Voting ergibt den Sieger.

Besondere Ausschüsse der Academy nominieren die drei Künstler für die Kategorien “Best Live Act” und “Best Act Romandie“. Das Public-Voting entscheidet über den Sieger.

Das Radio SRF 3 präsentiert die Kategorie «SRF 3 Best Talent». Die Best Talents werden jeweils durch ein Gremium aus SRF-Musikredaktoren bestimmt. Ein Ausschuss der Academy nominiert dann drei Künstler. Das Public-Voting entscheidet über den Sieger.

Beim “Artist Award” wird der Sieger durch den Verein Musikschaffende Schweiz ermittelt, wobei dieser nationale Künstler für die Stimmabgabe auswählt resp. Musikschaffende können sich beim Verein melden und sich darum bewerben, Künstler vorzuschlagen.

Der “Outstanding Achievement Award” und der “Tribute Award” werden durch den Verein Press Play verliehen, also eigentlich durch die SMAs selber.

Seit 2012 werden bei den Kategorien keine Genre-Unterteilungen mehr gemacht. Das ist ganz klar ein Nachteil für die Sparte Rock – und eigentlich auch sonst alles ausser Pop und Männerchöre. Aber warum braucht es eine Extra-Wurst-Kategorie für die Romandie?

Was bedeutet denn ein Charteintritt resp. Verkaufszahlen heute eigentlich?
Nicht mehr das gleiche wie vor einigen Jahren. Heute braucht es für eine gute Chartplatzierung nicht tausende verkaufte Platten. Wenn ein paar hundert treue Fans ein neues Album in der gleichen Woche kaufen, reicht das bereits für eine nette Platzierung. Ein gut geplantes Release-Datum kann natürlich auch nicht schaden. Den Markt im Auge behalten und dann veröffentlichen, wenn nicht gerade die bekanntesten Bands etwas neues auf dem Markt bringen. Und ja, gute Songs sollen ab und zu auch helfen. Was bezahlte Streams anbelangt: Auf 127 Streams (nur premium Streams, Stand 01.01.2018) kommt wertmässig ein Download. Das ist aber lediglich die Kurzfassung, denn es werden noch weitere Faktoren und Herabstufungen gewertet.

Klingt eigentlich gar nicht so schwierig, oder? Aber da kommt ja noch die – (Achtung Schimpfwort!) – Academy ins Spiel.
Hier lohnt sich ein Blick auf die Namen und Zugehörigkeiten der Academy-Mitglieder. Auf der Website von Press Play findet sich folgende Erklärung: Die Academy der Swiss Music Awards besteht aus 51 Mitgliedern, welche die gesamte Schweizer Musikindustrie repräsentieren. Die Jury besteht aus der oder dem Vorsitzenden und 50 Vertreterinnen und Vertretern der Schweizer Produktionsindustrie, der Livemusik-Veranstalter sowie aus Schweizer Medienschaffenden und Branchenexperten. Die Zuteilung der Sitze an die Schweizer Produktionsindustrie (Musiklabels bzw. Musikvertriebe mit Sitz in der Schweiz) erfolgt nach deren Marktanteilen, die von der GfK Entertainment AG für die Zeitperiode vom 1. Oktober des Vorjahres bis 30. September des aktuellen Chartjahres ermittelt werden.

Ja, und hier wird spätestens klar, dass es sich bei den SMAs nicht wirklich um einen Schweizer Musikpreis sondern eher um einen Schweizer (Major) Labelpreis handelt. Auch wenn das IFPI den grossen und wichtigen Anteil von Independent-Labels betont, ist davon in der Academy leider nicht viel zu sehen. Das Gleiche gilt übrigens für die Veranstalter- und Medienvertreter in der Academy.

Ja und haben wir in der Schweizer Musiklandschaft ein Frauenproblem? 
Viele haben nach der Bekanntgabe der Nominierungen darüber moniert, dass zu wenig Frauen nominiert seien. Die SMAs-Academy 2018 besteht aus 51 Personen, davon sind 8 weiblich, was einen Anteil von knapp 16% bedeutet. In Ausschuss “Best Live Act” haben wir von 11 Personen eine Frau, im Ausschuss “Best Talent” ist keine von 11 Personen weiblich und im Ausschuss “Best Act Romandie” ist es eine von acht Personen. In Prozenten: 7%, 0% und 8%.

Das Frauen-Problem können alle, die es für ein Problem halten, gerne im Vorfeld der SMAs an einem speziellen Panel diskutieren. Stimmen zur diesem Thema könnt ihr auch gerne in der Annabelle nachlesen.

Männlich oder weiblich sollte grundsätzlich keine Rolle spielen, auf die Qualität des Künstlers, den ehrlichen Musikgeschmack, die Erfahrung und die Neutralität (…) der Academy kommt es an.

Was kannst du tun, damit deine Lieblingsmusik in den Charts und bei den SMAs nicht immer so untervertreten ist?
Eigentlich nur die Alben deiner Lieblingsbands kaufen, sofern die Verkäufe da überhaupt der GfK Enternainment AG gemeldet werden und alle IFPI-Kriterien erfüllen. Die Zusammenstellung der Academy und deren Meinung kannst du leider nicht beinflussen. Hier wäre aber eine bunter durchmischte Academy sehr wünschenswert. Schlussendlich kann aber auch die Academy nur aus den 5 Künstlern der Short-List auswählen. Das macht den Braten auch nicht feiss. Und hey, sofern die No-Billag Initiative angenommen wird, würden die SMAs wohl keine so grosse Plattform mehr bekommen. Zur Hauptsendezeit im Programm von SRF2 werden sie nämlich erst seit 2012 live übertragen.

Sind denn die SMAs und die Hitparade wirklich so wichtig?
Man könnte meinen nein, aber so lange sich das “öffentliche Medienhaus” und viele weitere Medien daran orientieren, beinflusst dies wiederum massgeblich das Hörverhalten des durchschnittlichen Musikhörers. Es bildet aber nicht die vielfältige, talentierte und interessante Musiklandschaft der Schweiz ab. Und durch den aktuellen Hype von Zeal & Ardor (nominiert als “Best Live Act”) sind wir hier auch keinen Schritt weiter. Vom DJ zur Band, von Gospel zu Metal – das Ausland meint es sei gut, also ziehen die Schweizer nach. Den Leuten scheint es zu gefallen und unverdient ist es auch nicht.

Am besten taufen wir die Swiss Music Awards einfach um, dann hat alles seine Berechtigung und der Name vermittelt kein falsches Bild von der Schweizer Musiklandschaft. Vorschläge nehme ich gerne entgegen.

Die Fakten und Infos sind nicht abschliessend, darum verweise ich gerne auf die Reglemente und alle verlinkten Seiten, für die ich natürlich keine Verantwortung übernehme. Und hey, alle MusikerInnen, die nominiert sind, haben den Betonklotz auch verdient. Musik verbindet uns alle, und jedes Genre hat seine Berechtigung und seine treuen Anhänger! 

Wer diesen Artikel übrigens bis zum Schluss geschafft hat, darf sich gerne per Formular unten dazu äussern. Ich freue mich auf Feedback, lasse mich auch belehren und korrigieren. In diesem Sinne: Happy Betonklotz-Verleihen!