«Ich denke, ich hätte eher eine Bank ausgeraubt» – Ein Interview mit Roger Miret von Agnostic Front

Mitte August nahmen die Hardcore Legenden von Agnostic Front die Sedel-Bühne in Luzern förmlich auseinander. Voller Emotionen und Schweiss spielten die New Yorker ein Konzert, welches das Publikum bis in die hintersten Reihen mitriss und zur ausgelassenen Ekstase führte. Ein paar Stunden vor dieser Sause durfte ich ein Interview mit Frontmann Roger Miret führen. So machten wir es uns im Nightliner gemütlich und plauderten über alte Zeiten, über ihren neuen Dokumentarfilm und vieles mehr.

Hallo Roger. Gefällt dir diese Location und wusstest du, dass dieses Gebäude früher eine andere Funktion hatte?
Ich kenne diesen Ort, denn ich habe mit Agnostic Front bereits vor einer langen Zeit hier gespielt. Zudem trat ich auch mit meiner anderen Band «The Disasters» einige Male hier auf. Ja, das weiss ich bereits, denn mir wurde erzählt, dass es sich in den 70/80er Jahren um ein Gefängnis gehandelt hat.

Du hast ja schon eine Menge Interviews hinter dir. Gibt es eine Frage, die du nicht mehr hören kannst oder die dich besonders nervt?
Am meisten nervt es mich, wenn jemand das Interview mit «erzähl mir was über die Geschichte von AF» beginnt. Dann denke ich immer, das sollte man eigentlich schon vor dem Interview wissen. Wenn man schon ein Interview führen will, sollte man meiner Meinung nach mindestens ein wenig Aufwand betreiben, um ein paar Dinge über die Band zu wissen und daraus auch die Fragen zu formulieren.

Nun zu eurem Film «The Godfathers of Hardcore». Fühlt ihr euch als Godfathers/Gründer des New York Hardcores?
Nein, definitiv nicht! Ich weiss noch, als ich Ian McFarland, dem Produzenten des Films, sagte, dass die Leute den Titel nicht kapieren werden. Wenn du nachliest was Godfather bedeutet, dann steht da «a man / group who is influential or pioneering in a movement or organization» und ich finde, das trifft auf Agnostic Front zu. Wir waren nicht die ersten und haben diese Szene auch nicht erschaffen, aber wir haben unseren nicht kleinen, wegweisenden Beitrag dazu geleistet und sind immer noch voll da.

Und ich lehne mich nun sogar ein wenig aus dem Fenster: Meiner Meinung nach hat der NYHC, also Bands wie Gorilla Bisquits, Murphys Law, Madball, sich enorm international ausgebreitet wie keine andere (Hardcore-) Szene aus Amerika. Wegbereitend, präsent und immer nach vorne. Und das sagt doch was aus!

Wäre es also eine gute Idee, die Definition dieses Wortes nach dem Einblenden des Titels während dem Film kurz anzuzeigen?
Ja, das würde vielleicht helfen. Während dem Film kommt der Gedanke «ah, okey sie waren die Ersten» schnell auf und das ist einfach nicht wahr. Denn da waren so viele andere grosse Bands vor uns. Ein Film wie dieser hat halt meistens eine entspannte, oder anders gesagt eine lockere Erzählart.

Hattet ihr die Kontrolle über das Material?
Nein, wir sagten nichts dazu, das war der Deal. Ian sagte zu uns «Vinnie ich komme eine Woche zu dir, Roger ich komme eine Woche zu dir und deiner Familie, ich möchte das ihr euch wie immer verhaltet und dann mache ich einen Film und zeige ihn euch». Und während all diesen Interviews mit meiner Tochter, meiner Frau, meinem Bruder und mit Vinnie wussten wir auch nie, was die anderen gesagt haben. Es war komplett vertraulich. Insgesamt war es also eine sehr interessante Atmosphäre.

Wie war es dann, als du den Film zum ersten Mal gesehen hast? Bist du glücklich mit dem Resultat?
Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, war es für mich wie eine Achterbahnfahrt. Ich habe während der Vorstellung gejubelt, geweint und viel gelacht. Es hat mich schlicht überwältigt, was alles während dem Film gesagt wurde. Nach der Vorstellung sagte ich zu Ian, dass er auf keinen Fall etwas am Endprodukt ändern darf und es einfach wunderbar sei.

Gab es Dinge, an die du dich durch den Film wieder erinnert hast?
Nicht wirklich. All das passierte bereits, als ich begann mein Buch «United & Strong» zu schreiben. Glücklicherweise hatte ich noch viele Flyer von alten Shows zu Hause und so fiel das Erinnern viel leichter. Das Tolle ist nun, dass der Film mein Buch, das mehr von meiner Vergangenheit handelt, ergänzt.

«The Godfathers of Hardcore» erzählt die Bandgeschichte von Agnostic Front und geht dabei näher auf die beiden Hauptakteure Roger Miret und Vinnie Stigma ein. Der Film ist als Stream oder Bluray auf der Film-Website verfügbar.

