Montreux Jazz Festival 2016: Vintage Trouble im Interview

Ich muss schon sagen, ich fühlte mich ein klein wenig fehl am Platz, als ich so im edlen Backstage-Bereich des Auditorium Stravinski auf mein Interview mit Vintage Trouble wartete. Alle sprachen nur Französisch, neben mir ein top ausgerüstetes Kamerateam, welches kein Wort mit mir wechselte (gut, mit meinen Französischkenntnissen war ich da auch ein bisschen froh drüber…). Und dann war da eben ich, nicht gerade in Höchstform nach dem vorherigen Abend, mit meinem iPhone als äusserst professionelles Aufnahmegerät und meinen Fragen, die ich in mein kleines grünes Ikea-Blöcklein geschrieben hatte. Aber liebe Leute, einmal in der Künstlerlounge bei der Band angekommen lief dann alles wie am Schnürchen – Skills halt! Wie gut ich mich genau geschlagen hab’ jetzt aber hier:

Hallo Leute. Schon mal vielen Dank fürs Interview! Ich hab mir Euer neues Album 1 Hopeful Road schon einige Male angehört und da ist mir aufgefallen, dass es sehr viele Balladen drauf hat. Hat das einen Grund, reflektiert das ein traumatisches Erlebnis oder eine spezifische Phase in Eurem Leben?

Richard: Eigentlich war das ja nicht so gedacht, aber wie’s halt so läuft, wurde die Auswahl an circa 30 Songs, die wir hatten, beim Aufnehmen immer kleiner und kleiner und wir blieben übrig mit was dann den besten „Flow“ hatte.

Ty: Also wenn wir jetzt mal ganz ganz ehrlich sind, ist die simple Antwort, dass wir die Balladen einfach per Zufall besser aufgenommen haben. Deshalb passierte das dann einfach so. Das ist wahrscheinlich das allererste Mal, dass wir komplett ehrlich auf diese Frage antworten (lacht). Wir haben auch schon so Quatsch erzählt wie „Oh ja, wir fühlten uns sehr nachdenklich und romantisch“.

Rick: Genau, und noch ehrlicher ist, dass wir nur 15 Tage hatten, um die Platte aufzunehmen. Wir waren eigentlich andauernd auf Tour – davor, danach und selbst während des Aufnahmeprozesses hatten wir Gigs. Also eigentlich ist die Platte einfach das Beste, was wir in den paar Tagen Studio herkriegten.

Ty, du bist ja eine richtige Rampensau auf der Bühne. Bist du auch so „off stage“?

Rick: Oh ja. Genau so wie er auf der Bühne ist, ist er auch sonst. Glaub mir!

Ty: Ich musste gerade erst an meine Kindheit denken, als ich ADHS und all das Zeug hatte. Also eigentlich bin ich ja einfach ein hyperaktives Kind, das nie erwachsen wurde. Ich bin nun mal einfach ein Adrenalin-Junkie. Ich liebe es, mich an und über meine persönlichen Grenzen zu bringen. Ich liebe es, zu schwitzen, mich zu fühlen als ob ich gleich umkippe und dann doch meine Atmung zu kontrollieren. Ich pushe mich immer so weit wie möglich. Wenn ich auf der Bühne beim Singen von Balladen weine, dann tu ich das, weil ich mich nicht bewegen kann. Für mich ist es so schön zu fühlen, wie ich gleichzeitig emotional und physisch meine Grenzen überschreite. Ich habe kein Interesse daran, rumzugammeln und mein Leben zu verschwenden. Ich will mein Leben in vollen Zügen leben – on stage und off stage – und hoffentlich auch noch nach was auch immer das, was wir jetzt machen, ist.

Ihr habt ja schon mit AC/DC, The Who und all diesen riesigen Namen getourt. Waren das die coolsten Musiker, die Ihr bis jetzt backstage kennengelernt habt oder waren es ganz andere?

Rick: Lenny Kravitz! Lenny Kravitz ist wirklich unglaublich cool – aber sie waren alle sehr cool!

Ty: Also ich würde sagen, die coolsten Leute, die wir getroffen haben, waren Slydigs – die Band, mit der wir gerade erst auf Tour waren. Ich meine, wir haben schon mit den Rolling Stones und all diesen Musikgrössen getourt, aber ich finde es so viel wichtiger, über Leute wie Lianne La Havas oder eben Bands wie Slydigs zu sprechen. Die Leute, die gerade auf ihrem Weg nach oben sind. Oder auch über uns, Vintage Trouble. Ich wünschte mir, mehr Leute, über die wir sprechen, würden auch mal über uns sprechen. Es ist so wichtig, einander zu unterstützen und Leute, die auf ihrem Weg hinauf sind, zu fördern.

Nalle: Ja, die Grossen sprechen nicht über uns…

Ty: Aber natürlich haben wir coole Backstage-Geschichten von den „Grossen“. Lenny Kravitz hat uns zum Beispiel mal gesagt, dass wir klingen, als könnten wir am Monterey Jazz Festival 1970 auftreten. Wir haben aber auch viele Fangeschichten, die genauso cool, wenn nicht fast noch aufregender, sind. Gestern zum Beispiel hat uns eine Frau ein Bild einer schwarzen und einer weissen Hand, die sich umfassen, geschenkt. Durch alles, was momentan in den Staaten zu diesem Thema abgeht, war das sehr berührend für uns.

