“Das ist total die Würstchenparty bei uns und das muss sich ändern!” – Feine Sahne Fischfilet im Interview

Anlässlich des Auftritts von Feine Sahne Fischfilet am diesjährigen Greenfield Festival in Interlaken luden wir Christoph Sell, Gitarrist und Sänger der Band, am Donnerstag zum Interview.

Hallo Christoph, wie gehts?
Gut gehts! Wir sind gestern schon hier angekommen, am Tag vorher haben wir in Linz gespielt. Zuvor waren wir bei Rock im Park und Rock am Ring, dann sind ein paar Leute von uns nach Greifswald/Rostock gefahren, an die Ostsee, wegen Konfirmationen und solchen Sachen an Pfingsten. Die hatten sozusagen den Flash, am Rock am Ring vor sehr, sehr vielen Menschen zu spielen und dann am nächsten Tag, morgens um zehn, in der Kirche zu sein. Aber es hat alles geklappt, es war total die organisatorische Challenge, aber cool. In Linz haben wir im Vorprogramm der Toten Hosen gespielt und sind da nachts losgefahren und waren dann gestern Morgen hier, hatten einen Off-Day in Interlaken, wunderschön. Mit Jacobus, der bei uns auch spielt, und unserem Security aus der Crew, sind wir zu dritt wandern gegangen, hier den Berg hoch, das war so schön. Also mir gehts richtig gut und wir freuen uns heute auf das Konzert. Gerade fand ich das schön, mit der Blasmusikeröffnung, ganz klassisch. “Tage wie diese” haben die gespielt, habe ich gehört.

Genau. Wie wirkten die Alphornbläser auf dich? Hattest du das Gefühl, dass man sich lustig darüber macht?
Überhaupt nicht, man würde sich lustig darüber machen, wenn es nicht gut klingen würde oder man sie in irgendeine Ecke stellen würde. Man gibt denen ja eine tolle Bühne und das ist schon schön. Das erinnert mich an das Metalfestival in Norddeutschland, das Wacken. Die haben auch irgendwas, das zu Norddeutschland passt. Ist jetzt nicht so mein Festival, weil es Metalmusik ist, aber es ist total nett, dass sowas eröffnet. Denn das gibt dann diesen Bezug: Guckt mal, wo ihr alle seid. Ich konnte das von oben angucken, das sieht schon abgespaced aus, dass sich so viele Leute auf dem Acker treffen, auf so einem grünen Feld sozusagen.

Und apropos “Tage wie diese”, das die Alphornbläser gespielt haben: Würdest du dir einen solchen Überhit wünschen?
Wenn so was passiert, sage ich bestimmt nicht nein dazu. Aber es ist jetzt nichts, von dem ich sage, das muss jetzt sein. Ich freue mich für Die Toten Hosen, dass sie ein Lied haben, das ganz viele Leute toll finden. Es muss ja jetzt nicht das Lied sein, das ich jeden Tage höre. Aber ich finde solche Hymnen schon auch schön. Aber es reicht auch, wie das bei uns alles läuft. Da habe ich schon viel nachzudenken und zu reflektieren. Wenn so etwas noch kommen würde, das wird dann irgendwie auch zu viel. Und dann hast du auch Leute, die das spielen, die du gar nicht magst. So wie am CDU-Parteitag, mit sowas will ich mich dann nicht auseinandersetzen.

Es geht tatsächlich enorm viel ab, rund um Feine Sahne Fischfilet. Selbst als Betrachter wird mir beinahe schwindlig, wenn ich ein paar Jahre zurückdenke und sehe wo ihr jetzt steht. Fehlt euch manchmal die Zeit um inne zuhalten und, wie du selber sagtest, zu reflektieren?
Nein, ich glaube das kriegen wir ganz gut hin. Wir sind schon eine Band, die sich immer sehr viele Projekte nach und nach aufhalst, aber wir funktionieren in dieser Bewegung auch gut. Die letzten Monate haben wir jetzt nur geprobt. Klar hat man auch Besprechungen und Treffen aber jeder hat auch mal Zeit wegzufahren, andere Sachen zu machen, die ihm wichtig sind, um einen Tapetenwechsel zu bekommen. Vielleicht ist das der Grund, warum wir jetzt so gestärkt in diese Festivalsaison gehen. Klar probt man dann viel und bereitet alles vor, aber Normalität in den Laden reinzubekommen ist dann wichtig, um das wieder zu schätzen, wenn man unterwegs ist. Sonst tut man sich so ab und dabei ist es eigentlich etwas total Schönes, dass man hierhin eingeladen wird, und ich kann den ganzen Tag gut essen. Klar hat man auch zu tun, da hängt viel dran und man will den Leuten etwas bieten. Wenn man kurz Pause macht, lernt man das wieder zu schätzen. Wenn man die ganze Zeit unterwegs ist und sich keine Ruhe gönnt, spielt man sich irgendwann kaputt, da muss man aufpassen.