Für welche Dinge nimmst du dir mehr Zeit als für die Musik?
Da gibt es einige Dinge, aber am meisten nehme ich mir Zeit für die Familie. Zudem arbeite ich als Elektriker, aber wenn ich nur für kurze Zeit daheim bin, bleibe ich bei meiner Familie. Dank der heutigen Technologie ist der Kontakt zur Familie auf Tour natürlich um einiges leichter geworden. Ich kann meine Kinder jeden Tag sehen!

Als ich in den 80ern auf Tour war, hatten wir das noch nicht. Wenn ich damals während der Tour eine Postkarte nach Hause schickte, kam diese meistens erst bei meiner Rückkehr an. So hatte ich auf Tour mit meiner Tochter viel weniger Kontakt. Aber ich stellte immer sicher, dass sie weiss, dass sie geliebt wird und mir wichtig ist. Solche Dinge bedeuten mir mehr als alles andere.

Gab es damals einen Plan B bzw. wärst du nun Bänker, wenn ihr nie Erfolg gehabt hättet?
Ich denke, ich hätte eher eine Bank ausgeraubt. Na ja, vielleicht später dann mal, wenn ich alt und krank bin (alle lachten).

Nein, ganz im Ernst. Es gab nicht wirklich einen Plan B. Wir haben immer im Moment gelebt. Ich war stets dankbar, dass es die Leute lieben an unsere Shows zu kommen. Zudem war es auch nie mein Ziel, riesige Shows zu spielen, ich mag die kleinen Klubs mehr, da du so eine grössere Verbindung zu den Leuten hast. Es gibt immer mal wieder diese Momente, zum Beispiel als ich mit meiner Frau in Griechenland war, wenn Menschen zu mir kommen und Dinge sagen wie «Roger du hast mit deiner Musik mein Leben verändert». Das ist mir viel mehr wert als Geld und Erfolg. Ich bin wo ich bin und wenn ich zudem noch Menschen durch harte Zeiten helfen kann, ist das einfach wundervoll.

Viele der damaligen Grössen sind nicht mehr so viel auf Tour wie ihr. Was ist deiner Meinung nach der Grund dafür?
Einfach gesagt, das Leben hat sie in andere Richtungen gezogen. Das ist ganz normal, sei es wegen der Familie oder einem anderen Job. Manche widmen sich aber immer noch sehr der Musik, denn sie haben noch viel mitzuteilen. Ich könnte nicht ohne diesen Teil leben. Es war einfach unglaublich, all diese Personen, Freunde und Bands kennenzulernen. Ich fühlte und fühle mich wie in einer riesigen Familie. Und so haben wir immer weitergemacht!

Wie haben sich eure Ansprüche an das Tourleben verändert? Ist es euch wichtig, mit viel Komfort zu reisen?
Schau mal worin wir hier sitzen (lacht). Wir wechseln normalerweise von Tourbus zu Nightliner, je nachdem ob es Sinn macht oder nicht. Bei langen Distanzen können Nightliner ziemlich teuer sein, da dann viel für Benzin und zwei Fahrer drauf geht. Bei kleinen Strecken ist dies jedoch nicht der Fall. Und sie sind gar nicht so teuer, wie man vielleicht zuerst denkt, denn sie sind ja Hotel und Transportmittel für 10 Personen zugleich. Mir gefällt aber das Reisen mit dem Tourbus, insbesondere in Amerika, denn so sind wir flexibler und können spontan einen Abstecher ins Unbekannte machen.

Ihr arbeitet nun bereits an eurem zwölften Album namens «Get Loud». Wie läuft’s und wie hat sich euer Schreibprozess im Vergleich zu früher verändert?
Es läuft prima. Genauer gesagt ist es bereits fertig und bereit für den Release am 8. November. Die Platte enthält 14 neue Songs und man wird viele Elemente aus früheren Alben wiedererkennen. Meiner Meinung nach ist es eine tolle Zusammenfassung unserer ganzen Musikkarriere. Zudem entwarf Sean Taggert erneut das Artwork, das an unser Album «Cause for Alarm» erinnert.

Seit ich nach Arizona gezogen bin, arbeiten wir meistens auf Tour an neuen Songs, wenn wir alle zusammen sind. Bei dieser Platte haben wir zuhause lediglich noch einige Sachen ausgebessert. Auch hier haben wir mit der heutigen Technologie einen riesen Vorteil im Vergleich zu früher. So schicken Mike und ich uns immer wieder einzelne Ideenschnipsel hin und her.

Abschluss: Während dem Plaudern haben wir gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit verflog und so ging das tolle Gespräch mit Roger zu Ende. Anschliessend folgte, wie bereits erwähnt, das energiereiche Konzert der Amerikaner, das eine gute Laune bei allen Besuchern erzeugte. Nun kann man wahrlich auf das neue Material gespannt sein.  Der erste Song, der von der neuen Platte bereits veröffentlicht wurde, findet ihr unten. Er zeigt euch, in welche Richtung es geht: Nach vorne!