23.01.2018 – Kettcar besuchten das Bierhübeli Bern

Kettcar vereinen seit jeher das Politische und Persönliche, auch live und in fortgeschrittenem Alter trifft das weiter zu. Im aktuellen gesellschaftlichen Klima scheinen die fünf Herren sogar wieder eine Prise kantiger, energetischer und überzeugter aufzutreten. Denn auch wenn man es ihnen womöglich auf den ersten Blick nicht gibt: Kettcar sind subversiv, rebellisch, kämpferisch – gerade weil sie auf billige Platituden und Schockeffekt verzichten.

Ihr Widerstand kommt aus dem Inneren, baut auf Liebe statt Hass und stellt sich vielen Fronten entgegen. Auf dem letztjährigen Album „Ich Vs. Wir“ haben Kettcar die Wechselspannung zwischen Individuum und Gemeinschaft durchexerziert. Ein Höhepunkt jenes Albums, „Trostbrücke Süd“, eröffnete den Konzertabend im Bierhübeli Bern. Dessen Schlusscredo („Wenn du das Radio ausmachst wird die Scheissmusik auch nicht besser“) bringt die augenzwinkernde, aber zum Denken anregende Natur der Kettcar-Texte auf den Punkt – und schon war das Publikum gefangen. Die Hamburger hatten den ganzen Saal sofort im Sack und konnten nach Belieben ältere und neuere, lautere und ruhigere, wütendere und romantischere Lieder aneinanderreihen. Ein ausgeklügelter Spannungsbogen war nicht erkennbar, Kettcar machten einfach, was sie am besten machen: Musik, und zwar ehrliche.

Apropos ehrliche Musik: Fortuna Ehrenfeld, die den Abend eröffneten, sollen hier nicht unerwähnt bleiben. Frontmann Martin Bechler hatte sichtlich Spass, und wer willig war, den im Vergleich zu Kettcar weniger pompösen, reduzierteren Arrangements ein Ohr zu leihen, hatte dies auch. Das war intelligenter Pop, angereichert mit zahlreichen Einflüssen aus verschiedensten Ecken der Musiklandschaft, und zum Teil tiefgründigen, zum Teil amüsanten Texten – und oftmals beides zugleich. Ähnlich wie Kettcar also. Trotz deutlicher klanglicher Unterschiede war verständlich, warum Fortuna Ehrenfeld als Vorband ausgewählt wurden und mit der Hauptband auch das Label teilen (Grand Hotel van Cleef).

Auch rein musikalisch wussten Kettcar zu überzeugen. Ihre alten Alben haben mich, abgesehen von den schon damals super Texten, ehrlich gesagt nie gross beeindruckt. Live war das aber tatsächlich etwas Anderes. Die Chemie stimmte, die Jungs strotzten vor Energie und gleichzeitig schwang immer eine unbefangene Leichtigkeit mit, ob in den humorvollen Zwischenansprachen oder auch in der Gestik während dem Spielen. So wurden aus einigen 15 Jahre alten, auf Platte etwas hölzernen, hohl wirkenden Pop-Rock-Songs live plötzlich gewaltige Bretter oder Gänsehaut hervorrufende Balladen.

Bleibt zu hoffen, dass Kettcar die neu gefundene Dringlichkeit beibehalten und uns bald wieder besuchen kommen. Es scheint, als hätten Sänger Marcus Wiebusch und seine Männer noch viel mehr zu sagen. Und wir brauchen ihre Worte mehr denn je. Worte, wie die den Konzertabend besiegelnden Schlusszeilen von „Den Revolver entsichern“, der allerletzten Zugabe:

„Keine einfache Lösung haben, ist keine Schwäche
Die komplexe Welt anerkennen, keine Schwäche
Und einfach mal die Fresse halten, ist keine Schwäche
Nicht zu allem eine Meinung haben, keine Schwäche.

Ich erklär’ meinen Kindern, was ein guter Mensch ist
Mit Sätzen die heutzutage sonderbar klingen
Denk’ an meinen Vater, hoff’ dass ich besser bin
Erhäufe mein Herz im täglichen Ringen.“