Interview mit Heisskalt: „Wir haben einen Bildungsauftrag.“

Heisskalt spielten schon als Vorband von „Jennifer Rostock“ und „Emil Bulls“, waren bereits zwei Mal auf dem Southside-Festival – ohne ein Album aufgenommen zu haben. Das haben sie jetzt nachgelegt: Eine rotzige Produktion, die zwischen Rock und Post Hardcore changiert und mit der sie den Deutschrock revolutionieren. Am Freitag, den 9. Mai spielen sie auf ihrer Tour im Café Mokka in Thun. Rawk.ch traf die Stuttgarter Jungs in Potsdam.

Hey Jungs! Wollt ihr eigentlich den Emo retten?
Lucas: Das kann man schon so sagen.
Marius: Wir kommen ja alle aus der Post-Hardcore-Ecke und die Übergänge zum Emo sind ja fließend.
Mathias: Ja, aber wir wollten die Stil-Elemente weiterentwickeln. Wir wollten das Gefühl smarter umsetzen.

Das hört man ja schon aus „Was bleibt“, dem Opener eures ersten Albums „Vom Stehen und Fallen“, heraus. Ihr habt da vor allem Bandnamen übersetzt – Every Time I Die, Circa Survive, Heart In Hand zum Beispiel – und eine Hommage daraus gestrickt. Wie unabhängig kann man komponieren? Schreibt man manchmal unbewusst nicht einfach bei anderen Bands ab?
Philipp: Natürlich wird man beeinflusst. Man hört ja eine Band, findet sie geil und möchte dann was in der Art machen. Aber wir bedienen uns nicht frech bei anderen Musikern.
Marius: Wenn jemand mit einer neuen Idee in den Proberaum kommt, hinterfragen wir immer sehr kritisch, und überlegen, ob wir das nicht schon woanders gehört haben könnten.
Lucas: Wir sind da erbarmungslos.
Philipp: Ein Zitat von „Every Time I Die“ haben wir aber mal eingebaut. Es ist aber noch niemand drauf gekommen, wo es ist. (lacht)

Eure Texte sind auf Deutsch. Warum hat die Sprache so lange gebraucht, um sich vom Schlager, deutschen Gothic und poppigen Deutschrock zu emanzipieren?

Lucas: Vorne weg muss man sagen: Wir hören selber eigentlich sehr wenig deutschsprachige Musik.
Mathias: Der Sprachklang im Englischen ist einfach ein anderer. Das ist eine Sache der Phonetik. Das Problem war, dass der Deutschrock lange versucht hat, wie die englischen Vorbilder zu klingen. Aber im Deutschen kann man einfach nicht so singen. Musiker, die das nicht versucht haben, wie „Sportfreunde Stiller“, „Wir sind Helden“ oder „Clueso“, haben es dagegen geschafft eine ganz eigene Sprache zu entwickeln.

Sogar „Caliban“ fangen an, teilweise auf Deutsch zu schreien.
Mathias: Ja, das ist echt eine tolle Entwicklung.
Marius: Ich würde aber sagen, dass „Escapados“ fürs Deutsche in der härteren Musik schon der Wendepunkt waren.

Apropos „deutsch“. Wo ist das scharfe „ß“ abgeblieben? Ihr müsstet nach der deutschen Rechtschreibung ja „Heißkalt“ heißen.
Philipp: Heute will jeder eine Website, und ein scharfes „ß“ kann man nicht in eine URL schreiben.

Also Online-Marketing?

Philipps Zeigefinger wandert auf mich zu und meint damit: You got it!

Hattet ihr also immer schon was Größeres mit der Band im Sinn?
Philipp: Uns war klar: Wenn wir eine Band machen wollen, dann richtig.
Mathias: Mit unseren alten Bands sind wir in Jugendzentren hängen geblieben. Mit Heisskalt wollten wir schauen, wie weit wir gehen, wie weit wir unsere Musik treiben können. Das hat auch was von sportlichem Ehrgeiz.

Ihr seid schon ziemlich weit gekommen. Ihr habt auf dem Southside-Festival gespielt und hattet sogar einen Auftritt in „Inas Nacht“ vom Norddeutschen Rundfunk. Was muss man tun, um erfolgreich zu sein? Härte opfern?

