02.02.2018 – Ein Geschichtenabend mit Iron & Wine

Eine Woche nach meinem Besuch des Architects-Konzertes verschlug es mich wieder an die selbe Konzertlocation, das X-Tra in Zürich. Anstelle einer Masse von schwarz angezogenen Metalheads erwartete mich aber das Zürcher Hipstertum. Von Massen kann aber nicht gesprochen werden. Sänger Iron & Wine schien auch eine Stunde nach der Türöffnung  nur begrenzt Leute anzulocken.

Im Saal angekommen erlebte ich aber eine Überraschung. Die erste Reihe war bereits voll gefüllt. Nicht aber mit kreischenden Fangirls, sondern mit sechs Stuhlreihen. Diese waren allesamt reserviert. Wer also nahe an der Bühne stehen wollte und kein Premium Ticket besass, kam maximal sieben Meter nahe an die Absperrung und durfte sich hinter ein rotes Personenleitsystem-Band stellen. Ich merkte: Indie Singer-Songwriter Konzerte gehören nicht zu meinen alltäglichen Erfahrungen. Umso mehr freute ich mich, meinen Säusel-Kuschelpopstar endlich mal live zu sehen.

Um die Stimmung “anzuheizen”, trat im Vorprogramm die New Yorker Musikerin Half Waif auf. Aus Neugier hab ich die Sängerin schon im Vorhinein gestalkt und freute mich sehr auf ihren Synthie-Pop, welcher auf Bandcamp wunderschön und sehr divers Klang. Ihr Auftritt war aber das komplette Gegenteil. Das Livemusik spielte, war kaum wahrzunehmen. Der Indie-Synthie-Pop klang praktisch wie die Pausenmusik. Das auch, weil sie kaum lauter eingestellt war als die Hintergrundmusik von vorher. Der Auftritt von Half Waif war mehr ein Stehapéro mit Livemusik als ein Konzert. Die Zuschauer quatschten über Ferien, Alltag und die Vorfreude auf Iron & Wine.

Es war aber auch Verständlich. Die Musik von Half Waif, die auf den Aufnahmen vielseitig und detailliert klingt, wäre live austauschbar mit allen möglichen Sängerinnen, die sich mit Klavier begleiten. Hier halfen auch ihr Drummer und der Indie-Gitarrist nicht, welche steif im Rhytmus herumwankten. So unscheinbar wie Half Waif auf die Bühne kam, verschwand sie auch wieder und es fühlte sich an, als hätte man sie nie wirklich zur Kenntnis genommen.

Im Angesicht des baldigen Iron & Wine Konzertes füllte sich das X-Tra und auch alle reservierten Stühle waren mittlerweile besetzt. An diesem Konzert traf man auf viele Vollbärte, ein tendenziell älteres Publikum und erstaunlich viele Männer. Augenkontakt war aber nicht angebracht. Wer an dieses Konzert kam, schien alleine in seiner Welt versinken oder einfach in Stille mit seiner/seinem Geliebten kuscheln zu wollen.

Zum Glück war ich ebenfalls in Begleitung und Iron & Wine betrat bald die Bühne zusammen mit vier Musikern. Die Instrumentierung war toll. Eine Pianistin, ein Cello, eine Schlagzeugerin, ein urchiger Bassist und zuvorderst erschien, wie die Queen winkend, Sam Beam mit seiner Gitarre. Schon bevor das erste Lied ertönte, fing der bärtige Amerikaner an, mit dem Publikum zu schwatzen. Nachdem er sich versichert hatte, dass sein Glas Rotwein neben ihm bereit stand, begann die Band mit den ersten Liedern. Markant lauter als Half Waif füllte seine feine Säuselstimme den Saal. Er spielte nicht Lieder, nein, er erzählte Geschichten und das gekonnt. Die Musik, für die ich gekommen war, trat in den Hintergrund, während Sam Beam uns vom amerikanischen Alltag erzählte, von den menschlichen Kleinigkeiten. Die Texte stachen live viel intensiver heraus als auf der CD und das Wiedererkennen der einzelnen Musikstücke war nur aufgrund der Wörter möglich, denn die meisten Songs hat Iron & Wine neu arrangiert. Diese Tatsache machte mich zuerst skeptisch. Umso mehr genoss ich das Konzert als einmalige Liveshow und erkannte, dass Iron & Wine Musik macht um Geschichten zu erzählen.

Richtig toll und minimalistisch war das Bühnenbild. Wie in einem Highschool Musical hingen an Seilen mehrere flauschige Wolken auf halber Bühnenhöhe, welche mit der Beleuchtung einen Sonnenuntergang nach dem anderen inszenierten. Einmal in Gelb, einmal in Blau, einmal in Rot. Als Sam Beam das zweite Glas Rotwein getrunken hatte, war das Konzert vorbei. Die versteiften, ernsten Gesichter im Publikum hatten sich in zufriedenes, entspanntes Lächeln verwandelt. Nach dem Iron & Wine-Konzert fühlte man sich wie nach zwei Gläsern Rotwein. Wohlig und müde.