14.-16.6.2018 – Viel Liebe und Freude am B-Sides Festival

Gehst du heuer an ein grosses Openair? Dann freust du dich bestimmt auf zehn Bands, die du gut kennst und schon mehrmals gesehen hast. Und hoffst, nebenbei vielleicht noch eine oder zwei Neuentdeckungen zu machen (obwohl dir bewusst ist, dass die Chance darauf klein ist)? Warst du heuer am B-Sides? Dort hast du dich bestimmt auf eine oder zwei Bands gefreut, von denen du schon gehört hast, hast aber dafür garantiert zehn Neuentdeckungen gemacht!

Natürlich überteibt diese Einleitung bewusst, entbehrt aber nicht jeglicher Grundlage. Es ist offensichtlich, dass die grossen Freilichtveranstaltungen auch auf dementsprechend grosse Namen setzen müssen, um bestehen zu können. Und es ist genauso offensichtlich, dass es davon nicht genügend gibt, um über mehrere Jahre Abwechslung zu bieten. Gut, gibt es kleine Festivals, die sich im Gegensatz zu den grossen einen Namen gemacht haben, noch weitgehend unbekannte MusikerInnen auf die Bühnen zu bringen, die dennoch fast alle überzeugen. Zu diesen wenigen Perlen in der Schweizer Openairlandschaft gehört das B-Sides auf dem Sonnenberg ob Kriens. Ja, schon der Name des Berges verheisst Gutes und tatsächlich blieb die diesjährige Ausgabe von jeglichem Regen verschont.

Noch mehr Freude als das Wetter und das äusserst aufwendig und liebevoll dekorierte Gelände bereitete den insgesamt 4500 BesucherInnen aber die vielfältige Musik, die das B-Sides-Team auch heuer in die Zentralschweiz geholt hat. Das Programm schaffte einen hervorragenden Spagat zwischen vielen unglaublich guten Schweizer KünstlerInnen (ungefähr 70% des gesamten Programms) und Musik aus aller Welt, die das Publikum gedanklich tausende Kilometer weit weg fliegen liess – und das ohne jeglichen Kerosinverbrauch. Zur letzteren Kategorie gehörte beispielsweise Ammar 808 & The Maghreb United. Die Musiker aus Tunesien, Algerien und Marokko brachten für ihren ersten Auftritt in der Schweiz einen noch nie gehörten Mix aus nordafrikanischen Klängen und elektronischen Beats mit. Tanzbar! Manchmal ähnlich tanzbar, dann aber plötzlich mit einem rockigen Gitarrensolo oder aus dem Nichts mit einem packenden Rap-Part, mit diesem Mix überraschte Ikan Hyu. Wow! Einen Mix nach ganz anderem Rezept präsentierte Siselabonga mit Musikern aus der Schweiz, dem Senegal und Italien. Wie hier traditioneller afrikanischer Gesang und die Kora mit europäischer Musiktradition verfloss, war einfach ein Genuss! Ganz und gar regionale Musik präsentierte der Luzerner Singer-Songwriter Long Tall Jefferson (Bild), der am B-Sides zum allerersten Mal mit einer ganzen Band auftrat, was genau jene Akzente zu setzen vermochte, die ihm bei Soloauftritten manchmal ein wenig gefehlt hatten. Genügend Akzente, vielleicht gar im Übermass, gab es beim Orchestre Tout Puissant Marchel Duchamp XXL. Bei solchen in dieser Art noch kaum je gesehenen Arrangements den Überblick zu behalten, war gar nicht mal so einfach (zumal es ja auch noch galt, ein feines Einsiedler Dinkelbier in der Hand zu halten). Es lohnte sich aber allemal, denn was es da zu entdecken gab, war einfach fantastisch.

Und dann gab es gleich mehrere Bands, die mit deutlich einfacherem aber nicht weniger interessantem Songwriting zum Abtauchen einluden, was besonders schön gelang mit dem Londoner Duo Tomaga, den beiden mal punkigen, mal jazzigen aber immer intensiven Frauen von Ester Poly, den häufig sphärischen Warm Graves und den teilweise sehr poppigen, dann wieder synthi-rockigen Bombers. Aber das B-Sides wäre nicht das B-Sides, wenn dann kurz vor Schluss nicht auch noch zwei weitere, zuvor leicht vermisste Genres abgedeckt würden: Der Rapper Romano reiste aus Berlin-Köpenick mit blonden Zöpfchen, vor allem aber mit fetten Beats und erfrischenden Rhymes an. Und dann stand bei Viruuunga auch noch eine klassische Gitarre-Schlagzeug-Bass-Besetzung auf der Bühne, was zusammen einen hypnotischen Sound und einen wunderbaren Abschluss der drei in jeglicher Hinsicht harmonischen Tage auf dem Sonnenberg ergab.