FJØRT: Hätte unsere Musik Farben, wäre sie blau und dunkelgrün. Und schwarz.

Das Trio FJØRT aus Aachen gibt es noch nicht mal drei Jahre. Und schon gehen sie ab Ende Januar mit Funeral For A Friend auf Tour. Vorher spielen sie sich unter Anderem in Zürich (21.01.) und Solothurn (22.01.) warm. Ein bisschen Zeit konnten Bassist David und Sänger Chris zwischen Arbeit und Tournee-Proben freimachen. Im Interview sprachen sie über die Eleganz antiquierter Worte, den Zusammenhalt in der Szene und wie es kommt, dass Frohnaturen wie sie kalte Musik machen.

Hi! Woher kommt ihr eigentlich?
David: Aus Aachen.

Ich meine musikalisch. Für Hardcore würde sprechen: Drei der zehn Lieder auf der neuen Scheibe bleiben unter drei Minuten, Frank bearbeitet das Schlagzeug manchmal brutal schnell im Off-Beat. Dann gibt es wieder diese sphärischen, düsteren Passagen, die mal in Richtung Thrice gehen und dann diese powerpoppigen Melodien…
Chris: Es ist von allem was drin. Ich bin mit Hardcore groß geworden, aber eben auch mit Interpol und Incubus.

David: Als wir zusammenkamen war unsere Intention klar: Wir wollen melodisch-krachige Musik machen.

Wir habt ihr denn zueinander gefunden?
David: Wir haben alle in Bands im Umkreis von Aachen gespielt – ich auch mal mit Chris. Frank, den ich aus der Szene als Drummer in ‘ner schnellen Punkrock-Band kannte, kam auf ‘ne Show von einer Band von mir. Wir haben dann einfach mal zusammen geprobt und sofort entschieden, dass wir ne Platte machen wollten.

Einmal proben und dann ein Album planen?
David: Eine EP zumindest. Das Lied „Demontage“ haben wir auf unserer ersten Probe geschrieben.

Das ist auch der Opener für das gleichnamige Album von 2012. Das begann noch so, dass man wusste: hier kommt was, das im weiteren Sinne Hardcore ist. „D’Accord“ zwei Jahre später beginnt schon etwas epischer, dunkler. Was ist in den zwei Jahren passiert?
David: Auf Demontage gibt es ja auch ruhigere Lieder. „Glasgesicht“ zum Beispiel oder der letzte Song „Kleinaufklein“. Das ging schon in die Arbeit für das Album „D’Accord“ über.

Chris: Am Anfang haben wir in kürzester Zeit sechs Songs rausgehauen. Für das Album „D’Accord“ haben wir uns hingesetzt und mit mehr Ruhe unsere Songs geschrieben. Dann versucht man vielleicht auch was Anderes. Es wird ja langweilig, wenn man sich wiederholt.

‘Jetzt kommt irgendwas Anderes’, dachte ich auch, bevor ich „Valhalla“ das erste Mal aufgedreht habe – vielleicht was Nordisches, vielleicht ein bisschen Mittelalterrock mit Schalmeien oder Pagan-Metal… Ich meine: „Valhalla“, „Fjort“… Welche Verbindung zum Norden habt ihr?
Chris: Wir waren da mal in ‘nem Combi. (lacht) Wir alle würden tatsächlich eher Urlaub in Norwegen machen als in der Sonne.

Aachen ist jetzt nicht weit weg von Köln. Rheinländer sind doch eher dafür bekannt, wärmer als kälter zu sein.
David (in übertriebenem Dialekt): Klar, wir sind Kölsche Jungs, wir sind Frohnaturen!

Chris: Das Musikalische und den persönlichen Charakter muss man schon unterscheiden. Unser Sound klingt einfach sehr roh. Textlich hat das auch nichts mit ‘ner Ballermann-Party zu tun. Wir benennen Dinge, die kalt sind, die uns auf den Sack gehen.

David: Daher auch unser Bandname. Unser Drummer Frank hat auf der ersten Probe gesagt, was wir machten, klinge wie ein norwegischer Fjord: kalt, weit, nach Natur. Das „D“ am Ende war aber zu rund, hat nicht unsere Kantigkeit getroffen. Deshalb nannten wir uns Fjort mit „T“.

Chris: Hätte unsere Musik Farben, wäre sie wahrscheinlich blau und dunkelgrün. Und schwarz.

