24.01.2018 – So waren die Architects im X-Tra

Metalcore hat mittlerweile schon beinahe einen konservativ traditionellen Touch bekommen. Immer die gleichen Leute an den Konzerten, immer die gleichen Breakdowns. Dass das auch anders geht, beweisen die Architects im X-Tra in Zürich.

Schon bei der Ankunft war klar, dass die Garderobenschlange heute etwas länger ausfallen würde. Fast alle Tickets waren für den Tourstart der Briten vergriffen. Daran dürfte mitunter auch die Supportband While She Sleeps schuld gewesen sein. In der Lobby hörte man von allen Seiten die Diskussionen, wegen welcher Band man an diesem Abend im X-Tra sein müse. Dabei hab’ ich selber gross die Klappe aufgerissen, dass allein Counterparts, die als erste Band spielten, der wahre Grund für meine Präsenz im X-Tra seien. Trotzdem verpasste ich den Anfang der Kanadier. Schon bei Counterparts war der Saal bis zum Eingang gefüllt. Doch mit Ehrgeiz, Hemmungslosigkeit und Geduld schafft man es ja bekanntlich bei fast allen Konzerten in die erste Reihe. So konnte ich auch die, zu Beginn zaghaften, ersten kleineren Moshpits miterleben.

Richtig wild wurde es schon bei den ersten Klängen des While She Sleeps-Intros. Viel Pathos. Schade war nur, dass  sie dieses epische Intro nicht für einen Einzug auf die Stage nutzten. Dazu wurde ein zweites Intro abgespielt. Sampelpolitik an Konzerten bleibt ein weiterhin umstrittenes Thema. Unumstritten hingegen ist die Energie von While She Sleeps. Die harten Riffs übertrugen sich energetisch sofort auf die Menschenmasse. Die erste Wall of Death rannte haargenau auf den ersten Schlag der Drums ineinander. Und während die leidenschaftlichen Tänzer im Publikum in alle Richtungen moshten, schwebte Leadsänger Lawrence Taylor schon im ersten Song, auf Händen getragen, über das Publikum. Berührungsängste gab es keine. Auch Bassist Aaran rannte während den wildesten Pits durch den halben Saal. Dabei ist es immer schön zu sehen, was für eine Selbstverständlichkeit und Hilfsbereitschaft zwischen Musikern und Zuhörern entstehen kann. Es ist Musik von Menschen für Menschen. Ein extravagantes Rockstartum passt in dieses Verhältnis nicht rein. Wie bei wenig anderen bisher gesehenen Bands wurde ich genau von diesem Faktor später von Architects überrascht.

Trotz grosser Lichtshow und durchgeplanter Setlist bringen Architects eine ehrliche Art auf die Bühne und spielen mit einer gewaltigen Leidenschaft. Dabei hatte es zwischen den harten Songs Platz für revolutionäre und emotionale Worte. Nein, es war wirklich kein standart-revolutionäres Gefasel. Sänger Sam Carter weiss, wie man spontan spricht und was gesagt werden muss. Mit ihrer Art gewinnen sie bei mir schon seit Jahren Sympathiepunkte. Auch bei der Musik. Kaum eine andere Metalcoreband legt eine solche Diversität und ein solches spielerisches Talent an den Tag. Die düsteren Tracks und die darin liegende Leidenschaft setzten Urgewalten in Bewegung. Der halbe Saal war während der harten Breakdowns in Bewegung. Klassifizieren in moshen, pogen, violent-dancen und tanzen konnte man das Geschehen im X-Tra nicht. Es wurde getanzt wie es gerade zur Musik passte. Davon liessen sich auch viele kleinere Frauen nicht abhalten. Metal und Moshpits sind schon länger keine Männerdomäne mehr. Das gut durchmischte Publikum macht Hoffnung auf eine Welt, in der Geschlecht, Hautfarbe und Sexualität keine Rolle spielen. Hoffnung ist auch das, was uns die Architects mitgeben möchten. Egal in welcher Situation du bist, gib nicht auf. Bei den Architects hat das eine ganz besondere Bedeutung. Gründungsmitglied und Gitarrist Tom Searle starb vor eineinhalb Jahren an Krebs. Dass sein Bruder und vier weitere Freunde von ihm weiterhin auf der Bühne seine Musik spielen, macht einem Hoffnung. In Demut und Respekt für ihren verstorbenen Weggefährten spielten Architects in Zürich. Und die Schweizer zollten ihren Respekt, indem das gesamte Publikum spontan für  Tom auf die Knie ging. Ein Gänsehautmoment.

Ich bin beeindruckt von dem Durchhaltevermögen der Architects und der Energie, welche alle drei Bands freigesetzt haben. Unser Hoffotograf Eric hat diese Energie in seinen Bildern festgehalten. Ausserdem: Counterparts sind dieses Jahr am Openair Gränchen.