Ein paar (glaubsch au) Worte mit Car Crash Weather

Car crash weather haben vor nicht allzu langer Zeit — am 17.03.2018 um genau zu sein — ihr erstes Album „Secondary Drowning“ veröffentlicht. Weil das ein Konzeptalbum ist und die fünf Herren auch sonst interessant sind, haben wir uns an ihrer Releaseshow an selbigem Tage mit ihnen zusammengesetzt und uns unterhalten.

Lasst uns doch gleich zu Beginn über das Wichtigste sprechen, nämlich euer Debütalbum, „Secondary Drowning“. Das ist ja ein Konzeptalbum, daher wär’s schön, ihr könntet ein bisschen da drüber erzählen: Was steckt für ein Konzept dahinter, was bedeutet der Albumtitel, was gibt es sonst noch zu sagen? (Übrigens, mehr Infos zum Album gibt’s auf der – ebenfalls neuen – Webseite der Band).
Michl: Da stecken schon sehr viele Überlegungen dahinter. Wir hatten bereits vorher recht viel Material angesammelt und haben dann begonnen, darüber nachzudenken, was dieses für uns bedeutet, in welche Richtung die Songs gehen sollen, die wir da noch nicht hatten, und auch was die Stimmungen sind, die die Songs haben und haben sollen. Und ich hab’ dann zum Beispiel das Gefühl gehabt, dass vieles von der Stimmung her mit aktuellen Themen zu tun hat, von so einer gewissen Düsterkeit inspiriert ist, vom Weltgeschehen, von Dingen, die wir beobachten und dann in der Musik wiedergeben.

So haben wir uns gefragt, ob es da einen gemeinsamen Nenner gibt, ob man da ein Konzept drüber machen könnte. Jetzt nicht im Sinne, dass alles musikalisch komplett zusammenhängt, sondern mehr im Sinne, dass es thematisch zusammenhängt. So ist dann die Idee gekommen, dass es eine Art musikalische Reise ist, die wiedergibt, was jemandem widerfährt, der gezwungen ist, sein Heimatland zu verlassen, Unwegbarkeiten auf sich nehmen zu müssen, und schliesslich irgendwo ankommt, aber nie wirklich daheim ist.
Der Titel „Secondary Drowning“, der kommt aus der Notfallmedizin, wo er das Phänomen beschreibt, dass jemand beinahe ertrinkt und den Ertrinkungsnotfall selbst überlebt, aber dann eine gewisse Zeit später an den Folgen stirbt, weil sich der Körper einfach nicht vom Eindringen des Wassers in die Lunge erholen kann. Die Idee war, dass man das jetzt nicht physisch versteht, sondern halt psychisch; jemand macht sich auf die Reise, eigentlich physisch und psychisch, ertrinkt auf dieser Reise fast, kommt schliesslich an, kann sich da aber nie einfühlen und ertrinkt schlussendlich psychisch oder sozial in der neuen Situation.

Was sind denn verschiedene Aspekte, verschiedene konkrete Ideen, die jetzt auf dem Album beleuchtet werden? Was passiert in den einzelnen Songs? Wo werden die Schwerpunkte gesetzt?
Marco: Da muss ich ein bisschen ausholen. Das Album als Ganzes ist im Prinzip schon eine Geschichte, die aber thematisch und zeitlich recht unabhängig ist untereinander. Es muss sich einfach jemand aus bestimmten Gründen auf die Flucht begeben, übers Meer gehen, an einem neuen Ort ankommen und sich dort nicht zurechtfinden. Die Themen der einzelnen Songs sind aber von ganz verschiedenen Epochen und Orten. Es geht nicht darum, einen bestimmten Konfliktherd abzubilden, sondern die Inspiration kommt quer durch die Welt, alle Epochen, egal ob jung, alt, männlich, weiblich. Das alles wird nicht konkretisiert, ausser im letzten Song, da ist die Protagonistin einfach eine Frau, was sich halt in den Lyrics manifestiert. Aber das ist die Ausnahme.

