17.10.2018 – So waren Three Days Grace im X-Tra

Es gibt Konzertankündigungen, bei denen einem plötzlich wieder Namen an den Kopf fliegen, die man über Jahre vergessen hat, die man teils bewusst nicht mehr verfolgt hat. Für mich ist Three Days Grace ein solcher Fall. Kurze Phase in der Jugend und dann ändern sich die Ansprüche an die Musik. Ich gab, nach ersten Zweifeln, dieser Band noch eine Chance. Die Erinnerungen und der Drive dieser Band, die sich irgendwo zwischen Nickelback und Breaking Benjamin bewegt, trieben mich am 17. Oktober ins X-Tra in Zürich.

Ein Bier an der Bar und schon ist mir klar: auf dieser Tour spielen Amerikaner. So krass tun und trotzdem irgendwie soft sein, das kann nur die amerikanische Showindustrie und Gölä. Bad Wolves, gegründet im vergangenen Jahr aus Musikern von verschiedenen bekannteren und weniger bekannten amerikanischen Metalbands, machen den Anfang. Sie sind heavy mit ihren Nu-Metal-Breaks und trotzdem kreist in meinem Kopf das Wort „Pop, Pop, Pop“ umher. Die Musik erinnert mich sehr an FFDP und ich frage mich, ob ich diese Band im Alter von 17 Jahren gehört hätte oder nicht. Stimmung machen sie und das gut gefüllte X-Tra beweist, dass ich nicht der einzige bin, der Three Days Grace noch nicht ganz abgeschrieben hat.

Ein anständiger Bühennaufbau gehört natürlich zu einer Rockband aus Amerika, wobei man differenzieren muss, dass Three Days Grace Kanadier sind. Dieses Land hat ein paar Bands in den 2000ern hervorgebracht, die den Begriff Rock noch eine Runde mehr durch den Verzerrer gedrückt haben. Groovige Riffs und Emofritten, das gehört zu dieser Band, die nach Bon Jovis „Living on a Prayer“ auf die Bühne getrottet kommt. Ganz witzig find ich dabei die Outfits der alt gewordenen Emo-Rockern. Fashionmässige Abgefuckedness, die blitzblank glänzt. Sie hauen einen unspektakulären Song vom neuen Album in die Saiten und danach geht es ab. Ein legendärer Track nach dem anderen von den ersten drei Alben. “Home”, “World so Cold”, “Just Like You”, “Break”. All diese geilen Mitsingtracks, ja ich geb’s zu, sie haben mich voll reingezogen. Es ist geil, wie simple Riffs und Texte mit einzelnen Schlagwörtern einfach aus dem Nichts wieder im Gedächtnis auftauchen. Gesprungen und geheadbangt wird ab dem zweiten Track. Wobei man einfach sagen muss, dass Three Days Grace im Schnitt 10 BPM zu langsam sind um wirklich mitspringen zu können. Auch Moshpit gibt es so manchen und das wäre grundsätzlich geil. Was fehlt ist Schalldruck. Ich hab das Gefühl, die neuen Schallverordnungen sind schon in Kraft. „E bitzli knalle muss es ebe scho“. Es erstaunt mich dabei extrem, dass über den Cymbals vom Drumset nicht mal Mics hängen. Das verstehe ich in kleineren Lokalen wie dem Ebrietas oder dem Planet 5, aber im X-Tra keine saubere Drumabnahme, das ist verwunderlich. Wahrscheinlich will man gezielt nicht alles überdecken. Gitarrenverstärker gibt es ja bei grösseren Bands auch immer seltener auf der Bühne. So fehlen solche auch auf der Bühne von Three Days Grace. Dafür ist der Sound an sich sonst sehr rein und anständig abgemischt.

Ich habe das Gefühl, dass ich nicht der einzige bin, der wegen Hymnen wie “The Good Life” und “Pain” von seinen pubertären Jahren eingeholt wird. Die alten Alben von Three Days Grace haben, trotz ihrer Einfachheit, einiges bewegt und tun dies scheinbar heute noch. An diesem Abend wird mir klar, dass es nicht in jedem Lied eine sozialkritische Abhandlung über Klassenkämpfe oder sonst was braucht. Es tut gut, zu jedem zweiten Lied über gescheiterte Jugendbeziehungen seinen Herschmerz rauszuschreien. Man könnte schon fast von therapeutischem Schreikreisen sprechen.

Die zwei „Unplugged“ Tracks, die sie gegen Ende noch bringen, gehören ja heute zu einer Headlineshow. Speziell waren sie aber deswegen nicht. Dafür wurde der Schluss mit den Tracks “Animal I Have Become”, “I Hate Everything About You” und “Riot” so richtig fetzig. Getanzt und gegrölt wurde dazu genügend und ich merke: „Ja, es ist immer noch geil!“