Anti-Flag über Politik, Musik und ein Minus!

Adrian mit Anti-Flag

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich endlich wieder das Vergnügen, die Band Anti-Flag in Winterthur zu sehen. Vor dem Konzert bekam ich zudem die Gelegenheit, mein erstes Interview für rawk.ch zu führen und durfte mit Sänger und Gitarrist Justin Sane plaudern. Und so machten wir es uns ganz unkompliziert im Treppengang des Gaswerks Winterthur gemütlich.

Hallo Justin, wie war dein heutiger Tag?
Bis jetzt gut. Wir sahen uns heute ein wenig in Winterthur um und anschliessend hatten wir ein wirklich tolles veganes Essen.

Seit Jahren seid ihr fast ununterbrochen mit Touren und Produktionen beschäftigt. Ist es nicht an der Zeit ein Sabbatical zu machen?
Nein, bis jetzt nicht (lacht). Wir nehmen uns zwar manchmal kleine Auszeiten, wenn wir Zuhause sind, jedoch bin ich persönlich dann auch schnell wieder im Studio und probiere ein wenig mit neuer Musik herum. Denn meiner Meinung nach fühlt es sich nicht nach Arbeit an, wenn du magst, was du tust. In unserem Fall ist es grossartig, dass wir ein kleines Studio direkt in Pittsburgh, nicht mehr als zehn Minuten von meinem Zuhause entfernt, aufgebaut haben. Deshalb besteht auch kein Druck und ich gehe dann manchmal nur für ein oder zwei Stunden ins Studio, wenn wir Zuhause sind.

Wenn du auf eure Touranfänge zurückblickst, würdest du diese chaotische Zeit von damals nochmals wiedererleben wollen?
Es gibt sicherlich einige Momente beim Touren, bei denen es wirklich cool wäre, zurück zu gehen und einzelne Dinge anders zu machen als damals. Aber ich sage dir, ich persönlich geniesse das Touren zurzeit wie noch nie zuvor. Der Grund dafür ist der, dass wir dabei in all diesen Jahren immer mehr Leute bzw. Freunde kennenlernen durften. Sozusagen unser eigenes kleines Netzwerk von Freunden über die ganze Welt verteilt. Daraus ergab sich auch mal sogar eine kleine WhatsApp-Gruppe mit Menschen, die seit Jahren zu unseren Shows kommen und wir sie auch dort kennengelernt haben. Wir haben die Gruppe «This is not an Anti-Flag Chat» genannt (lacht). Solche Dinge machen es spezieller als je zuvor. Aber natürlich kann nichts den Moment schlagen, als wir wirklich zum ersten Mal auf Tour waren. Dies ist schwer zu übertreffen.

Ihr seid ja nicht zum ersten Mal in der Schweiz. Gibt es ein besonderes Erlebnis, dass euch mit diesem Land verbindet?
Ich kann mich noch sehr gut an unseren ersten Auftritt in Genf erinnern. Es war eine unglaubliche Atmosphäre und nach dem Konzert sang das Publikum  «Die Internationale». Es war grossartig.

Welches sind Momente an euren Shows, die euch stören?
Meistens haben wir eigentlich coole Shows. Natürlich gibt es manchmal diesen einen Idioten, der aus der Reihe tanzt oder sich nicht richtig verhält. In diesen Momenten wird das Konzert kurz gestoppt, die Situation mitgeteilt und wenn es nicht funktionieren sollte, gibt es einen schwungvollen Rauskick. Ein Konzert sollte immer einen sicheren Ort, sowie eine gute Zeit bieten, solange du dich respektvoll verhältst. Dies ist unser Ziel. Eine Atmosphäre zu kreieren, in der es nicht auf die Hautfarbe, Religion, Nationalität oder sexuelle Einstellung ankommt und in der man versuchen sollte, zu koexistieren.

Die Situation in Amerika ist ja in dieser Hinsicht (also Gewalt, Rassismus und andere Unruhen) gerade sehr chaotisch. Wie reagiert ihr selbst und auch als Band darauf?
Ich denke, das Wichtigste ist, dass man sich mit optimistischen Menschen umgibt, denen es am Herzen liegt, Dinge zu verbessern. Und Menschen, die nicht aufgeben. Veränderungen sind immer möglich, aber dies braucht Zeit. Und keine grosse, positive Veränderung in der Geschichte wurde jemals geschenkt. Meiner Meinung nach wollen Leute wie Donald Trump diese Hoffnungslosigkeit erreichen. Das ist Teil ihrer Strategie und so können sie dann machen, was auch immer sie wollen. Man sollte immer sehen, was gerade abläuft und auch sauer darüber werden, um so nicht aufzugeben.

