David und Chris von Fjørt im Interview

Letzte Woche war das Trio von Fjørt für eine kleine Tour in der Schweiz. Dabei spielten sie in Bern, Basel, Bulle sowie am LBversary im Dynamo in Zürich. Vor ihrer Show in Basel hatte ich die Gelegenheit, mit Gitarrist Chris sowie Bassist David ein Schwätzchen zu halten.

Vielen Dank für eure Zeit Jungs. Ihr wart ja gestern in Bern für den Auftakt eurer Schweizer Mini-Tour. Wie war’s?
Chris: Es war super! Wir hatten ja Mittwoch gestern und trotzdem war es echt voll. Man hat ja immer ein bisschen Angst, wenn man unter der Woche spielt, dass nicht so viele Leute kommen werden. Besonders natürlich dann, wenn man relativ weit von zuhause weg ist. Aber es war wirklich gut gefüllt und eine super Stimmung. Perfekter Auftakt kann man sagen.

Ihr singt ja auf Deutsch. Was ist eure Motivation dahinter?
Chris: Ich glaube das hat mit der Intention unserer Musik zu tun. Wir haben uns als Band zusammen gefunden, weil wir Musik machen wollten, die weh tut. Wir sind eine Band, die relativ direkt und harsch ist und das geht auch mit den Texten einher. Das können wir auf Deutsch einfach besser rüberbringen. Wenn du deinem besten Kumpel etwas erzählst, dann redest du mit dem ja auch am liebsten in deiner Muttersprache, weil du damit einfach am besten beschreiben kannst, wo dir der Schuh drückt. Dazu kommt, dass ich kaum in der Lage wäre, auf Englisch einen Satz mit einem Augenzwinkern zu versehen oder der auch eine ironische Zeile hinzuzufügen. Das funktioniert einfach nicht, wenn du der Sprache nicht genug mächtig bist. Deshalb ist Deutsch das Einzige, das für uns funktioniert und dazu kommt, dass es einfach auch viel mehr Spass macht.

Wie erlebt ihr das dann in einem Land, in dem nicht Deutsch gesprochen wird?
David: Es funktioniert erstaunlich gut. Wir spielten zum Beispiel schon in Tschechien, Schweden und Ungarn. Wir haben es auch schon erlebt, dass Leute unsere Texte in ihre Landessprache übersetzt haben und das ist dann schon sehr eindrücklich! Und ich denke, es klappt gut, weil die Musik selber ja auch etwas transportiert. Es gibt viele nationale Popkünstler, bei denen ist die Musik selber nicht ganz so wichtig. Da ist wichtiger, dass die Leute verstehen, was gesungen wird. Natürlich nicht bei allen. Ich bin der Meinung, wenn man härtere Musik macht mit einer gewissen Melancholie,  dass es die Menschen auch berührt, ohne dass sie ein Wort verstehen. In der deutschsprachigen Schweiz ist es ja eh wieder kein Problem. Morgen sind wir in Bulle, wo Französisch gesprochen wird und da sind wir schon super gespannt, wie es ankommen wird.

Wo du es gerade ansprichst: Woher kommt euer Hang zu französischen Begriffen?
Chris: Ich denke das kommt bei uns einfach aus der Ecke, aus der wir kommen. Achen grenzt ja an Beneluxstaaten und auch Frankreich ist gleich um die Ecke. Wir wurden das schon öfters gefragt und uns war das tatsächlich gar nie richtig bewusst. Aber es kommt einfach aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Wir haben viele “eingedeutschte” französische Begriffe, die wir tagtäglich verwenden, wie zum Beispiel “d’accord”. Jeder benutzt die und weiss auch, was sie bedeuten. Aber dadurch, dass es eben doch nicht unsere Muttersprache ist, hast du so ein wenig das Gefühl, dass es Spielraum in der Bedeutung gibt. Du kannst die Wörter an bestimmten Stellen mit einer gewissen Zweideutigkeit einsetzen. Das ist ein schönes Stilmittel, um Spielraum für Interpretationen zu geben.

Auf eurer neusten Scheibe “Couleur”, behandelt ihr wieder unterschiedlichste Themen. So handelt er Song “Windschief” von Depressionen, während der Song “Raison” ein klares politisches Statement abgibt. Woher kommen eure Inspirationen?
Chris: Es ist einfach eine Ansammlung dessen, was in der Songwriting-Phase so passiert. Du machst dir Gedanken über die Dinge, die um dich herum passieren. Und wenn du offene Augen und Ohren hast für alles, was nur schon in deinem näheren Umfeld passiert und auch in der Gesellschaft, dann hast du sofort genug worüber du auch schreiben willst. Es beschäftigt dich und dann will man darüber schreiben.

David: Uns interessiert auch sehr das menschliche Zusammenleben. Auch global gesehen. Ich glaube, wir brauchen zum Texteschreiben andere Menschen und Verhaltensweisen, die wir beobachten können. Das kann mal an einer Supermarktkasse sein, das kann aber auch auf einer Fete sein an der einer total besoffen irgendwelches Zeugs labert. Das sind dann immer so Fetzen, welche wir uns feinsäuberlich notieren und wenn wir später darüber weiterphilosphieren, entstehen dann unsere Ansichten zu diesen Dingen. Die münden dann vielleicht irgendwann in Texten.

