Album Review: 11AM – Mirror: Breathe

Jeder hat doch ein paar komische Angewohnheiten. Höre ich eine Band zum ersten Mal, versuche ich zum Beispiel, ihre Herkunft zu erraten. So auch bei der Band 11AM und ihrem neuen Album “Mirror: Breathe“, welches in meinen Ohren sehr urban klingt. Mehr Beton als Kuhweide, eher New York als Chur. Zu keinem Zeitpunkt wurde ich von der Rockband in ihre Heimat Graubünden entführt. Das Erraten musikalischer Einflüsse ist ebenfalls einer meiner Spleens und die Liste der möglichen Bands wurde von Song zu Song länger. Um nur einige zu nennen: Muse, Bush, Faith No More, Porcupine Tree, Nine Inch Nails, System of a Down, Editors. Keine Ahnung, wie hoch meine Trefferquote liegt, aber 11AM sorgen auf ihrem vierten Album für Abwechslung.

Nicht nur das Gesamtkonzept von “Mirror: Breathe” ist gut arrangiert, auch die einzelnen Songs haben es in sich. Oft werden die punktgenau mit den Drums abgestimmten Gitarrenriffs mit kühlen Synthesizern untermalt, aber auch ein klassisches Gitarrensolo und ein Piano finden auf dem modern produzierten Album ihren Platz. In gesundem Mass eingesetzte Effekte und die vielseitigen Vocals sorgen zusätzlich dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Sänger Ervin Janz kitzelt alles Verfügbare aus seinen Stimmbändern heraus und beweist eine breite Range, die er mit viel Feingefühl für die jeweilige Stimmung einsetzt. Sehr ausgewogen ist auch das Verhältnis zwischen eingängigen Passagen und rhythmischen, progressiven Spielereien.

Trotz der musikalischen Vielschichtigkeit besitzt das Album einen roten Faden, der nur bei der kitschigen Radio-Single “Darkest Night” zu reissen droht. Ein schnell vergessener Popsong, der zwar nicht gut ist, aber wahrscheinlich zu gut, um neben Baschi und Konsorten SRF-Airplay zu bekommen. Dabei haben es 11AM überhaupt nicht nötig, sich für einen potentiellen kommerziellen Erfolg zu prostituieren. Dass sie auch stilvolle, zum melancholischen Grundcharakter passende, ruhige Songs schreiben können, beweisen sie mit meinem persönlichen Album-Highlight “The Roses”.

Mein Fazit: Die Erfahrung von 14 Jahren Bandbestehen und drei Alben ist hörbar. Dank der musikalischen Bandbreite und der professionellen Produktion von Christoph Hessler (The Intersphere) wird “Mirror: Breathe” viele Geschmäcker treffen und den vier Bündner Musikern hoffentlich die verdiente Anerkennung bringen. Deshalb: Unbedingt reinhören!

Vö.: 11.01.2019
1. Liar
2. Mirror: Breathe
3. Charade
4. Darkest Night
5. Are You Gonna Lie?
6. The Roses
7. Chasing Birds
8. Hell
9. I Break
10. Blink Of An Eye