Neuland: Ein Tag am Trucker & Country-Festival Interlaken

Fünfundzwanzig Jahre Trucker & Country-Festival Interlaken! Eigentlich nicht unbedingt mein Metier; zu Hause laufen in letzter Zeit aber öfters ein paar auserwählte Country-Songs rauf und runter. Also wollten ich und meine bessere Hälfte das auch mal live und hautnah erleben und machten uns am Samstag, 23. Juni auf nach Interlaken. Als kleiner Bengel war ich zwar angeblich schon mal hier, zum Lastwagen gucken halt. Aber daran kann ich mich nicht wirklich erinnern. Ausser an die Hitze, und die hat sich nicht verändert.

Nach staureicher Anfahrt entlang des türkisblauen Thunersees öffnet sich vor uns das Flughafengelände in Interlaken, das einmal mehr zum Festival umfunktioniert wurde. Automatisch wird das schöne Fest hier gelegentlich mal mit dem uns bekannten Greenfield verglichen, das jeweils genau an derselben Stelle stattfindet, nur halt zwei Wochen früher im Jahr. Hie und da stand sogar derselbe Foodtruck, dasselbe Festzelt und dieselbe Bar noch am selben Fleck.

Es wirkt also alles eigenartig vertraut, wären da nicht die zahllosen Ü40er mit ihren Kinderwagen, Harley-Davidson-Bomberjacken, Indianer-T-Shirts, Leder-Gilets mit Sheriff-Stern und obligatem Cowboy-Hut auf dem Kopf, an dem vielleicht sogar noch ein kleiner Traumfänger baumelt. Gemütlich reiht man sich in eine Gruppe vor eine der fünf Bühnen auf dem Gelände und tanzt gemeinsam zu Country, Rock’n’Roll, Bluegrass oder Popmusik. Und zwar nicht jeder wie er will, sondern im streng choreografierten Linedance. Wer’s nicht kennt: Linedance ist eine Art Volkstanz amerikanischen Ursprungs, der üblicherweise zu dieser Mukke getanzt wird. Der Vorteil: Die schweizerische Schüchternheit wird hier mit klaren Abläufen und Schritten geschickt hintergangen. Der Nachteil, wenn’s denn einer ist: ob die Musik nun ab Band kommt oder ob da eine Band auf der Bühne steht, scheint eher zweitrangig. Solange ein einigermassen hörbarer 2- oder 4/4 Takt zwischen alkoholträchtigen Tischgeprächen zu erkennen ist, wird das Tanzbein geschwungen.

Somit zum für uns wichtigsten Teil an einem Festival: die Musik. Auf den bereits erwähnten fünf Bühnen, die sich geschickt auf das ganze Gelände verteilen, spielen ununterbrochen Bands aus dem In- und Ausland. Die fünf kleineren Bühnen waren leider soundtechnisch nicht besonders gut ausgestattet: allesamt viel zu kleine oder schlicht zu schlechte Soundanlagen. Somit war das Hörerlebnis eher bescheiden. Egal wie gut der Song, der Text, der Drummer oder der Geiger ist, wenn du nichts hörst, weil es einfach zu leise ist oder wenn es im Gehörgang schmerzt, weil aus den Boxen nur die Höhen krächzen, macht’s leider keinen Spass. Somit haben wir leider selten mehr als zwei Songs einer Band gehört. Als um 19:00 Uhr dann das grosse Zelt mit grosser Bühne seine Blachen öffnete, kamen wir aber doch noch in den Genuss einer richtigen Show: die Band Mustang Sally aus Nashville US stand auf der Bühne. Zwar wurden hier fast nur Covers gespielt, kreuz und quer durch die Country-, Rock- und Popgeschichte, aber diese Band ist echt beeindruckend! So manches Original, unter anderem Tina Turner oder Michael Jackson, wurde von Sängerin Tobi Lee komplett in den Schatten gestellt. Und wenn der Bassist beim Intro von “Billie Jean” während dem Spielen noch den perfekten Moonwalk hinlegt, kann ich mir auch nicht mehr helfen.

Da schienen die grossen Bellamy Brothers, die gleich im Anschluss übernahmen, wie fades Hahnenwasser. Aber vielleicht ist das auch eher die Musik unserer Eltern. Carlene Carter, Tochter von June Cash und somit Stieftochter von Johnny Cash himself, liessen wir ganz sausen. Die Grande Dame der internationalen Coun­tryszene ist quasi Stammgast in Interlaken, sie reiste bereits zum neunten Mal an. Nach fast 20 km umhertigern auf heissem Asphalt konnten wir kaum noch gehen und verzogen uns mit einem kühlen Bierchen zu unserem Schlafplatz.

Fazit: Eine familiäre Veranstaltung, die eher die Atmosphäre eines grossen Dorffestes versprüt, als die eines internationalen Festivals. Hier geht es um Lastwagen, Motorräder, Fleisch, Bier und den American Lifestyle. Und was wäre das alles ohne Musik?