Kamt ihr schon mal die Idee auf, euch auf einer Platte nur einem einzelnen Thema zu widmen?
David: Nun wir stellen uns halt gerne breit auf. In der Phase, in der so eine Platte entsteht, das sind bei uns so ca. zwei Jahre, kommt auch einiges zusammen. Ich glaube uns interessiert auch einfach viel zu viel um uns auf ein Thema zu einigen. Es gibt immer Unterschiedliches, das uns aufregt und es wird nicht passieren, dass wir uns nur einem Thema zuwenden wollen. Natürlich gesellschaftlich geprägt dadurch, was aktuell gerade passiert.

Der aktuelle Bezug ist euch also besonders wichtig?
David: Ja. Klar, bei Texten wie zu “Raison” oder “Paroli” wären wir froh, wenn wir sowas nicht schreiben müssten, aber es ist ein gesellschaftliches Thema, dass unfassbar hochgekocht ist und uns total ankotzt. Aber wir hätten so einen Text vor vier Jahren nicht schrieben können. Wenn wir uns also nur einem gewissen Thema widmen würden, müssten wir vieles, worüber wir schreiben möchten, ausblenden. Das würde sich für uns nicht richtig anfühlen.

Für eure Zuhörer kam das neuste Album “Couleur” ja ziemlich überraschend. Ihr habt vorher nicht gross Werbung dafür gemacht. War das ein bewusster Zug?
David: Haha, ganz ehrlich Hosen runter: “Uns fucked das ab”. Soll jede Band so machen, wie sie will, aber wir sind selber nicht interessiert daran. Das ist für uns ein ganz krasser Prozess, so eine Platte zu entwickeln und wir brauchen da sehr viel “uns”. Gross etwas ankündigen im Vorhinein, das hat für uns keinen Wert. Wir geben gerne Bescheid, wenn es fertig ist und dann ist es auch bereit, gehört zu werden.

Chris: Es schmeckt dann irgendwie auch immer nach Versprechungen. Ein Album ist für uns kein einfacher Prozess und wir brauchen auch so unsere Zeit bis wir sagen können, dass das jetzt fertig ist und wir es geil finden. Wenn wir es nicht geil finden, dann veröffentlichen wir es auch nicht. Deshalb machen wir da nicht vorher gross Werbung sondern erst, wenn das Gemälde fertig ist und nicht, wenn wir die ersten zwei Linien gezeichnet haben.

David: Kurz gesagt, wir gehen erst mit Infos raus, wenn wir selber auch zufrieden sind.

Dann habt ihr keinen Druck seitens Label oder so, wegen der Zeit?
David: Das hört man ja viel von anderen Bands, dass ihre “Partner” sagen, ja bis dann und dann muss dann die neue Platte da sein und ihr müsst bis dann und dann dies und das liefern. Das ist aber bei uns zum Glück nicht der Fall. Wir haben im Zuge der neuen Platte bewusst dem Label und Management gesagt, dass wir im 2017 nichts machen und dass wir nicht touren wollen. Und da haben wir die Zeit gekriegt und es  hiess, “kein Ding, take your time”. Das ist sehr toll. Unsere Partner lassen uns da voll unser Ding machen und sind für uns da, wenn wir sie brauchen.

Ihr seid ja auch alle neben der Musik noch berufstätig.
David: Genau, dass schafft uns dann eben auch noch die nötige Flexibilität. Wir müssen nicht zwingend auf Tour gehen um unsere Miete zahlen zu können.

In den letzten Jahren ist eure Fangemeinde immer grösser geworden und die Shows, die ihr spielt sind von 5-10 Zuhörer auf Shows mit mehreren hundert Besuchern angestiegen. Kann dieser Anstieg so weitergehen oder seid ihr froh, wenn ihr irgendwann ein Plateau erreichen würdet?
Chris: Wir hätten nie gedacht, dass es eine Dimension annimmt wie es jetzt bereits der Fall ist. Bei der letzten Tour in Deutschland hatte es um die 500 Leute pro Abend, das ist absolut surreal. Das ist für uns wirklich krass, weil unsere Mucke ist einfach unfreundlich, wie ich sie gerne nenne, und da ist man überwältigt, dass so viele Leute Bock haben, zu kommen. Da fühlt es sich schon vermessen an, wenn man sich denkt: “Würde da noch mehr gehen? Kommen da noch mehr Leute?” Aber man freut sich auch tierisch darüber, dass es so vielen gefällt. Wir nehmen das natürlich gerne an und geniessen das auch sehr. Aber es soll auf keinen Fall forciert sein. Jede Entscheidung die wir treffen werden ist immer zugunsten der Mucke und nicht zugunsten des Erfolgs.

Vielen Dank euch! Das wär’s von meiner Seite. Gibt es noch etwas, dass ihr gerne sagen möchtet?
David: Keine Schleimerei jetzt oder so, aber eine Danktirade an Leute wie dich und deine Plattform! Dafür, dass ihr euch die Zeit nehmt, Berichte zu schreiben und Interviews zu machen. Wir wissen, ihr werdet dafür nicht bezahlt. Letzten Endes ist die Grösse einer Band – dass eine Show von bis zu 500 Leuten und mehr besucht werden – zu einem Grossteil euch zu verdanken. Weil: Wir als Band, wir können nur Mucke schreiben. Wir sind keine grossen Promo-Künstler und sind euch für eure Berichterstattungen unglaublich dankbar. Toll, dass ihr sowas macht! Hut ab und danke für die Unterstützung!

Das ist schön zu hören. Danke vielmals!