Michl: Es geht auch darum, dass sich die Erfahrungen, die die Menschen machen über die Zeiten, in verschiedenen Situationen wiederholen können. Es hat keine besondere ideologische oder historische Komponente, sondern es geht um die menschliche Erfahrung. Vieles von dem, was man jetzt an Phänomenen beobachtet, ist eigentlich in ähnlicher Form zu anderen Zeiten Menschen schonmal widerfahren, was jetzt das Psychische und Soziale angeht.
Das Album ist ja auch nicht in einem strikten Sinne chronologisch, sondern jeder Song gibt einfach einen Teil der Geschichte wieder. Der Anfang ist der Anfang und das Ende ist das Ende, aber alles zwischendrin ist nicht explizit geordnet. Wir wollten das aber gar nicht so genau erklären, sondern eine Interpretationsoffenheit lassen, sodass sich jeder selber etwas überlegen kann, man aber trotzdem von der Stimmung, vom Thema her sagen kann, dass eben dieses Konzept dahintersteckt. Aber eben nicht: „In dem und dem Song geht’s genau um das“, sondern in der Gesamtheit.

Ich weiss ja nicht, wie ihr normalerweise Songwriting betreibt, aber: Gab es Besonderheiten durch die Konzeptuierung des Albums? Wie funktioniert das, wie seid ihr vorgegangen?
Pius:  Grundsätzlich funktioniert unser Songwriting immer so, dass jemand mit einer Idee kommt — das kann von einem Gitarrenriff bis zu einem fast kompletten Song gehen, da gibt es das ganze Spektrum —, die dann in die Gruppe reingeworfen wird, und dann jammen wir dazu und schauen, wie die verschiedenen Instrumente dazu passen. Wir schreiben ja beim Album dann auch nicht drauf „dieser Song ist jetzt vom Marco und dieser vom Michi“, sondern wir erarbeiten die Songs nachher wirklich gemeinsam. Speziell jetzt mit dem Konzept war, dass wir uns stark überlegt haben, was das jetzt für eine Stimmung ist, die erzeugt wird, und danach, ob wir das jetzt in die Geschichte “reinchlöpfen” können und wenn nicht, ob wir’s so ändern können, dass es passt.

Wir verwerfen natürlich auch ständig Ideen. Meistens ist ein Song am Anfang viel zu vollgepackt und dann nimmst du immer mehr Zeug raus. Du schnitzt sozusagen den Song selbst aus dieser überwältigenden, viel zu informationsreichen Masse raus.

Michl: Wahrscheinlich bleibt dann immer noch viel zu viel übrig (alle lachen). Aber im Ernst: Der Prozess ist ganz unterschiedlich. Es gibt Songs, die sind mehr oder weniger fertig gebracht worden, vom Grundgerüst her, wo sich auch nicht so viel geändert hat, aber extrem viel noch obendrauf gekommen ist. Andere Songs sind von fast nichts oder der Kombination einzelner Elemente ausgehend zusammen entwickelt worden. Aber wir haben immer zu viele Ideen. Wir hatten auch noch Songideen, für die wir keine Zeit mehr hatten oder die nicht ins Konzept passten.

Michi: Grundsätzlich ist es sicher einfach so, dass jeder Song stundenlang im Bandraum diskutiert worden ist (alle lachen). Mehr als ein Song im Monat ist eigentlich nie oder fast nie passiert. Das hängt auch damit zusammen, dass bei vielen Songteilen wirklich die Überlegung dahinter ist, was dieser Teil jetzt genau ausdrücken soll — symbolisch —, und dann ist da natürlich auch das Musikalische, das stimmen muss, die Instrumente aufeinander, die Dynamik des Songs in sich. Das gibt immer viel zu reden.

