Album Review: Defeater – Abandoned

Die düstere Erzählwelt der Melodic-Hardcore-Truppe Defeater wird mit dem vierten Longplayer „Abandoned“ um ein Kapitel reicher. Defeater bleiben ihrem Konzept auch nach dem Wechsel zu Epitaph nicht nur lyrisch, sondern auch musikalisch treu und fügen ihrer Diskographie somit ein weiteres gelungenes, wenn auch ein wenig unspektakuläres Album hinzu.

Schon als Defeater 2008 ihr Erstlingswerk „Travels“ veröffentlichten, erklärte Sänger Derek Archambault, dass sich ihre ganze Diskographie inhaltlich um das Leben einer Arbeiterfamilie aus New Jersey nach dem zweiten Weltkrieg drehen würde. Von Release zu Release wurde jeweils die Perspektive gewechselt: Auf „Travels“ wurde aus Sicht des jüngeren Sohnes erzählt, auf dem zweiten Album „Empty Days & Sleepless Nights“ (2011) aus der seines älteren Bruders. Auf „Letters“ Home, welches 2013 erschien, wurde die Geschichte ihres Vaters erzählt. Nun werden auf „Abandoned“ überraschenderweise nicht die Leiden der Mutter, der Grosstante oder des Familienhundes geschildert, sondern die des Priesters, der in „Travels“ vom mörderischen Sohn aufgesucht wurde.

So weit hergeholt ist sein Teil der Geschichte schlussendlich doch nicht, wie man im Verlaufe des Albums erfährt. An dieser Stelle soll aber nicht zu viel verraten werden, denn ein Grossteil der Spannung beim Hören eines Defeater-Albums entsteht ja durch die Entfaltung der Storyline. Wie beim Vorgänger „Letters Home“ hat die neue Perspektive jedenfalls theoretisch durchaus Daseinsberechtigung, aber die Frage ist: Interessiert es noch jemanden? Schlussendlich ist die Handlung im Defeater-Universum sehr begrenzt: Es passiert nicht sehr viel, es wird aber sehr viel beschrieben, wie sich derjenige dabei fühlt. Und fühlen tun sich die Charaktere eben alle ähnlich: schuldbewusst, unwürdig, feige, verlassen, allein. Auf dem vierten Album verliert das nunmal die Einschlagskraft. Natürlich liegt auf „Abandoned“ der Fokus noch mehr auf der Beziehung zu Gott als sonst, und wie einige Textzeilen über das ganze Album verteilt wie Gebete wiederholt werden, ist eine schöne strukturelle Aufmachung.

Auch musikalisch beschreiten Defeater keine neuen Pfade. Das Gute daran ist, dass ihr Pfad ein verdammt guter Pfad ist. Keine trendigen Gimmicks, nicht zu überproduziert (wobei man da anderer Meinung sein kann, je nachdem mit welchem Mass man misst), melancholische bis druckvolle Gitarren und wahnsinnig präsente Drums, die oftmals ganze Songpassagen tragen. Wieder sorgen Knüller wie „Spared In Hell“ oder „Unanswered“ für Atemlosigkeit, während es oft auch weniger hektisch zu und her geht, zum Beispiel in den beiden Tracks, die das Album schliessen. Melodiöser Hardcore vom Feinsten, eigentlich. Das haben sie aber vor sieben Jahren auch schon gemacht.

Das vierte Album der Bostoner Band ist dennoch durchaus zu empfehlen. Allenfalls kann man das lyrische und musikalische Konzept der Band langsam ausgelutscht finden, doch „Abandoned“ ist und bleibt einfach eine überdurchschnittlich gute Melodic Hardcore-Platte. Im Vergleich zum Vorgänger „Letters Home“ ist sogar eine Qualitätssteigerung festzustellen. Also: Defeater darf man noch lange nicht abschreiben!

Defeater Abandoned Cover

VÖ: 28.09.2015 / Epitaph Records
iTunes

Defeater spielen am 20.11. im Rahmen der Impericon Never Say Die! Tour im Z7 Pratteln.