So war das bergmal-Festival 2018

Um 21:45 Uhr betreten Her Name Is Calla die 15 Zentimeter hohe Experimental Stage im ersten Stock des Dynamo. Die ersten Akkorde werden sanft aus der Gitarre herausgestreichelt. Es wird gesungen, erst einstimmig, dann die ganze Band im Chor: „Pour more oil“. Nach ein paar Minuten setzt das Crescendo ein; doch der Bass streikt. Eine Gitarre und eine Geige kämpfen erfolglos gegen den Druckverlust.

Das bergmal, das in der Schweiz einzigartige Festival, da es sich ausschliesslich der Nische des Experimental-/Post-Rock widmet, ging am Wochenende in die dritte Runde. Der für mich entscheidende Moment des Festivals trat ein, als Toundra „Kingston Falls“ anspielten. Es ist kein überragendes Lied; es ist ein gutes, wenn auch typisches härteres Post-Rock-Stück. Doch während des Intros wurde ich weggeschwemmt, trat völlig weg, mein konstant überdenkender, analysierender, planender und wertender Kopf wurde ausgeschaltet. In jenem Moment wusste ich, dass ich nicht versuchen würde, einen runden Gesamteindruck des Erlebten akribisch in Form einer klassischen Review wiederzugeben. Ich wollte jenen Moment einfangen – ein utopischer Gedanke; der Augenblick ist verflogen, und ihn in Sprache zu fassen nochmals ein anderes Kapitel.

Der beschriebene flüchtige Moment hat nichts mit Perfektion zu tun. Er hat auch nicht für jeden Menschen etwas mit Post-Rock zu tun. Tatsache ist, dass bei mir das bergmal der Ort war. Auch das bergmal ist nicht perfekt (naja, die Organisation eigentlich schon). Aber es geht nicht um Perfektion, es geht darum, dass man jenen Moment sucht beziehungsweise ihn anstrebt. Das vierköpfige OK-Team und die dutzenden HelferInnen tun dies. Sie beweisen Mut und legen eine gesunde Portion Grössenwahn an den Tag. 13 mehr oder weniger experimentelle Bands an einem Abend, respektive dieses Jahr erstmals noch ein Warm-Up mit vier Bands am Freitagabend. Das kann man nicht alles konsumieren, sogar wenn einem alle Bands gefallen würden. Aber das bergmal träumt, und durch literweise Schweiss und Herzblut bieten sie den Besuchenden die Chance, mitzuträumen.

Man muss sich nur darauf einlassen, was freilich in direkter Konkurrenz zum journalistischen Anspruch eines umfassenden Berichts steht. Ich bin mir sicher, dass ich jenen Moment bei Toundra nicht erlebt hätte, wäre ich mit einem Notizblock von Bühne zu Bühne gerannt. Trotzdem, ich habe mich dazu entschieden, das persönliche Erlebnis über meine Verpflichtung zu stellen. Klar, am nächsten Tag hätte ich mir für den Bericht auch etwas zu den Bands, die ich mir nicht angesehen habe, aus den Fingern saugen können. Immer noch schwelgend will ich aber lieber aufzuzeigen versuchen, dass das bergmal ein Ort ist, an dem man versinken kann. Mir hat das diesjährige Line-up auf dem Papier am wenigsten zugesagt – schlussendlich war es das schönste bergmal-Erlebnis. Die Bands, die Stimmung und die Leute machen als imperfektes Gesamtpaket Lust darauf, Neues zu entdecken und etwas zu fühlen.

Und zu fühlen gab es viel. Auf Toundra muss ich nicht weiter eingehen, sie waren verantwortlich für diesen unkonventionellen Artikel. Dass Her Name Is Calla schnell eine meiner Lieblingsbands wurden und ich sie bereits jetzt vermisse, lässt sich aus der Rahmenerzählung schliessen. A River Crossing haben den Samstagabend grandios eröffnet. Wer weiss, in einer kommenden Ausgabe stehen sie vielleicht ganz gross auf dem Plakat – verdient hätten sie es. Beim Abschluss-Dilemma SPOIWO vs. Egopusher habe ich zugunsten der Polen entschieden und es keine Sekunde bereut. Der sphärische, ambient-angehauchte Sound hat als eine Art Reminder fungiert, warum ich diese Musik und Musik im Generellen jenseits jeglicher Vernunft liebe.

Der Auftritt am bergmal ist Teil der Abschieds-Europatournee von Her Name Is Calla; sie hätten jetzt zu viele Kinder um zu touren. Sie platzieren ihren Monolithen, das 17-minütige „Condor and River“ passenderweise in der Mitte ihrer Setlist. Der Song stellt das Zentrum ihrer Bandgeschichte dar. Beim entscheidenden Übergang in die lange Coda funktioniert das Keyboard nicht. Im abschliessenden „New England“ dekonstruiert sich die Band selbst. Der Raum versinkt in atonalem Geschrummel und formlosen Schlagzeugeruptionen. Es ist die Glorifizierung des Imperfekten, die Suche nach alternativen Ausdrucksformen, die Freude des Freien. Dafür geht man ans bergmal. Für alle entdeckungsfreudigen und belastbaren Musikfans ist es ein integraler Bestandteil der Schweizer Festivallandschaft. Bitte nächstes Jahr wieder. Für die vielen tollen Konzerte und – bestenfalls – den einen Moment.

Titelbild: hubris. / Bild im Text: thisquietarmy / Beide geschossen von faiibphotography