Michl: Und der, der die Idee bringt, verbindet immer die stärksten Gefühle damit, und da brauchts dann auch viel gegenseitigen Respekt und auch Zurückhaltung, dass man manchmal etwas einfach stehen lassen kann oder dass dann etwas anderes rauskommt, als ursprünglich geplant. Ich habe auch das Gefühl, es dauert zwar extrem lang, wir diskutieren extrem viel, es ist extrem viel Kommunikation, die stattfindet, aber am Ende geht’s dann doch eigentlich schnell voran, sonst hätten wir jetzt das Album auch nicht fertig.
Ich hab jetzt das Gefühl, wir haben einen recht guten Rhythmus fürs Songwriting. Es ist aber einfach trotzdem anstrengend, weil es so viel Interaktion mit sich bringt, so viel Geben und Nehmen. Bei bestimmten Ideen dauert das Tage, andere Sachen sind dann wieder superschnell. Es ist einfach unberechenbar, aber am Ende kommt etwas Gutes dabei raus (lacht).

A propos Zeitdruck: Ihr habt das Album ja teilweise gecrowdfundet. Hat sich das auf das Arbeitstempo oder die Arbeitsweise ausgewirkt?
Marco: Die Songs standen zum Zeitpunkt des Crowdfundings alle schon. Also, wir hatten einen recht engen Zeitplan, wir wussten schon relativ früh, wann wir ins Studio gehen — das musst du früh buchen — und wollten bald die Releaseshow machen, noch in dieser Saison und nicht erst im Herbst. Seit letztem Sommer, wo es um das letzte Songwriting ging, bis jetzt, in diesem Augenblick sind wir auf 99% Auslastung gelaufen.
Für das Crowdfunding hatten wir ein Budget erstellt, von dem wir fanden, es sei 1) realistisch, das wir das erhalten und 2) wollten wir ja auch selber etwas beisteuern und uns nicht einfach fremdfinanzieren lassen. Nicht so die hohle Hand „Bitte gebt uns Geld, damit wir ein Album machen können“, sondern „helft uns aus“. Man erhält ja dann beim Crowdfunding immer etwas für sein Geld.

Was würdet ihr denn nächstes Mal anders machen?
Pius: Wir haben viele Anfängerfehler gemacht, z.B. einen fixen Termin für den Albumrelease rausgeben. Das hängt dann wie ein Damoklesschwert über dem ganzen Projekt, du musst extrem gut timen, es mag keine Ehrenrunden leiden. Wir würden uns ganz allgemein sicher mehr überlegen, welcher Schritt wie lange dauert, und uns mehr Puffer einbauen.

Michl: Sackgassen lassen sich sonst einfach nicht mehr beheben.

Pius: Gewisse Sachen, wie eine Release-Show, da ist es gar nicht wichtig, dass ein Datum schon festgelegt ist, solange es nicht publiziert wird. Den Leuten, die kommen, ist das doch egal, ob das einen Monat später oder früher ist.
Wir sind aber auch Amateure und keine Vollprofis. Wir machen Fehler, aber das nächste Mal werden wir weniger Fehler machen; wir haben sicher viel gelernt.

Marco: Ein selbstauferlegter Druckpunkt war auch, dass wir gesagt haben, es müsse jetzt schnell gehen. Wir hatten diese 3-Song-EP, wollen möglichst viele Shows spielen, den Radius erweitern und ohne Album ist das eher schwierig. Darum haben wir das vielleicht ein bisschen über-gepusht, so dass am Ende einer Phase immer ein Stress da war, Stress am Ende des Mixens, Stress am Ende des Masterns. Auch so „oh wehe, wenn das Presswerk etwas versifft, dann kommt’s nicht pünktlich“. Und dann hörst du von anderen Bands, dass sie zwei Monate auf ihre Sachen warten, weil diese am Zoll hängen. Und das willst du einfach nicht hören.

Michi: Und gewisse Dinge haben auch nicht funktioniert, wie z.B. die Vinylversion. Haben wir nicht, jetzt, das wird noch ein paar Wochen gehen. Das Ziel wäre gewesen, diese an der Release-Show zu haben.

