Saybia am 19.12. im Plaza Zürich – Mit Kapitän Søren in den Untergang schunkeln

Es ist einer der Zürcher Abende, an denen man sich fragt, ob man alles richtig gemacht hat und ob man nicht am falschen Platz steht. Callejon aus Deutschland brüllen wohl gerade das Dynamo nieder. Und im Hallenstadion tanzt Florence zum Sound ihrer Machine – mit Tausenden von Leuten. Und hier, im Plaza, wirft der Zürcher Songwriter Rio Wolta Päckchen mit 100 Millilitern Eselsmilch ins Publikum. Drum herum: Pärchen, 30 aufwärts. Man selbst: allein – mit diesem T-Shirt, auf dem die Saybia-Zeile “I surrender myself into the arms of a beautiful stranger” steht.

Doch als dann Søren Huss die halbakustische Gitarre in die Hand nimmt und anfängt “Down, Down, Down” zu singen, weiss man: Es ist der richtige Ort. Es ist der erste Gig von Saybia in Zürich seit vier Jahren – und der letzte auf ihrer Tournee. Es ist zwar auch 13 Jahre nach dem ersten Album dieser traurige Rock, der kuschelig, verdammt traurig, verliebt aber nie schnulzig ist. Doch die melancholischen Dänen haben sich verändert. Jess Jensen am Klavier trägt keine langen Haare mehr – dafür eine Melone auf dem Kopf und einen Pornobalken unter der Nase. Der Drummer Palle Sørensen ist ergraut. Und Huss sieht nicht mehr nur aus wie der Leiter eines Jugendzentrums. Mit seinem Rauschebart hat er jetzt auch ein wenig was von einem Kapitän.

Das Plaza folgt seiner Navigation, schliesslich ist er ein erfahrener Steuermann. Gleich in den ersten Minuten nimmt Huss das ausverkaufte Haus mit auf eine Fahrt durch die dänischen Nebel. Das verzweifelte “In Spite Of” vom ersten Album legt gleich die Stimmung für diesen Abend fest. So müsste es sich anfühlen, wenn ein Dampfer vor der dänischen Küste sinkt und die Band an Bord im Wissen um das Unausweichliche zum letzten Tanz bittet. Es ist kein Tango de la Muerte. Eher eine zärtlich Rumba, ein Blues, zu dem da das Plaza und Sänger Huss mit seiner Gitarre schunkeln – gerade so als hielte er eine Frau in seinen Armen.

Der Sound ist grandios abgemischt: Huss kann seine warme Stimme voll entfalten.  Und auch die Mischung zwischen trauriger Musik und unterhaltsamen Zwischenstatements (“Nice to be back in Austria!”) der Band stimmt. Egal, welche Scheibe man am liebsten mag: Die Setlist reicht von alten Hits wie “Bend the Rules” bis zum Titeltrack des diesjährigen Albums “No Sound from the Outside” – die erste Scheibe seit acht Jahren.

So lange – fast genau auf den Tag – ist es auch her, dass Huss’ Frau bei einem Autounfall ums Leben kam und die damals zweijährige Tochter schwer verletzt wurde.

Saybia singen von Leiden, von Unsicherheit, von Trübsal und Verzweiflung – aber zwischen den Zeilen und zwischen Bühne und Bar im Plaza merkt man: die Weisheit, dass dies alles zum Leben gehört, schwingt immer mit, und damit eine irgendwie doch noch positive Haltung.

Über zwei Zugaben hinweg wird es dann nochmal rockiger. Und als dass Schiff vor der dänischen Küste schon fast ganz im Wasser verschwunden ist, weiss man: Man wird wenigstens doch mit einem Lächeln untergehen. Ein Untergang mit einer “Brilliant Sky all over”. Und Käpt’n Søren Huss singt mit geschlossenen Augen: “I found peace in my heart  with what I leave behind”.