Album Review: Abraham – “Look, Here Comes The Dark”

Phu, ganz im Ernst, ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, alle gute (sprich: von mir goutierte, objektiv und so) Musik muss herausfordern, und ich würde auch lügen, wenn ich behaupten würde, herausfordernde Musik ist automatisch gut. Aber fuck, Abraham haben auf ihrem neuen (VÖ: 10.05.2018, via Pelagic Records — Home to many great Bands, darunter auch die sensationellen Coilguns, die ebenfalls dieses Jahr ihre Grosstat „Milennials“ veröffentlichten, ein Aspirant für das Album des Jahres) Werk — Opus wäre wohl ein in seiner Gravität angemesseneres Wort — „Look, Here Comes The Dark“ einen zähen, alles vernichtenden musikalischen Strom geschaffen, der fesselt.

Über 1.5h zieht es sich hin, dieses schleppende Geriffe. Mal ekstatischer, mal fast zu nichts verkümmert, mal dissonanter, mal beinahe schon fast zu wohlklingend anmutend, aber immer von einer irgendwo tief drin liegenden Dunkelheit durchflossen, verteilen sich die insgesamt 19 Songs des Konzeptalbums (Apokalypse! Endzeit! Die Musik sagt dir schon, worum es geht!) auf zwei CDs bzw. vier Platten — gleichzeitig schaffen die Schweizer es aber, nie den Drang nach der Skip-Taste zu wecken, so hypnotisch entfalten sich die teilweise jammig, teilweise straff organisiert wirkenden Stücke. Ja, sogar im Gegenteil, das düster dystopisch verstörende Werk hat Suchtpotential, man möchte gleich nochmals von vorne beginnen und diesen Untergang unserer Zivilisation, jeglichen Lebens, dieser Welt nochmals erleben.

Erwartet man nach den ersten Sekunden des Openers „I Ride The Last Sunset“ ein eher stereotypes Stoner/Psychedelic-Rock Album, wird man zum Glück innert Kürze eines Besseren belehrt, wenn es beginnt zu knarzen, zu schreien, angenehm unangenehm zu werden — aber trotzdem scheint es ein bisschen unverständlich, warum dieser doch eher untypisch ‚unharte‘ Song als Opener ausgewählt wurde… Jänu, man wird schon seine Gründe (Konzept, duh!) gehabt haben, auch wenn mir z.B. der zweite Track auch am Anfang des Albums besser gepasst hätte — wer hier „enter a wonderful world“ nicht instinktiv mitbrüllen will, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Einziger Kritikpunkt betrifft wohl die Unclean-Vocals zu Beginn des Mycocene-Abschnitts, die manchmal etwas schwach bzw. zu gekünstelt böse daherkommen — wieso geht’s da plötzlich nicht mehr? Dafür muss man da zugestehen, dass die Band es schafft, auf Schweizerdeutsch zu singen, ohne Abgründe der Fremdscham auszulösen.

Fazit: Wenn du dir auch mal etwas Zeit lassen kannst, um Musik zu hören, wenn dir nicht immer nach dem nächsten Ohrwurm gelüstet, dann hör dir dieses Album an, denn es hat das Zeug, einen nachhaltig zu fesseln — ohne Probleme ist ein zweiter, dritter, vierter, … Hördurchgang möglich, ohne dass man nach einem Song gelangweilt wird. 

Anspieltipps: „Wonderful World“, „Silent At Last“ „God Mycelium“

Übrigens: Live kann man die Band nächstens am 12.05.2018 im Gaswerk Winterthur erleben — dringendst empfohlen (einzige Ausrede: Die Cancel-Plattentaufe in Luzern…).

 

Abraham – Look, Here Comes The Dark
Tracklist:

I – ANTHROPOCENE (20:29)

01. I Ride the Last Sunrise
02. Wonderful World
03. Wanderer
04. Hyperoïne

II – PHYTOCENE (29:35)

05. To the Ground
06. Silent at Last
07. Dead Cities
08. Invocation
09. Rise, Goddess

III – MYCOCENE (27:08)

10. Errant
11. Sanctuaire
12. God Mycelium
13. Vulvaire 
14. All the Sacred Voices
15. Urnacht

IIII – ORYKTOCENE (33:41)

16. Wind
17. Earth
18. Fire
19. Space / Departure

Titelfoto: Sandrine Gutierrez