Marco: Das war so ein Klassiker, da haben wir gemerkt: „Oh shit, das geht ja drei Monate. Ups.“

So, wir wären so langsam beim Schlusswort, was gibt’s noch zu sagen? Ein paar Worte zur Schweizer Post-Rock-Szene?
Michl: Wir spielen ja eigentlich keinen Post-Rock mehr (lacht). Wie man das jetzt aber nennt, keine Ahnung.

Marco: Wir sind ein bisschen in der Post-Rock Szene zuhause, in Sachen Auftritte und Bands, mit denen wir spielen, das stimmt schon. Aus meiner persönlichen Sicht ist diese Szene recht gewachsen. Bevor ich in diese Band eingestiegen bin, wusste ich nicht mal wirklich, dass es das gibt. Und dann merkst du, aha, da gibt’s diese grosse CH-Band und so weiter. In die Szene gekommen bin ich wegen Leech aus dem Aargau. Da habe ich gemerkt, „aha, das ist also Post-Rock“, und mittlerweile haben wir selber Konzerte im In- und Ausland spielen können, da läuft schon sehr viel.
Interessant ist auch, dass wir eigentlich, obwohl wir in Zürich den Bandraum haben, hier im Flösserplatz so unsere Homebase haben. Ich glaube, wir spielen jetzt zum vierten oder fünften Mal hier.

Pius: Und wir haben auch mit dem ehemaligen Tontechniker vom Flössi unser Album aufgenommen; es ist sehr viel mit diesem Ort verbunden.

Michi: Damit zusammenhängend: Wenn man eine Schweizer Band noch hören muss, ist das tunica dartos. Die es aber nicht mehr gibt, und jetzt so ungefähr Edward Bloom sind.

Marco: Zwei von drei der alten Band. Dazu gibt’s in Zürich ein sehr geiles Post-Rock Festival, das dieses Jahr bereits zum dritten Mal passiert, das Bergmal. Da wird viel Zeit investiert, mittlerweile gibt’s sogar Pre-Shows, grad im April wieder ttng mit A River Crossing, die auch gute Kollegen von uns sind und ein sehr gutes Album rausgebracht haben. Live sogar noch besser als auf dem Album.

Pius: Und dann ist da noch Glaston. Das sind wirklich super Leute! Ich habe das Gefühl, wir fassen auch immer mehr Fuss in dieser CH-Post-Rock/Progressive Rock-Szene. Und dann ist es sehr spannend, so ab und zu aus der Vogelperspektive zu schauen, „was haben wir eigentlich schon erreicht?“, weil wir nämlich mittlerweile eigentlich schon ein ziemliches Netzwerk an Kollegen aufgebaut haben in dieser Szene, auf dem man auch immer weiter aufbauen kann. Wenn du im Projekt drin bist, dann fokussierst du dich mehr drauf, wenn du mal eine Absage erhältst oder sonstwas nicht klappt. Aber wenn du dich mal zurücklehnst, merkst du, dass wir eigentlich in diesen ein, zwei Jahren, die wir in dieser Konstellation unterwegs sind, doch einiges erreicht haben.

Marco: Es wird auch immer mehr ein bisschen zu einem Selbstläufer, zum Beispiel wenn es eine Absage gibt, gibt das fast automatisch wieder die Chance, dass man zu einem anderen Zeitpunkt dort spielen kann, und wenn man dann spielt, kann man vielleicht am Tag vorher noch mit dieser Band und am Tag danach mit der anderen, usw.

Pius: Vielleicht hat Dzhevret noch ein Schlusswort?

Dzhevret: Just go and get the album! (lacht) I mean, the concept is just really sensitive and when we wrote the music, we tried to be sensitive as well, we focussed really on the message we’d like to transmit to the audience. And I think, we all did a good job and we’re proud of this, so that’s why you should go and get the album! Thank you to everyone that was involved, from loved ones to mixing guys, just everyone!