Album Review: Halestorm – “Vicious”

Die US-amerikanische Rockband Halestorm existiert bereits seit rund 20 Jahren. Ihr Hobby: EP’s veröffentlichen – neun Stück bis heute. Mit “Vicious” hat die Band nun ihre vierte LP herausgegeben. Vor allem in Übersee sind Halestorm immer wieder in den Charts anzutreffen und räumten im Jahr 2013 sogar einen Grammy ab. Bevor es mit Headliner-Tourneen losging, waren sie mit Bands wie Disturbed und Papa Roach unterwegs, oder spielten im Vorprogramm von Shinedown. Fakten, Fakten, Fakten und trotzdem hatte ich bis auf das bekannte „Den Namen habe ich schon mal gehört“ keine Ahnung. Schockiert über meine Unwissenheit, aber besser spät als nie, kam ich doch noch in den Genuss ihrer Musik. Gerne gebe ich meine jungfräulichen Gedanken zum neuen Halestorm-Album an euch weiter.

Bereits nach den ersten Klängen bin ich von Lzzy Hale’s unglaublicher Rockröhre beeindruckt. Nur selten habe ich eine derart ausdrucksstarke und vielseitige Stimme zu hören bekommen. Einige Melodien und ihre Energie wecken Erinnerungen an grosse Sängerinnen wie beispielsweise Skin von Skunk Anansie, oder Sandra Nasic von den Guano Apes. Irgendwo zwischen Southern-Rock und stadiontauglichem Hard-Rock, findet man in Songs wie “Skulls”, oder dem Titelsong “Vicious” auch alternative Töne. Groovige Beats, fette Gitarrenriffs und eingängige Refrains im Kid Rock-Stil sind keine Mangelware und an den richtigen Stellen finden die virtuosen Solos von Gitarrist Joe Hottinger ihren wohlverdienten Raum. Mit “Heart of Novocaine” und dem Schluss-Song “The Silence” sind gleich zwei Balladen am Start, die schon fast vor Kitsch triefen. Auch die mächtige Hymne “Killing Ourselfs To Live” trägt ganz schön dick auf. Sehr viel Drama für ein einzelnes Album. Typisch amerikanisch wurde auch bei der Produktion geklotzt und nicht gekleckert.

Technisch gibt es nichts zu bemängeln. Die Stimme von Lzzy ist schlicht unglaublich und auch instrumental sind hier zweifellos Profis am Werk. Diverse Songs nehmen überraschende Wendungen, vor allem die Strophen sind kreativ und abwechslungsreich. Die Erfahrung und das Selbstbewusstsein der Band ist durchgehend spürbar. In der Theorie ist also alles da, was ein überragendes Rock-Album ausmacht und dennoch packt es mich nicht so wie es sollte.

Wäre “Vicious” ein Film, dann würde man ihn wahrscheinlich als effektvollen Hollywood Blockbuster betiteln. Das hat durchaus seinen Reiz und spricht ein grosses Publikum an. Es sind aber fast immer die Independent-Filme, die mir persönlich in Erinnerung bleiben. Vielleicht sind die vielen, eingängigen Mitsing-Refrains etwas zu nah an meiner Mainstream Schmerzgrenze. Aber was heisst schon Mainstream? Es steckt mehr als genug Rock’n’Roll in den Songs und Talent in den Musikern, um an der Tanke stereotype Nemo-Hörer zu verschrecken. Damit ich auch weiterhin diesem Hobby frönen kann, bleibt „Vicious“ dort, wo es am besten hinpasst – in meiner „On the Road-Playlist“.

Vö: 27.07.2018 / Atlantic Records
1. Black Vultures
2. Skulls
3. Uncomfortable
4. Buzz
5. Do Not Disturb
6. Conflicted
7. Killing Ourselfs To Live
8. Heart Of Novocaine
9. Painkiller
10. White Dress
11. Vicious
12. The Silence

Auf ihrer aktuellen Tour macht die Band auch Halt in der Schweiz. Am 20.10.2018 im Les Docks in Lausanne und am 21.10.2018 im Dynamo in Zürich.

Im Song “Uncomfortable” komprimieren Halestorm das Beste aus “Vicious” auf rund vier Minuten. Ein Meisterwerk in Sachen Songwriting und deshalb mein Anspieltipp für euch.