Album Review: Deftones – Gore

Ein weiteres Deftones Album steht in den Läden und wieder kann man sagen: Das klingt wie Deftones, unverkennbar trotz der kleinen Verschiebungen im Sound. Auch „Gore“ lässt metallische Gitarren auf himmlisch-luftige Gesangsmelodien prallen, nur wird dieser Gegensatz heuer mehr strapaziert denn je.

Ihre eigene, artistische Interpretation des klassischen Gut-Böse-Spiels verfolgt das Quintett aus Sacramento, Kalifornien, seit ihrem Klassiker „White Pony“ aus dem Jahre 2000. Auf den dazwischenliegenden Alben wurde mal mehr Shoegazing („Saturday Night Wrist“ 2006), mal mehr Riffs („Deftones“ 2003; „Diamond Eyes“ 2010) oder mehr Dream Pop („Koi No Yokan“ 2012) eingespritzt, ohne zu fest an ihrer typischen Formel zu rütteln. Bei „Gore“ ist eine zweifache und etwas widersprüchliche Verschiebung  der Konstanten zu beobachten: Das Songwriting ist im Gerüst ruhiger und zurückhaltender ausgefallen, während die Produktion ein gutes Stück rauer als zuvor ist.

Vor allem die Gitarren schrauben sich oft erbarmungslos durch die Hörgänge. Das mal djentige, mal thrashige, dann wieder melodische Riffing in „Doomed User“ sei hier als Paradebeispiel angeführt. Auch an anderen Stellen bahnt sich die runtergestummene, gefühlt 15-saitige Axt wieder ihren Weg in den Vordergrund als leide sie an Aufmerksamkeitsstörung. Der Wow-Effekt ist dann sicherlich da, doch Bass, Schlagzeug und die elektronischen Elemente, die gerade auf „Koi No Yokan“ so eine schöne, träumerische Atmosphäre geschafft haben, werden von diesem gitarrenlastigen Mixing zu fest an den Rand gedrückt. Die Produktion ist rauer, das Mixing kennt nur das Wort „Gitarre“ und das Mastering wurde anscheinend komplett vergessen, denn manchmal muss man innerhalb eines Songs mehrmals den Lautstärke-Pegel neu justieren.

Das scheint jetzt alles sehr negativ, und ja, der Klang der neuen Songs lässt zumindest bei mir einiges zu wünschen übrig. Doch natürlich wissen die Deftones immer noch, wie man gute Songs schreibt. Die Vorab-Single (und Opener) „Prayers/Triangles“ wusste schon früh zu überzeugen und wie der Titeltrack „Gore“ im Refrain explodiert ist einfach nur noch fett. Mit „Rubicon“ findet man am Ende des Albums noch einen würdigen Rausschmeisser, der ebenfalls zu den Highlights der Platte gehört. Dazwischen gibt es viele gute Songs, die mit mehr Finesse sehr gut hätten sein können, aber trotzdem Spass machen. Nur ein Lied auf dem Album treibt mich in den Wahnsinn: „Phantom Bride“. Die Strophen schweben, der Refrain fliegt, der schönste Song der Platte. Dann kommt im C-Part Jerry Cantrell (Alice In Chains) mit einem unterirdischen 80er-Jahre Windmaschine-im-Haar Solo. Vielen Dank.

Wem die letzten paar Deftones-Platten gefallen haben, der sollte eigentlich auf „Gore“ einiges nach seinem Geschmack finden, denn das Songwriting ist immer noch ähnlich. Es hat sich jedoch eine Kluft aufgetan: Die Grundstimmung und der Gesang sind nochmals ruhiger geworden, die Gitarren jedoch zum Teil heftiger und vor allem einfach lauter. Für mich persönlich resultiert daraus eines der weniger guten Deftones-Alben, ich würde die Platte aber nichtsdestotrotz empfehlen.

deftones-goreVÖ: 08.04.2016 / Reprise Records

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