So war das BERG MAL KLEIN am 24.05.2019

Man sagt, Vorfreude sei die schönste Freude; aber niemand wartet gern untätig. Was macht man also, wenn ein alljährliches Festival den Post-Rock-Hunger nicht stillen kann? Das bergmal-Team hat die einfachste und beste Antwort und organisiert in den Monaten vor dem Hauptevent einen Haufen Pre-Shows. Mit dem BERG MAL KLEIN wurde dieses Jahr sogar quasi ein “Pre-Festival” auf die Beine gestellt.

Wie beim grossen Bruder galt das 50/50-Prinzip: Die Hälfte der Bands aus der Schweiz, die andere international. Macht bei vier Bands je zwei aus dem In- und Ausland. Starre Quoten mögen immer wieder für Diskussionsstoff sorgen, da dann die Qualität als oberstes Prinzip ausgehebelt werden kann. Doch bei der Menge an guten bis grossartigen Schweizer Post-Irgendwas-Bands, die den Bookern zur Verfügung stehen, ist das in diesem Fall kein Hindernis. Im Gegenteil, ich bin grosser Fan und lobe das bergmal-Team, dass sie immer noch daran festhalten. Das ist gelebte Szenepflege und -förderung.

Eine der zwei Schweizer Bands, die für diesen Konzertabend in den Dynamokeller geholt wurden, waren car crash weather. Die Zürcher machten auch gleich den Anfang und lockten schon eine anständige Anzahl Besucher vor die Bühne, obwohl die sonst im Mai schmerzlich vermisste Sonne noch immer am Himmel stand. Belohnt wurde man mit lautem, hartem Instrumentalrock mit Metal-Einschlag. car crash weather setzen dabei deutlich stärker auf Riffs, vertrackte Rhythmen und ungerade Takte als auf Atmosphäre – obwohl die Keys dem Sound eine zusätzliche Ebene gaben. Die Jungs verstehen ihr Handwerk definitiv, mir fehlte es dennoch ein wenig an musikalischen Höhepunkten, was aber wohl eher an meinen stilistischen Vorlieben als an schwachem Songwriting liegt.

Next up: Die Luzerner A River Crossing. Es ist kein Geheimnis, dass ich sie schon länger zu den besten Schweizer Bands zähle. Irgendwie hat es soundtechnisch auch schon besser geklungen als an diesem Abend, aber was will man machen: Wenn die Songs so gut sind, passt das schon. Eine Indie-Band, die instrumentale Passagen überdurchschnittlich stark in den Fokus rückt und allen Elementen schön Raum lässt durch geduldige Strukturen und geschickte Arrangements. Oder eine Post-Rock-Band, die vor Gesang, Groove und wiederkehrenden Refrains nicht Halt macht. Die Perspektive ist irrelevant, die Mischung machts und ist halt genau meine Lieblingsmusik.

Zurück zur Instrumentalmusik ging’s mit Shy, Low. Die vier Amerikaner prügelten regelrecht auf ihre Instrumente ein und drehten die Intensität in den lauten Passagen auf 11. Was mir an ihnen gefällt, ist, dass die Melodie auch mit zunehmender Lautstärke nicht aufgegeben wird und ihre Songs nicht ziellos umherirren. Irgendwie hat jede Harmonie und jedes Geshredde einen Zweck; die Ambient-Passagen sind nicht nur da, um den nächsten Ausbruch umso heftiger wirken zu lassen, sondern ziehen ihre Relevanz aus sich selber.

Und dann war es Zeit für VAR. Auf den Headliner habe ich mich am meisten gefreut – sie spielten zum ersten Mal in der Schweiz. Ihr Album ist bei mir wochenlang rauf und runter gelaufen und war definitiv eine DER Entdeckungen der letzten Monate. Wie eine direktere, kompaktere Mischung aus Sigur Ros und ef, zweier meiner absuluten Lieblingsbands. Entsprechend tausend Dank an die bergmal-Crew: Nur so bin ich auf diesen eher obskuren Schatz gestossen – egal wie das Konzert sein würde, hätte es sich schon gelohnt. Schon als sie dann das Konzert mit ihrer letzten Single “Moments” eröffneten, kam tatsächlich so etwas wie leichte Enttäuschung über mich. Also nicht falsch verstehen, es war toll und ich würde sie sofort wieder schauen gehen. Doch über den ganzen Auftritt hatte ich den Eindruck, dass ihnen das letzte Quäntchen Finesse (noch) fehlt. Das Gefühl, das sich bei richtig fantastischen Livebands einstellt, nämlich dass alle Musiker eins mit sich, ihren Instrumenten und ihren Songs werden, fehlte hier irgendwie. Auch gefielen mir beispielsweise die Gitarrensounds nicht so gut, und die ganze Band klang irgendwie gröber sowie weniger zerbrechlich und abgeklärt als erwartet. Aber eben, die Erwartungen lagen bei mir auch sehr hoch, weil ich auf Platte eine ganz andere Majestität und Mystik gehört habe. Wenn man so Geschütze wie das grandiose “Þórsmörk” auffährt, ist es zwar schade, dass einem nicht komplett der Atem wegbleibt, aber es ist immer noch ein verdammt schönes Erlebnis.

Also beende ich wieder einmal einen Beitrag mit “Danke, bergmal”. Und es sind spannende Zeiten: Mit Emma Ruth Rundle ist ja bereits der erste Headliner des Festivals im Herbst bekannt. Grande! Der Rest des Line-ups wird in den nächsten Wochen bekanntgegeben. Und am Freitag geht die Post-Rock-Sause schon weiter: hubris. und Delta Sleep spielen am 31.5. im Dynamo. Das Entdecken nimmt kein Ende. Genau so muss es sein.