Album Review: Schubsen – “Stühle rücken in Formationen”

Und Gott sprach „es dröhne der Bass“ und da hat’s mir Schubsen verpasst. “Stühle Rücken in Formationen” beginnt wie gedacht. Es ist das zweite Album des Nürnberger Wortchaoten Krupski und seinen drei Musikern. Zusammen bekannt als Schubsen. Die Band packte mich im letzten Jahr, als ich mich dazu bereit erklärt hatte, ein Review zu ihrem Konzert im Dynamo zu schreiben. Ohne Vorbehalt hab ich mich in das deutsche Post-Punk-Spektakel gestürzt, um entzückt und mit Gedichtband wieder aus dem Dynamo rauszukommen. Gerne erkläre ich euch, wieso Schubsen mich auch mit ihrem zweiten Album, welches am Freitag, 1. März 2019 erschienen ist, fesseln.

Schubsen ist eine der wenigen Bands, die mich einfach durch ihre Texte in den Bann ziehen. Ich kann den Worten folgen. Ich nehme sie auf und kann sie interpretieren. Nur das verstehen, das fällt schwer. Die Texte sind so absurd und geschickt geschrieben, ja eine verwirrte Ästhetik steckt hinter den gesungenen Buchstaben. Wer denkt, es handle sich bloss um einen 100 Jahre zu spät geborenen Dadapoeten, der irrt sich. Einzelne Wörter werden zelebriert und Alltagsszenen ästhetisch verschnörkelt. Lyrisch spricht es mich einfach an.

Die Wörter hätten nicht diese Wirkung, wenn sie nicht von Krupskis Stimme getragen würden. Wie die Stimmdynamik eines Schauspielers springt er vom Flüsterton zum Ausruf. Das ist nicht nur bildlich so zu verstehen. Live hat man das Gefühl, er versucht mit eurhythmischen Tanzeinlagen seinen Texten mehr Ausdruck zu verleihen. Es ist Musik, es ist Schauspiel, es ist Schubsen

Als Post-Punk könnte man es vielleicht klassifizieren. Ein dröhnender Bass – wie es der Stereotyp behauptet –, der nicht mehr macht als er muss. Pro Track sind das vier Töne, mehr braucht es wirklich nicht. Denn dazu gibt es die postige Gitarre, die sich an Delays, Tremolos und was man sonst noch über die Saiten schmieren kann, bedient. Teilweise rückt sie ab von der klassischen Tonleiter, doch grundsätzlich unterstützt sie die Melodie und den treibenden Bass. Filigrane Atmosphären und grinchy Sounds. “Ein Versprechen, kein Versprechen” zeigt diese Symbiose von Bass und Gitarre wohl am besten. Kommt noch das Schlagzeug, das auch auf diesem Album Raum für ein Schlagzeugsolo erhält, das niemals geboren werden wollte. Doch wenn das Schlagzeuge nur begleitet, heisst es „Parole Rythmus hinterlässt seine Spuren“.

Wie “Neue Blessuren” hat das Album “Stühle rücken in Formationen” einen Fluss. Von „Im Netz“ fliesst es, bis es in melodischen „Nebelspuren“ verstummt. Unterwegs eine Reise in Wörtern und Punkkultur, die heute mehr ist als Karohosen und Irokesenkamm. Es ist Sarkasmus und Verletzlichkeit gegenüber dem Homo Oeconomicus. Ein Versuch und ein Scheitern zu verbildlichen, wie es in den Köpfen und Ländern des 21. Jahrhunderts aussieht.

Schubsen beschreibt und stellt Fragen, klagt und jammert. Und fasziniert. Zumindest mich.

Schubsen – Stühle rücken in Formationen (VÖ: 01.03.2019 via  Mono-Ton Records)
Bandcamp / Spotify

Tracklist

1. Im Netz
2. Vorzeichen
3. Ein Verprechen, Kein Versprechen
4. P.S.
5. Abendrot und Morgengrauen
6. Cocktails
7. Mosaike
8. Nebelspuren

Foto: Andreas Hornoff