Fühlt sich Feine Sahne Fischfilet noch an wie eine Gruppe von Freunden oder ist es schon eher ein Unternehmen?
Das ist auf jeden Fall eine Gruppe von Freunden. Die Band hatte sich ja damals als Schülerband gegründet und nach und nach ist sie so entstanden, wie sie jetzt auch ist. Wir haben so viel zusammen erlebt, aber es ist wichtig, dass nebenbei auch jeder seinen eigenen Kram hat. Wenn wir dann noch zusammen in einer Wohngemeinschaft wohnen würden, dann würden wir uns, glaube ich, irgendwann die Pfeife einhauen. Es ist wie eine gute Beziehung: Man muss Luft lassen, aber trotzdem hat man auch seine Phasen, die intensiv sind. Aber natürlich muss man das inzwischen vielleicht auch so sehen wie eine Arbeit – man ist selbständiger Künstler –, damit die Leute das auch ernst nehmen, und es steckt auch viel Arbeit dahinter. Dennoch, ich habe grosses Glück, dass ich zum Beispiel normale Lohnarbeit nicht machen muss. Das ist aber auch einfach zufällig so entstanden. Und wir kriegen es, glaube ich, ganz gut hin, das nicht wie ein Unternehmen wirken zu lassen. Aber klar, es gibt Tage, da fühlt sich das an wie Arbeit, gerade in so einem Korsett, mit diesen ganzen Festivals und da musst du, willst du… Wir sind alle in den Fängen der kapitalistischen Logik drin. Wir müssen davon leben können. Natürlich ist das wie ein Unternehmen aber wir wollen zum Beispiel eine flache Hierarchie mit unserer Crew haben, damit wir das zusammen in einer Gemeinschaft machen und die Leute alle vernünftig bezahlen können. Dann schafft man es, dass es nicht wie ein Unternehmen ist, sondern wie eine Gruppe, die das zusammen macht. Mit all den Widersprüchen, die es natürlich gibt.

Gibt es auch Momente, in denen du das Ganze hinterfragst?
Immer wieder. Ich glaube, es ist total wichtig, Zweifel auch zuzulassen. Es ist total gut, dass wir das machen und es ist total gut, dass wir das hoffentlich noch lange machen. Aber es ist immer wichtig, auch daran zu zweifeln. Will man’s vielleicht anders machen? Wo geht das eigentlich hin? Steigt man jetzt immer ein Treppchen höher, werden dann die Zwänge nicht noch grösser? Es ist genauso wichtig, dass wir uns auch zu sechst streiten und viel diskutieren. Wir spielen nebenbei auch mal in kleinen Clubs oder unterstützen autonome Zentren und spielen für Leute, die sich auf dem Dorf gegen Nazis engagieren, für eine weltoffene Gesellschaft stehen, was auf dem Dorf ja oft schwieriger ist. Hingegen spielen wir im Sommer auch zwei grosse Openairkonzerte. Dennoch, ein paar Monate später sind Landtagswahlen in vielen ostdeutschen Ländern, da ist es dann wichtig aufs Dorf zu gehen und eine Aktion für die Kids zu machen. Wenn man das hinkriegt, fängt man auch gar nicht so krass an zu zweifeln. Aber es ist wichtig, Sachen immer wieder zu hinterfragen.

In der Schweiz ist morgen grosser Frauenstreiktag. Hast du eine Erklärung dafür, wieso es fast keine Frauen auf den Punk- und Metalbühnen gibt?
Auf den Bühnen ist der Spiegel der Gesellschaft. Das Patriarchat ist allumfassend und umfasst selbstverständlich auch die Musikszene. Das muss man immer wieder reflektieren und daran arbeiten. Zum Beispiel haben wir als klar linke Band es über die Jahre verpasst, dass wir in der Crew niemanden Weibliches haben, das ist ein Problem, das muss sich unbedingt ändern. Das Problem ist aber auch, dass wir leider viel zu wenige Frauen kennen, die in diesem Bereich arbeiten, weil das alles männlich dominiert ist. Wir kennen inzwischen aber immer mehr Leute und das wird sich die nächsten Jahre ändern bei uns. Es ist dann aber auch schwierig, weil du inzwischen eine gut funktionierende Crew hast. Aber natürlich, das ist total die Würstchenparty und das muss sich ändern. Und es gibt ganz, ganz viele schöne Gegenbeispiele, zum Beispiel das Sommerfest in Bern vor der Reitschule, das No Borders No Nations, das war eine Riesenbühne, die wurde komplett von Frauen gemacht, super gut. Ganz viele Frauen wirken jetzt auch in die Punkmusik rein, nicht nur als Female Fronted, sondern auch an anderen Instrumenten. Und dann hast du zum Beispiel in der Popmusik viel mehr Frauen am Start, aber wie sind sie denn präsentiert? Viel mehr als sexuelle Objekte. Aber ich finde es geht total voran und ich finde dieses weibliche Empowerment, das gerade allumfassend wird in der Gesellschaft, mega wichtig. Wir freuen uns sehr über solche Frauenstreiksachen und haben viele Genossinnen, viele Freundinnen, die wir unterstützen im Kampf gegen das Patriarchat. Oder nimm die Widerstandsgeschichte im Zweiten Weltkrieg: Ganz viele Leute die gegen die Nazis gekämpft haben, die Männer, die kennt man, aber Frauen in der Partisanenbewegung? Da mussten erst in den 80ern Bücher darüber geschrieben werden, von der Frauenbewegung. Die gab es nämlich, aber die sind halt nicht so bekannt geworden, weil es halt nur Frauen gewesen sind. Wir müssen also alle daran arbeiten und dann kann ich dir bei unserem nächsten Interview hoffentlich sagen, dass wir jetzt Frauen in der Crew haben!