Moose Blood im Interview

Moose Blood

Am diesjährigen Greenfield Festival hatte ich das Vergnügen, mit Kyle und Jake des englischen Emo-Quartetts Moose Blood zu plaudern. Bei einem kühlen Bierchen ein paar Stunden vor ihrem Konzert erzählten sie etwas über die Entstehung der neusten Scheibe “I Don’t Think I Can Do This Anymore”, weshalb Tacos dabei eine Rolle spielten und wie es ist, frisch verheiratet auf Tour zu gehen.

Hey Leute, wie geht es euch?
Lee:
Uns geht es gut, danke. Ein bisschen müde, aber sonst sehr gut.

Kyle: Ja wirklich gut. Ist eine tolle Stimmung hier. Ich spüre eine Menge PMA-Vibes.

Ihr habt ja letzten März euer neues Album “I Don’t Think I Can Do This Anymore” herausgebracht. Seit eurem ersten Album, welches ein grosser Überraschungserfolg war, und auch seit dem zweiten Album, seid ihr auf einem ansteigenden Höhenflug. Wie geht es euch damit?
Kyle:
Uns geht es sehr gut damit! Obwohl die Fertigstellung des dritten Albums etwas hart war. Wir hatten Angst loszulassen und uns mit dem Endergebnis zufriedenzugeben. Man hat immer etwas Angst davor, wie das Album aufgenommen wird und beim dritten Album hatten wir sogar noch mehr Angst. Wie du sagst, sind wir noch auf einem ansteigenden Flug, was uns unglaublich freut. Die Klubs, in denen wir auf der letzten Headliner-Tour unser Album vorgestellt hatten, waren ungefähr doppelt so gross wie davor, so sind wir gleichzeitig aber auch doppelt nervös. Wir sind etwas gesetzter und können etwas besser damit umgehen als noch bei “Blush”, aber ich denke, die Nervosität wird nie weggehen und das ist auch gut so.

Ich habe gehört, dass der Schreibprozess beim letzten Album anstrengender und schwieriger war, als davor. Was war anders?
Kyle:
Wir hatten dieses Mal mehr Zeit, uns vorzubereiten und hatten eine etwas andere Vorgehensweise. Wir gingen ins Studio ohne grosse  Ideen. Wir trugen also einfach mal alle Ideen zusammen, legten sie aus und analysierten alles. Dann schauten wir es uns an und bewerteten, ob es uns gefällt. Dabei entwickelten wir die Songs immer weiter, bis wir zufrieden waren.

Lee: Und was es wirklich speziell machte war, dass wir die Recording-Sessions in zwei Teile aufsplitteten. Wir hatten zuerst ein Zeitfenster zum Aufnehmen von zwei Wochen, danach gingen wir für einen Monat auf Tour und nachher wieder für zwei Wochen zurück ins Studio. Das war sehr cool.

Dann war es also etwas Gutes, die Aufnahmen aufzuteilen?
Lee:
Ja, absolut. Wir hatten so die Möglichkeit, die Songs differenzierter wieder anzuschauen und nicht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Wir bemerkten bei der zweiten Runde einige Dinge, die uns nicht gefielen oder die wir noch mehr ausbauen wollten und das hat sehr geholfen, die Scheibe auf das Level zu bringen, wo wir zufrieden waren.

Kyle: Es war alles in allem zwar viel anstrengender als die vorherigen Alben, aber es hat sich auch absolut gelohnt. Wenn man mehr als ein Album macht, ist man laufend daran, sich zu entwickeln und man will den Sound weiterhin interessant für seine Zuhörer gestalten. Und ich glaube, das ist uns auch gelungen. Es war härter als bei den anderen Alben davor, aber wir sind ja mittlerweile auch eingespielter und es machte unglaublich Spass.

Wie war den der Druck seitens eurer Zuhörer?
Kyle:
Es war dieses Mal sehr angenehm. Bei “Blush” war es halt genau nach Klischee. Das heisst, wir hatten beim ersten Album “I’ll Keep You In Mind, From Time To Time” unendlich Zeit, daran zu arbeiten bis wir zufrieden waren, wohingegen wir für “Blush” vom Label eine sehr limitierte Zeitvorgabe hatten. Dabei sollten wir natürlich eine Scheibe hinkriegen, die der ersten mindestens gleichkommt. Bei “I Don’t Think I Can Do This Anymore” hatten wir fast doppelt so viel Zeit wie zuvor, was es viel relaxter machte.

Bestand nicht auch etwas die Gefahr, dass zu viel Zeit dazu verleitete, sich etwas zu fest zurückzulehnen?
Lee:
Haha! Doch die Versuchung war da und es gelang uns nicht immer, dagegen anzukommen.

Kyle: Wir sind mit unserem Produzenten sehr gut befreundet und es gab zum Beispiel die Situation, dass Mark gerne neue Pickups an seiner Gitarre ausprobieren wollte. Und unser Produzent öffnete dann eine Schublade voller Pickups… Ja da waren sie fast einen ganzen Tag mit dem Ausprobieren von Pickups beschäftigt. Dazu kommt, dass wir eine grosse Liebe zu Tacos entwickelten und da war dieses Taco-Restaurant gleich unten an der Strasse. Also sind wir bei jeder kleinsten Gelegenheit hingelaufen, um uns Tacos zu gönnen. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn wir mit unserem Produzenten nicht so gut auskommen würden. Wir machten viel Unfug, aber am Ende des Tages haben wir immer alles hingekriegt.