Philipp: Jeder von uns hat eine bestimmte Aufgabe. Lange hat Marius alles gemanaget. Lucas hat zum Beispiel alle Grafiken und Designs gemacht. Arbeitsteilung also. Außerdem haben wir streng nach Zeitplänen gearbeitet: Das und das wollen wir bis da und dahin geschafft haben. Zur Härte muss man sagen, dass es dafür einfach in Deutschland nicht den größten Markt gibt.
Mathias: Aber wir hören ja selber nicht nur harte Musik. Wir machen eigentlich Musik, die weicher aber auch härter ist als das, was wir zuhause hören.
Lucas: Ich finde, wir haben keine Härte geopfert. Im Gegenteil: Wir haben eher noch was im Proberaum draufgesattelt.

Wenn man eure Lieder hört, hat man dennoch manchmal das Gefühl: Die Jungs würden jetzt gerne noch mal mehr in die Saiten greifen und in die Drums hauen.

Mathias: Naja. Aber okay, das Lied „Hallo“ von unserer EP „Mit Liebe gebraut“ tut zum Beispiel nicht so weh.

Aber der Schluss kommt schon mächtig mit einem ungeraden Takt und den Shouts.

Philipp: Ohne diesen Teil hätten wir das Lied auch nicht gemacht.
Marius: Im Radio haben sie es aber nur angespielt.
Mathias: Diese verfickte Scheiß-Industrie. Der wollen wir zeigen: Wir machen unsere Musik und keine andere. Nehmt sie oder lasst es. Ich denke, was uns gelungen ist, ist ein Album zu machen, weil wir das wirklich wollten. Und zwar mit einer Kompromisslosigkeit, die in der deutschen Musik fehlt.
Lucas: Die Wertschätzung von Musik ist aber wirklich gering. Man konsumiert sie wie Wasser aus dem Hahn. Man dreht einfach auf und lässt laufen.

Der Sänger von Machine Head hat vor Kurzem in einem Essay geschrieben, dass Musik ihren Wert verloren hat. Er beschreibt das auch anhand von Konzerten, die keine Energie mehr freisetzen.
Mathias: Auf einem Gig geht es doch um ein Zusammengehörigkeitsgefühl, darum auszubrechen. Wenn ich jetzt sehe, wie viele Leute eigentlich ein Konzert nur durch ihr Handydisplay sehen… Die verstehen gar nicht, dass Musik eine Momentaufnahme ist.
Lucas: Eben. Es geht darum, den Moment in sich aufzusaugen. Wenn jemand direkt vor der Bühne meint, auf dem Smartphone zu lesen, dann beuge ich mich drüber und versuche mitzulesen.
Philipp: Oder ich spucke drauf.
Lucas: Wir haben da eine Art Bildungsauftrag.

Auch einen politischen Bildungsauftrag? Das Lied „Nicht anders gewollt“ ist ja schon sehr kritisch.
Lucas: Wir sind zwar politische Leute, aber keine politische Band. Wer sind wir denn, um zu sagen: Hey, das geht so und so.
Mathias: Wir alle würden politisch auch nicht auf einen Nenner kommen. Gesellschaftskritisch sind wir aber schon. Man muss dafür aber keine verfickte Petition unterschreiben. Wir wollen über Emotionen ansprechen, damit im Kopf was passiert.
Lucas: Ja, es geht um einen Denkanstoß. Zu sehen: Schwarz-Weiß gibt es nicht.
Mathias: Eben, man kann die Welt nicht in böse und gut einteilen. Deshalb konnte ich mich zum Beispiel auch nie ganz mit der Punk-Szene identifizieren.

Es gibt aber gute und schlechte Alben. Was war für euch die Scheibe des letzten Jahres?
Die Diskussion geht los. „Sempiternal“ von Bring Me The Horizon fällt. Dann einigen sie sich auf „Letters Home“, die aktuelle Platte von „Defeater“.

Euer erstes Album erschien jetzt im März. Ist etwas ungehobelt produziert. Hat was von Garagensound. Hat das Geld nicht gereicht für eine glatte Produktion?

Marius: Wir wollten roughen Sound machen und eben keinen Pop.
Philipp: Für eine perfekte Produktion braucht man wirklich nicht mehr Geld. Wir könnten auch ein glattproduziertes „Architects“-Album machen.
Lucas: Das ist aber ein Mischmasch, aus dem man nicht schlau wird.
Mathias: Uns ging es vielmehr darum, die Energie zu bündeln, die wir entwickeln, wenn wir zusammen spielen.
Marius: Außerdem klingt es so menschlicher.

Dann danke fürs Gespräch!
Alle: Danke!

Sänger: Mathias Bloech
Gitarre: Philipp Koch
Bass: Lucas Mayer
Schlagzeug: Marius Bornmann