Album Review: Foxing – Nearer My God

“I want it all” – diesen simplen Wunsch äussert Sänger Conor Murphy im Titeltrack des neuen Werks von Foxing. Im Kollektiv formuliert lässt sich damit auch die stilistische Bandbreite des Albums umschreiben. Foxing wollen alles, sowohl einen Teil vom (Pop-)Kuchen als auch sich selbst treu bleiben. Und konsequenterweise zeigen sich dem Zuhörer so zwei Seiten: “Nearer My God” ist eine heterogene, aufgeblasene Ansammlung sich teilweise konkurrierender Ideen – und das spannendste Album, das die Band bis jetzt geschrieben hat.

Die amerikanische Indie-Band hat 2013 mit “The Albatross” und 2015 mit “Dealer” die Emo-Nische ordentlich aufgemischt und sich schnell einen Namen gemacht. Es wurden Verträge mit den Szenelabels Count Your Lucky Stars und Triple Crown ausgehandelt und fleissig mit Bands aus der entsprechenden Ecke getourt (u.a. The Hotelier, Modern Baseball, TWIABP und auch Brand New). Schon bei den ersten Klängen des neuen Werks “Nearer My God” wird erkennbar, dass diese Glasdecke für Foxing wohl zu niedrig wurde. Man wird im Verlaufe des Albums den Eindruck nicht los, dass sie sich von den Genre-Konventionen und schlussendlich auch von den oben aufgeführten Assoziationen endgültig und bewusst lösen wollten. In vielerlei Hinsicht ist ihnen das sicherlich gelungen. Mit klassischem Emorock hat die Musik, abgesehen von ein paar Momenten und des oft gequälten Gesanges von Murphy, nicht mehr viel zu tun.

Das beginnt schon beim Opener “Grand Paradise”, der wirklich gross klingt und sich immer mehr ins euphorische Pop-Paradies hochschaukelt. Es folgen noch elf weitere Songs, die insgesamt auf fast eine Stunde Spielzeit kommen, und oft ebenso zur grossen Geste ansetzen. Mit Zusatzinstrumenten und Effekten, die sich zur klassischen Rockbesetzung gesellen, wird nicht gegeizt. Es wird mit Synthies, Drummaschinen, Pianos, Stimmverzerrern und anderen Extras nur so um sich geworfen auch Dudelsack und Akkordeon sind zu hören. Zusammen mit den doch sehr divergierenden Einflüssen kommt durchaus das Gefühl auf, es wurde einfach mal alles ausprobiert, um zu sehen, was vielleicht funktionieren kann. So erinnert der ultraeingängige Titeltrack mit seinem pathetischen Pomp zuweilen an Coldplay, während sich “Gameshark” um eine repetierte Bassline in Ekstase dreht und dabei wie eine wütende(re) Version von Bloc Party oder Foals klingt. “Crown Candy” bedient sich dagegen eher psychedelischem Pop und dem über neunminütigen “Five Cups” liegen wohl verstaubte Baupläne eines nie zu Ende gebrachten Sigur Rós-Songs zugrunde.

Was das Album aber trotzdem zu einem positiven Ausrufezeichen in der Indie-Rock-Landschaft anno 2018 macht, ist nicht nur die Abwechslung oder die Unvorhersehbarkeit, die natürlich Hand in Hand mit den erwähnten Stilsprüngen gehen. Der Punkt ist, dass es die Band auf artistischer Ebene tatsächlich geschafft hat, die im Eröffnungsabsatz erwähnten konkurrierenden  Stossrichtungen ‘Erfolgswille’ und ‘Experimentierfreudigkeit’ unter einen Hut zu bringen. Natürlich sind viele Melodien und auch Entscheide auf Produktionsebene auf Eingängigkeit getrimmt und auf Hochglanz poliert, doch Foxing schaffen es, dabei nicht anbiedernd zu wirken. Im Gegenteil, oft scheinen sie einen klassischen, stringenten ‘Hit’ aktiv umgehen zu wollen, wie bei “Heartbeats”, das zwar immernoch prima in die nächste ‘Hottest-New-Pop’-Playlist passt, aber mit dem orchestralen C-Part ebenfalls nicht den Weg des geringsten Widerstands beschreitet.

Genau dieser Wille, sich nicht mit dem Nächstbesten zufrieden zu geben, sondern sich aus seiner Komfortzone zu bewegen, ist auf “Nearer My God” deutlich zu spüren. Und das ist schon mehr als mich viele andere Alben spüren lassen. Dass dabei nicht alles funktioniert, sei ihnen verziehen. Denn auch wenn es als Gesamtwerk für meinen Geschmack etwas gar inkohärent ist und die Band kompositorisch (noch) nicht zur Premiumklasse der Rockbands gehört: Lieber ein frisches Album mit einigen Facepalms, als ein weiteres Geplänkel, bei dem einem das Gesicht einschläft.

VÖ: 10.08.2018 / Triple Crown Records