Ihr seid als Band ja bekannt für eure intimen Klubshows. Jetzt spielt ihr heute an diesem Festival im Freien. Macht ihr etwas anders, damit eure Shows auch hier funktionieren?
Kyle:
Wir versuchen, userer Art Shows zu spielen treu zu bleiben. Es ist definitiv schwieriger, eine Verbindung mit dem Publikum aufzubauen als an einer Klubshow. Speziell an einem Festival, wo ein Grossteil der Fans hauptsächlich wegen anderen Bands da ist. Also probiert man, den Zuhörern eine gute Mischung von allem zu geben, was man hat. Aber wir können die ganz ruhigen Songs nicht spielen, weil es auf einem offenen Feld an einem Nachmittag offensichtlich nicht so gut funktioniert wie in einem Klub. Aber es macht auch so Spass, einfach auf eine andere Art.

Kyle während der Show am Greenfield Festival 2018.

Gibt es Songs, die ihr nicht mehr gerne live spielt?
Lee:
Ich bin ja erst seit rund einem Jahr dabei und die Songs fühlen sich für mich alle immer noch relativ neu an. Aus diesem Grund habe ich keinen Song, den ich nicht mehr mag. Die anderen spielen einige Songs mittlerweile seit vielen Jahren und ich glaube da ist es normal, dass man einigen Liedern etwas überdrüssig wird.

Kyle: Nicht wirklich! Ich glaube, da ist kein einziger Song, den ich nicht mehr gerne spiele. Wenn man ins Publikum schaut und sieht, was die älteren Songs bei ihnen auslösen, dann kann es mir gar nicht langweilig dabei werden.

Welches ist euer Lieblingssong?
Lee:
Für mich klar einer der neueren Songs, weil ich bei diesen die Möglichkeit hatte, mitzuwirken. Die alten machen natürlich auch Spass, aber als diese geschrieben wurden, war ich noch nicht dabei, deshalb fühlen sie sich etwas anders an. Ich könnte mich jetzt aber glaube ich noch nicht für einen spezifischen Song entscheiden. Dafür ist es noch etwas zu früh.

Kyle: Aktuell ist es auch einer der neuen Songs, denn sie fühlen sich noch so frisch und aufregend an. Ich würde mal behaupten, aktuell ist es “Talk In Your Sleep”.

Ihr verbringt ein Grossteil eurer Zeit auf Tour. Wie balanciert ihr euer Musikerleben mit eurem Privatleben?
Lee:
Ich habe genau eine Woche bevor ich der Band beigetreten bin geheiratet. Es war für mich also bereits eine ziemlich verrückte Zeit. Die Hälfte dieser Zeit war ich nämlich auf Tour. Bei der ersten Tour fühlte es sich noch total komisch an, so lange weg von meiner Frau zu sein. Es wird aber mit jeder Tour besser und man gewöhnt sich dran. Je mehr man unterwegs ist, desto mehr lernt man die Zeit, die man zuhause verbringt, so gut wie möglich auszunutzen. Bei einem gewöhnlichen 9-to-5 Job hat man täglich kleine Bissen voneinander. Zwischen den Touren sind es grosse Stücke, die man abbeisst. Klar begrenzt man sich natürlich nicht nur auf diese grossen Stücke. Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Frau, ansonsten würde ich sie viel zu fest vermissen.

Kyle: Die Gefahr, dass man mit seinen Liebsten auseinanderdriftet ist sehr gross, wenn man weg ist. Deshalb ist es wichtig, dass man sich viel Mühe gibt, mit lieben Menschen in Kontakt zu bleiben. Dabei muss ich aber auch etwas aufpassen, niemanden zu ärgern. Ich habe heute Morgen meiner Freundin ein Bild von der wunderschönen Berglandschaft hier gesendet und ihr erzählt, dass wir vorhaben, nach der Show im See schwimmen zu gehen. Sie ist halt gerade bei der Arbeit und findet das nicht so toll, wenn ich ihr dann solche Bilder schicke, haha!
Schlussendlich ist klar Kommunikation das A und O. Ob es darum geht, mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben, oder dass man sich auf Tour nicht auf den Sender geht. Jeder braucht auch seine Privatsphäre und gerade auf Tour ist es wichtig, dass man einander diese Zeit auch gibt.

Gibt es etwas am Shows spielen oder am Musikerdasein, dass ihr gerne ändern würdet, wenn ihr die Möglichkeit hättet?
Kyle 
Hmm… Als wir jünger waren, gab es viele Möglichkeiten für kleine Bands, Shows zu spielen, auch wenn die Mucke Müll war. Das war grossartig. Auch wenn die Community etwas klein war, hatte man tausend Möglichkeiten Shows zu spielen. Zum Beispiel lernten wir Lee vor langer Zeit genau durch solche Shows kennen. Was ich also gerne ändern möchte ist, dass alle Bands diese Möglichkeit haben wie wir sie damals hatten. Es gibt für kleine Bands in vielen Teilen der Welt oder nur schon Europa nicht genug Plattformen, um sich erkennbar zu machen, das ist schade und es wäre toll, wenn es dies mehr gäbe.

Lee: Ich habe auch das Gefühl, dass die kleinen Szenen in Europa etwas am Austrocknen sind. Und es ist härter für kleine Bands, als es noch vor ein paar Jahren war. Ich hoffe, das ändert sich wieder!

Das hoffen wir alle! Ich danke euch für das angenehme Interview.
Kyle & Lee: 
Danke vielmals, es war uns ein Vergnügen!