Ihr habt es nicht nur mit Kälte, sondern offenbar auch mit – ich würde sagen – antiquierten Worten: „Widerpart“, „Gescholten“ oder „Glasgesicht“, so könnten Lieder der deutschen Gothic-Band „Zeraphine“ heißen. Wortfolgen oder Zeilen wie beispielsweise „der Tränke Nebel“ klingen auch nicht grade modern.
Chris: Diese Phrasen, diese etwas älteren, antiquierten Begriffe haben eine Eleganz. Das hat einen ganz eigenen Charme.

David: Es ist wahnsinnig schön, auf Deutsch zu schreiben, weil man so ambivalent schreiben kann. Man kann so viel so schön ausdrücken, wo sich der ein oder andere wiederfindet. Das ist der Grund, warum unsere Texte auf Deutsch sind. Und weil wir schlecht in Englisch waren. (lacht)

Wer schreibt denn die Texte bei euch?
Chris: Die meisten ich. Ein paar sind auch von David. Wir setzen uns aber auch gerne alle zusammen.

Warum hat es eigentlich so lange gebraucht, bis die härtere deutschsprachige Musik aus den Puschen kommt? „Escapado“ hatten ja schon Anfang der Nullerjahre die Basis für deutschen Screamo geschaffen.
David: Ja, „Escapado“ oder auch die Hardcoreband „Kurhaus“ aus Hamburg haben Grundsteine gelegt. Wir sind damals auch zu ihren Konzerten gepilgert. Die Mucke war damals genauso gut, die Leute waren nur noch nicht bereit. Heute sind mehr Leute offener für weniger geradlinige Musik. Kleinere Bands, die ganz neuen Sound ausprobieren oder auch wir, haben durch Mundpropaganda und das Internet jetzt eine Chance.

Es gibt ein paar Bands jetzt, die grob in eine ähnliche Richtung wie ihr gehen. Was ist das für eine Szene überhaupt, die schreit, ihre Instrumente wie im Grunge verzerrt und dann wieder mit so viel Hall in entfernten Sphären dahinwabert?
Chris: Ich denk, dass wir mit eineinhalb Füßen im Hardcore drin stehen.

David: Für mich hat das noch denselben Drive wie „Hot Water Musik“. Wir machen atmosphärischen Posthardcore.

„Heisskalt“ covern euch auf Konzerten. Ist der Zusammenhalt in der überschaubaren Szene so stark, oder seid ihr einfach befreundet?
Chris: Das ist einfach in den allermeisten Fällen so: Auf Konzerten triffst du coole Leute, spielst mit anderen Bands zusammen. Mit „Heisskalt“ hatten wir einen lustigen Abend und sind in Kontakt geblieben. So entstehen solche Sachen.

David: Es ist echt eine Ehre, von „Heisskalt“ gecovert zu werden!

Ihr tourt jetzt mit Funeral For A Friend – das ist doch auch eine große Ehre. Schließlich haben sie die Hymnen für Emo-Kids geschrieben. Welchen Bezug habt ihr zu der Band?
David: Ich hatte einmal eine Band, mit der wir versucht haben, Funeral for A Friend exakt zu kopieren. Durch sie habe ich überhaupt angefangen Gitarre zu spielen. Mit Fjort haben wir einmal als ihre Vorband in Aachen gespielt. Wir hatten echt einen tollen Abend mit den Jungs. Als es hieß, wir könnten eine ganze Tour mitspielen, wollte ich die Mail sehen, weil ich es nicht geglaubt habe.

Chris: Das ist echt Wahnsinn. Uns gibt es noch nicht mal drei Jahre.

David: Mit Turbostaat durften wir auch schon auf die Bühne. Das sind unsere Jugendhelden. Für uns ist das so krass, weil das unsere Wurzeln sind. Und dann kommen Funeral For A Friend und bekommen keine Vorband vom Management aufgebrummt, sondern fragen uns….

Ihr lauft euch für die Tour jetzt schon warm – unter anderem mit Konzerten in der Schweiz. Habt ihr hier schon mal gespielt?
David: Ja, als Support meiner damaligen Band in Winterthur, Zürich, Bern und Thun. Wir werden diesmal auf jeden Fall wieder eine große Flasche Appenzeller trinken.

FJØRT in der Schweiz:
21.01.2015 Hafenkneipe, Zürich
22.01.2015 Kofmehl, Solothurn