In unserem Fall freuen wir uns jedes Mal sehr, dass wir an vielen Konzerten irgendwelche tollen Organisationen an unserer Seite haben. In Deutschland hatten wir unter anderem «Kein Bock auf Nazis» und «Sea Sheppard», aber auch Leute, die sich für Menschenrechte einsetzen wie «Amnesty International» sind unglaublich wertvoll. Und dies zeigt auch, dass die Leute nicht allein sind und nicht aufgeben wollen.

Demnächst stimmen wir in der Schweiz über ein weiteres Gesetz ab, welches die Waffenhaltung noch schärfer einschränken soll. Was wünschst du dir bezüglich diesem Thema für Amerika? Gibt es überhaupt eine Chance für Veränderungen?
Zurzeit herrscht deswegen eine wirkliche interessante Zeit. Leider hatten wir in den letzten Jahren viele grosse Tragödien, was natürlich schrecklich ist. Aber nun sagen sogar viele Leute, die jahrelang gegen kleine Veränderungen ankämpften, dass eine Veränderung notwendig ist. Zudem gerät auch die sogenannte “National Rifle Association”, welche bereits seit den 50er-Jahren für die Waffenhaltung wirbt, immer in grössere Schwierigkeiten.  Ich wünsche mir, dass die Gesetze nun darauffolgend verschärft werden. Als Anfang zum Beispiel mit dem Verbot von Sturmgewehren oder von Magazinen, die mehr als sechs Schuss halten können.

Nun zu eurer neuen Platte «American Reckoning». Warum habt ihr euch entschieden, ein akustisches Album aufzunehmen?
Der wichtigste Grund zu diesem Entscheid war, dass wir immer mehr und auch sehr gerne akustisch spielen. Und so folgte der Gedanke, dass es mal cool wäre diese neuen Versionen unserer Songs aufzunehmen.

Nach «American Fall» und «American Spring» ist dies nun bereits der dritte Teil dieser Reihe. Was denkst du, wird es eine Trilogie bleiben?
Ja, ich denke es fühlt sich nach dem Ende dieser Reihe an. Die Idee dahinter kam auf natürliche Weise und die Art, wie wir die Alben produziert haben, machte für uns viel Sinn. So ist es nun an der Zeit, wieder nach neuen Ideen für die nächste Platte zu suchen.

Fühlt ihr nun seitens des Labels oder der Fans einen gewissen Druck?
Nein, auf keinen Fall. Für uns war es nie so. Bezüglich Musik, respektive unserer Kunst, haben wir immer unser Ding durchgezogen und hofften darauf, dass die Leute Spass daran haben werden.

Was denkst du über die Situation, dass Punk und Rock, im Vergleich zu anderen Musikstilen, im letzten Jahrzehnt an Wert verloren haben?
Dies hat uns eigentlich nie gekümmert. Wir sind sozusagen in dieser Szene aufgewachsen und so machten wir einfach die Musik, die uns passte. Wir sahen uns immer ein wenig als unsere eigene kleine Untergrundgemeinschaft und das war immer der Fokus. Wir wollen Musik machen, welche wichtig ist und Leute zusammenbringen soll.

Auf der Platte sind auch drei Covers von Cheap Trick, John Lennon und Buffalo Springfield enthalten. Haben diese Songs eine spezielle Bedeutung für euch?
Manche ja und manche nein. Beim Buffalo Springfield Song fühlte es sich für uns richtig an. Dabei geht es ja um Gewalt und im speziellen um Waffengewalt. Und so dachten wir, es macht viel Sinn, insbesondere bezüglich der aktuellen Lage in unserer Geschichte. Cheap Trick war einfach eine tolle Band, die wir alle sehr mögen. Zudem hatte ihre Musik einen grossen Einfluss auf unsere Band. Wenn du unser Cover hörst, kannst du dies evtl. heraushören.

Bei fast jeder Show spielt ihr ja mindestens einen Song inmitten der ganzen Crowd. Was wollt ihr damit genau aussagen?
Für uns ist es wichtig dem Publikum mitzuteilen, dass auch wir ganz normale Menschen sind. Kein Haufen Rockstars, mit denen man nicht reden darf. Wir kümmern uns um mehr als nur um uns selbst. Ich denke, für uns ist es eine einfache Art zu sagen, dass wir als Band mit der Crowd zusammen ein Teil dieser Gemeinschaft sind.

Leider ist es schwierig, sich danach etwas Neues auszudenken, was besser ist, als ein komplettes Schlagzeug innerhalb der Crowd aufzustellen (grinst).

Nun noch zum Schluss. Innerhalb unserer Redaktion haben wir über folgende Frage herumdiskutiert. Heisst es «Anti-Flag» oder «Anti Flag»?
Es spielt keine Rolle (lacht). Wie auch immer man möchte. Grammatikalisch korrekt wäre es natürlich ohne Minus. Als wir uns für diesen Namen entschieden haben, waren wir noch ein wenig jung und dumm bzw. wussten es nicht besser. Wir dachten einfach, dass es cool aussieht.

Danke Anti-Flag und Gaswerk Winterthur!