Rick: Oh und auch sehr cool fand ich, wie Slydigs uns sagten, sie könnten nicht mit uns mitfeiern, weil unsere Partys so heftig sind. Das ist eine ehrliche Geschichte!

Richard: Ja genau, und ich meine… Wenn wir heftiger feiern als Slydigs, dann hat das was zu heissen!

Ihr seid natürlich sehr stark von der Soulmusik der 50er und 60er beeinflusst. Was liebt Ihr denn so sehr an dieser Musik-Ära?

Rick: Es scheint einfach so zeitlos. Ich meine, du kannst an einer Metal-Party sein und Aretha Franklin laufen lassen – und es funktioniert! Oder an einer Hip Hop-Party Ike and Tina Turner – und es funktioniert immer noch! Diese Ära hatte einfach das gewisse Etwas, wo die Künstler einander inspirierten um immer noch besser und grösser zu werden. Und das Ganze war auch überhaupt nicht angetrieben von Produzenten oder sonst was. Es war so „pur“. Ein wenig wie wenn man heute Shakespeare liest und sich begeistert fragt: „Wie kann jemand so schreiben?!“

Ty: Ausserdem war Musik auch so ziemlich der erste grossen Kommunikationskanal, der Schwarze und Weisse auf dieser Welt zusammengebracht hat. Und das passierte in dieser Zeit. Die Gesellschaft und die Politik, ja sogar die WCs waren getrennt – und dann kam Musik und brachte alles zusammen. Die Musik brachte auch Rhythm’n’Blues und Rock’n’Roll zusammen, Gospel und Folk, Tanzmusik und was auch immer das Gegenteil von Tanzmusik ist. In dieser Zeit musste niemand entscheiden, was für eine Art Künstler er/sie sein wollte. Waren Ike and Tina ein Rock’n’Roll oder ein Rhythm’n’Blues Act? – Wen interessiert’s! Waren die Rolling Stones ein Rhythm’n’Blues Act oder eine Rock’n’Roll Band? – Wen interessiert’s! Damals konntest du sein, was auch immer du sein wolltest und es war die Zeit, als Leute tanzten, die Zeit der grossen Musikkünstler, die Zeit der grossen Livemusik. Das ist es, was uns so inspiriert: Wir wollten sehen, ob wir unser Publikum auf die gleiche Art zum Tanzen bringen mit unserer Musik wie die Leute damals – nicht wie heute mit den ganzen DJs.

Wir Schweizer sind ja nicht wirklich bekannt dafür, unglaublich wild oder grosse Tänzer an Konzerten zu sein… Merkt Ihr, dass es ein wenig schwerer ist, das Publikum mitzureissen wenn Ihr hier in der Schweiz auftretet?

Ty: Oh, in dem Fall müssen wir uns auf was gefasst machen (lacht)!

Rick: Lass uns nochmal nach unserer Show darüber sprechen! Also wir werden uns definitiv Mühe geben.

Richard: Bisher hatten wir eigentlich sehr viel Glück. Es scheint, als ob die Leute wirklich loslassen wollen. Es braucht jeweils nur diesen einen Menschen im Publikum, der dann den Anderen rundherum den Anstoss gibt, auch loszulassen – das haben wir schon so oft gesehen. Und ich meine, Japaner sind auch nicht dafür bekannt, loszulassen. Aber bei unseren Gigs feiern die so hart wie jede andere Nation! Und falls das mal nicht passieren sollte, kommt Ty raus und treibt sie alle an!

Ty: Irgendwie find ich’s auch noch cool zu wissen, dass ein Publikum hart zu knacken ist. Wir machen uns die Dinge nicht gerne einfach, wir mögen die Herausforderung. An einem Jazz Festival wie diesem hat man wirklich starke Zuhörer, die musikalisch „smart“ sind. Diese werden dann eher weniger loslassen und wild werden, weil sie wahrscheinlich jedes Wort, jeden Beat und alles genau mitverfolgen. Wir hatten das erst gerade in Rotterdam. Aber auch da, nach ein paar Songs schafften wir es, dass sie sich von ihrem Kopf verabschiedeten und unserer Musik so zuhörten, wie wir das brauchen – inklusive dem Tanzen und dem Loslassen. Heute werden wir hoffentlich dasselbe erleben. Weißt du, eigentlich ist es viel erfüllender wenn dein Gig verhalten anfängt und du es dann schaffst, alle rumzukriegen. Wie könntest du dir sonst sicher sein, dass es nicht vielleicht die Vorband war, die das Publikum so begeistert hat (lacht)?

Also mich haben Vintage Trouble nur schon im Interview komplett begeistert – und es war dann wirklich so, dass – für Schweizer Verhältnisse – sehr viele der Zuschauer beim Konzert losliessen. Well done, guys!