EP-Review: Reverse – “Build My Throne”

Grunge ist tot. Als ich diesen Satz zum ersten Mal gelesen habe, da war Kurt Cobain noch am Leben, weshalb ich diese Worte eher als Werbeslogan oder Running-Gag empfand. Eben aus London zurückgekehrt, darf ich euch berichten, dass es zerrissene Strick-Pullis ab 70 Pounds in allen Trendshops anstatt für 2 Pounds auf dem Flohmarkt zu kaufen gibt. Die 90er sind im Kommen und ich wage zu behaupten, dass nach der Mode auch Grunge-Bands wieder hip werden. Reverse ist eine Band, die ihre Musik in eben diese Schublade steckt und mit ihrer Anfrage für eine EP Review ein gutes Händchen fürs Timing beweist. “Build my Throne” heisst das gute Stück, welches uns die positiv-negativen selbstzerstörerischen Gefühle geben und die Lust am Haarewaschen nehmen soll.

Die Band Reverse stammt aus Dorsten in Deutschland. Klar, Grunge verbindet man automatisch mit Seattle, aber weil wir auch in Europa triste Orte und Nebel haben, geht das für mich in Ordnung. Was mir aber schon zu Beginn beim ersten Song “Joker Kills The Nightingale” negativ auffällt, ist der hörbare deutsche Akzent. Dass der Sound ziemlich reinhaut und die Stimme schön dreckig klingt, stimmt mich aber versöhnlich. Der Song versprüht eine ordentliche Portion dirty Rock’n’Roll-Energie. Der Flow wird nach zwei Minuten gekonnt durch eine Tempohalbierung gebrochen, dafür wird am Schluss nochmal so richtig auf die Snaredrum geknüttelt. So geht Dynamik. Der angekündigte Grunge-Rock war das zwar noch nicht, aber trotzdem ein gelungener Einstieg.

Bei den ersten Akkorden zu “Not Heavy” huscht dann ein erstes Mal ein tauchendes Baby an meinem geistigen Auge vorbei. Es bleibt aber beim Kurzauftritt, denn nach den Nirvana-Gitarren rotzt mir drei Minuten lang ein eingängiges Punk’n’Roll-Brett entgegen. Ich bekomme Lust auf ein Bier. Oder vier. Ich mag Bier.

Gäbe es das Buch “Grunge-Gitarrenriffs für Dummies”, stünde das Riff von “Break Me Fuck Me” auf Seite eins. Aber das ist keinesfalls eine Kritik, denn genau so simpel muss ein solches Riff sein. Ein Grunge-Song lebt nicht von der Virtuosität, sondern von den Aggressionen und der ungeschliffenen Ehrlichkeit. “Break Me Fuck Me” klingt nach Gitarre verschrotten und ins Schlagzeug hechten. Gut gemacht.

Dass Reverse musikalisch mehr drauf haben, beweisen sie immer wieder mit kleinen Breaks und kreativen Einfällen. Die beiden letzten Songs “Haunted Heart” und “Read My Mind” wiederholen das „Garage-Punk’n’Roll wechselt sich ab mit Grunge Rock Song“-Schema. Die Frage, ob das zusammenpasst, kann ich mit gutem Gewissen mit ja beantworten. Ich finde es aber schade, dass die Stile zu wenig miteinander verschmelzen.

“Build my Throne” bietet fünf rotzige, energiegeladene Songs, die ohne lange Gewöhnungszeit ins Ohr gehen und live wahrscheinlich noch mehr Spass machen als auf den Aufnahmen. Während ich also langsam meine Shampoo-Aktien abstosse, macht sich die Band Reverse bereit, um auf der New-Grunge-Welle zu surfen und ich bin überzeugt, dass die drei Musiker dabei nicht absaufen werden. Anhören könnt ihr euch die EP auf der Webseite der Band.

DIY / 2017

 1. Joker Kill The Nightingale
2. Not Heavy
3. Break Me Fuck Me
4. Haunted Heart
5. Read My Mind